„Canal Grande“ von Hannu Raittila – Finnischer Frohmut

Buch: „Canal Grande“

Autor: Hannu Raittila

Verlag: Knaus

Ausgabe: Hardcover, 366 Seiten

Der Autor: Hannu Raittila (geb. 1956) gilt als einer der interessantesten und wichtigsten Autoren Finnlands. Man kennt ihn als Verfasser von Kolumnen, Hörspielen, Drehbüchern, von fünf Bänden mit Erzählungen und mehreren Romanen. Für CANAL GRANDE erhielt er den Finlandia-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes. Der Roman bildet den zweiten Teil seiner so genannten Wasser-Trilogie. Dass Raittila Autor dramatischer Texte ist, merkt man auch seiner Prosa an. Er liebt es, mehrere Erzählstimmen neben- bzw. nacheinander zur Geltung zu bringen, ohne sie kommentierend in Beziehung zu setzen. Den Zusammenhang bildet die vom Autor geschaffene Situation und Konstellation. Die unterschiedlichen Stimmen sorgen für Brechungen im geschlossenen Bild. Wirklichkeit ist immer die Wirklichkeit des Einzelnen. (Quelle: Random House)

Das Buch: Was geschieht, wenn fünf Finnen im Auftrag der UNESCO nach Venedig reisen, um die Stadt vor dem Versinken zu retten? Nun, es geschieht eine ganze Menge Unsinn. Urkomisch, intelligent, voller Anspielungen auf Literatur, Kunst und Kultur: „Canal Grande“ ist ein fesselnder Roman und eine unterhaltsame Auseinandersetzung nicht nur mit Venedig, sondern auch mit den Finnen und der abendländischen Kultur.

Venedig im Nebel – drei Wochen lang sieht man die Hand vor Augen nicht. Genau in dieser Zeit kommt eine Gruppe finnischer Experten in die Stadt, um im Rahmen eines UNESCO-Projekts die maroden Gebäude der Stadt vor dem Untergang zu bewahren. Ein ehrgeiziges Projekt, doch hier stoßen zwei Mentalitäten aufeinander – die finnische und die italienische. Zu allem Überfluss friert auch noch genau während der Karnevalszeit die komplette Lagune mit allen Kanälen zum ersten Mal seit dem 13. Jahrhundert wieder zu – alle wichtigen Verkehrswege, Strom, Wasser, Heizung und Kanalisation sind lahm gelegt. Was die Finnen zum Verzweifeln bringt, ist den Venezianern allenfalls Anlass zu Experimenten: Ausgelassen wird gefeiert, so lange das Eis hält… (Quelle: Random House)

Fazit: Gelegentlich schenken mir liebgewordene Menschen Bücher, was ich insofern für eine gute Idee halte, als dass das wohl so ziemlich die einzige Art von Geschenk ist, bei der mit absoluter Sicherheit gewährleistet ist, dass ich mich früher oder später auch damit befasse. Manchmal aber eben erst später. So habe ich eine ganze Weile gebraucht, bis ich mich an das mir geschenkte „Stoner“ von John Williams getraut habe – im  Nachhinein nicht mehr plausibel erklärbar – und auch „Augustus“ des selben Schriftstellers liegt noch auf meinem Stapel, weil noch nicht der passende Zeitpunkt dafür gekommen ist. Noch wesentlich, weeeesentlich länger habe ich allerdings gebraucht, um mich dem mir vor Äonen geschenkten „Canal Grande“ von Hannu Raittila zu widmen. Ich nehme an, das hat vor allem zwei Gründe:

Auch wenn ich die Nichtteilnahme Finnlands an der Fußball-WM, ebenso wie die Norwegens, mit Bedauern zur Kenntnis nehme, weil ich nach der Niederlage der Dänen und dem Vorrunden-Aus der Isländer, die ich immer wieder gerne „Isen“ nenne, jetzt für Schweden sein muss, was sich irgendwie nicht richtig anfühlt, so habe ich in literarischer Hinsicht mit den Finninen und Finnen so meine Schwierigkeiten. Die Zahl der problematischen Aufeinandertreffen zwischen finnischen Autoren und mir – auch wenn es sich dabei meistens um solche aus dem Krimi- oder Thriller-Genre handelte – ist Legion. „Canal Grande“ hatte daher schon mal mit Berührungsängsten zu kämpfen.

Zum Anderen schrieb der Journalist Imre Grimm kürzlich sinngemäß, er horche immer auf, wenn es über einen Roman heiße, er sei „brüllend komisch“. Denn so richtig brüllend komisch habe er bislang noch keinen Roman gefunden, was nicht zuletzt an der Länge dieser Literaturgattung liege. Für ihn funktioniere Humor eher in der kurzen Version im Stile von:

„Denk´ Dir mal ´ne Zahl aus.“

„17!“

„Gibt´s schon …“

Und so geht es mir eben auch. So richtig komisch finde ich Romane selten. Seltenst sogar. Und auch „Canal Grande“ wurde auf dem Klappentext eben als „urkomisch“ beschrieben. Die Berührungsängste bekamen weitere Nahrung.

Gut, dass ich mich dem Werk des finnischen Schriftstellers doch noch gewidmet habe, ich hätte andernfalls nämlich etwas verpasst.

Raittila erzält die Geschichte aus zwei Perspektiven, zum Einen aus der des Ingenieurs Marrasjärvi, zum Anderen aus der des lebensüberdrüssigen Kunsthistorikers Saraspää. In den ersten Kapiteln hatte ich noch Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Erzählstimmen auseinanderszuhalten, später ergibt sich das aus dem Kontext und der Autor gibt beiden Personen einen entsprechenden, eigenen Stil, der bei der Unterscheidung hilft, entsprechende Kapitelüberschriften oder ähnliches gibt es nämlich nicht.

Nach dieser kurzen Eingewöhnungsphase wird dem Leser die Skurrilität der Situation, in der sich die finnische Delegation befindet, bewusst. Da treffen sie mit einer Reihe anderer Delegationen aus aller Herren Länder der EU zusammen, beraten über dies und das, die Briten bringen die erfolgreiche Dezimierung ihrer Londoner Taubenpopulation mittels Empfängnsiverhütung durch spezielles Taubenfutter zur Sprache, und stellen die Frage in den Raum, ob das nicht für Venedig auch eine Lösung wäre, thematisieren die Schifffahrtswege von bzw. nach Venedig und deren Auswirkung auf den Wasserstand in der Stadt und werfen die Frage nach diesbezüglichen Veränderungen auf, was die Venezianer wutentbrannt aus der Haut fahren lässt und was das eigentliche Projekt angeht, passiert derweil: nichts!

Das finden die meisten Beteiligten allerdings auch gar nicht so schlimm. Lediglich der Ingenieur Marrasjärvi versucht, den Job zu machen, für den er aus EU-Mitteln bezahlt wird. Der Kunstexperte Saraspää hat derweil andere Sorgen, der Dozent Heikkilä wandert den ganzen lieben langen Tag durch Venedig und doziert und die Kulturrätin Snell nutzt die Arbeit mit den anderen Delegationen lieber dafür, das Image Finnlands aufzupolieren und bestellt zu diesem Zweck Unmengen finnisches Geschirr, das bei den Italienern nur auf, vorsichtig fomuliert, recht wenig Gegenliebe stößt.

Überhaupt, diese Charaktere. Ein herrliches Sammelsurium verhaltensorigineller Personen hat Raittila da geschaffen. Insbesondere der Dozent Heikillä hat es mir angetan. Mag die Situation auch noch so elendig sein, sie kann nicht so schlecht sein, als dass der Dozent nicht noch mal eben aus dem Stegreif Vorträge zu diversen historischen Gegebenheiten halten kann. Und man lernt auch noch etwas dabei.

Auch Marrasjärvi in seiner nüchternen Art hat etwas. So beispielsweise in der Szene, in der die Finnen von den Venezianern einen Kühlschrank für ihr Quartier bekommen, der durchaus seinen Dienst tut, allerdings 220-V-Stromschläge verteilt. „Ob der Kühlschrank nicht funktioniere, wollte der Dozent wissen. Doch, er funktioniert, aber seine Blechhülle wird Bestandteil des Stromnetztes von Venedig, wenn man den Stecker in die Wand steckt.“ (S.141)

Auch der Stil trägt einiges dazu bei, dass man „Canal Grande“ mit Freude lesen kann. Die Eigenheit, dass viel indirekte Rede verwendet wird, muss man ertragen können, ansonsten sollte Raittila niemanden überfordern.

Die Geschichte selbst lebt, insbesondere in ihrer ersten Hälfte, von der erwähnten Skurrilität der Situation und ist tatsächlich, entgegen meiner Vermutung, urkomisch. Manchmal sehr feinsinnig, manchmal mit dem Holzhammer, aber immer irgendwie augenzwinkernd beschreibt Raittila die Unterschiede zwischen Finnland und Italien. Aber auch viele andere EU-Staaten bekommen, besonders in einem legendären Wutausbruch des Ingenieurs während einer Sitzung in der wohl einzigen finnischen Sauna Venedigs, ihr Fett weg.

Dabei belässt es der Autor aber nicht. Er thematisiert auch die Langsamkeit europäischer politischer Prozesse, Kriege, Flüchtlingspolitik, die Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt und vieles mehr. Dabei gelingen ihm zwei Kunststücke: Erstens verzettelt er sich zwischen diesen ganzen Themen nicht, widmet aber jedem aureichend Zeit und zweitens wirkt „Canal Grande“ trotz dieser Themen nicht so schwermütig, wie sich das vielleicht anhören mag. Zumindest ist der ersten Hälfte des Buches. In Hälfte zwei verabschiedet sich der Autor weitgehend vom humorvollen Ton, aber besagte zweite Hälfte hat ebenfalls durchaus ihre Qualitäten, nur eben abseits des Humors.

In Zeiten, in denen führende Personen einer nur in einem Bundesland tätigen Partei den europäischen Gedanken mit Füßen und allem anderen, dessen sie gerade habhhaft werden können, treten, halte ich „Canal Grande“ auch 13 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung sogar für ein recht wichtiges Buch. Und sei es auch nur, um ein wenig der Entspannung wieder zu finden, die besagten führenden Personen derzeit wohl verloren gegangen ist.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Haus des Dädalus“ von Kai Meyer.

 

„Die Blausteinkriege II – Sturm aus dem Süden – Solider Mittelteil

Buch: „Die Blausteinkriege II – Sturm aus dem Süden“

Autor: T.S. Orgel

Verlag: Heyne

Ausgabe: Broschiert, 637 Seiten

Die Autoren: Hinter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in phantastische Welten. Nach einer Reihe von Kurzgeschichten und elektronischen Veröffentlichungen erschien 2012 ihr erster gemeinsamer Roman Orks vs. Zwerge, für den sie im Oktober 2013 den Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Debüt erhielten. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Das Kaiserreich Berun ist in seinen Grundfesten erschüttert. Am Hof regieren Intriganten, der Kaiser ist schwach, und im Süden probt das Protektorat Macouban den Aufstand. In diesen Wirren schlägt die Stunde ungewöhnlicher Helden. Der Schwertmann Marten, die Spionin Sara und der in Ungnade gefallene Danil machen eine Entdeckung, die ihr Schicksal und das von Berun ins Ungewisse stürzen wird. Denn ihr wahrer Feind gibt sich jetzt zu erkennen.

Zwei dunkle Schiffe kreuzen vor den Küsten des Südens …

(Quelle: Heyne)

Fazit: Eigentlich sollte dieser Text gestern schon erscheinen. Irgendwie ging der Sonntag aber damit drauf, dass ich mich stundenlang durch die deutsche Medienlandschaft sah, blätterte und klickte, auf meiner verzweifelten Suche nach zurechnungsfähigen CSU-Politikern. Über das Ergebnis der Suche schweige ich mich lieber aus, das gehört auch nicht hierher.

Hierher gehört viel mehr mein Eindruck zum zweiten Teil der „Blausteinkriege“-Trilogie der Orgelbrüder. Nun verhält es sich so, dass die Anzahl meiner noch zu besprechenden Bücher, inklusive diesem hier, auf mittlerweile sieben angestiegen ist, was sich unter anderem dadurch entwickelt hat, dass ich einige davon schon vor einiger Zeit gelesen habe, unter anderem eben auch das hier vorliegende. Da ich mich leider keines elefantösen Gedächtnisses rühmen kann, ist es durchaus möglich, dass ich mich diesmal daher kürzer fasse und mich auf das beschränke, was mir am nachhaltigsten im Gedächtnis geblieben ist.

Dazu sei natürlich angefügt, dass es sich bei „Die Blausteinkriege II – Sturm aus dem Süden“, wie es der Name schon impliziert, um den zweiten Teil eines Dreiteilers handelt. Ich möchte daher nicht ausschließen, dass die folgenden Absätze Spoiler beinhalten könnten, auch wenn ich natürlich versuche, diese zu vermeiden.

Wenn man berücksichtigt, wie lange ich für die Lektüre des zweiten Teils gebraucht habe, und welche hohe Zahl von Anläufen dafür notwendig war, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es sich bei „Die Blausteinkriege II“ um ein fürchterliches Buch handelt. Dem ist glücklicherweise nicht so, auch wenn es – das sei schon mal vorweg gesagt – nicht ganz mit dem ersten Teil mithalten kann.

Im ersten Teil lobte ich vor allem die Welt, die die beiden Autoren erschaffen haben. Das Szenario mit den vor ewigen Zeiten getöteten Göttern begeistert mich auch nach wie vor, ist aber wohl weitgehend auserzählt, weswegen der Leser zur Welt der Blausteinkriege nichts nennenswert Neues mehr erfährt, wenn man mal von einer detaillierten Schilderung des sogenannten „Protektorats Macouban“ absieht.

Auch mit den Charakteren konnte ich mich schon im ersten Teil sehr gut anfreunden. Marten ist und bleibt mein Lieblingscharakter, seine sarkastische, in seltenen Fällen leicht fatalistische Art fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Und auch mit Thoren und „Meister Messer“ – Letzteren habe ich in meiner Rezension zu Teil 1 als „eine coole Version von Grima Schlangenzunge mit „Hitman“-Qualitäten“ bezeichnet, eine Charakterisierung, die nach wie vor Bestand hat – kam ich weiterhin gut aus. Tragischerweise gefiel mir Sara immer noch nicht und ich habe auch immer noch nichts, woran ich das im Detail festmachen kann. Vielleicht kann ich das nach Teil 3 genauer in Worte fassen.

Überrascht hat mich dagegen der bis an die äußersten Grenzen des Kaiserreichs verbannte Danil. Während selbiger im ersten Teil in erster Linie als eine Art „Sidekick“ von Marten bzw. durch eine eher kitschige Liebesgeschichte – übrigens der Grund für die Verbannung – von sich reden machte, entwickelte sich Danil für mich zum heimlichen Star des Buches.

Insgesamt überzeugen die Charaktere mich also wieder, auch wenn ich – ohne zu viel zu verraten – mit einer bestimmten Personalentscheidung der Autoren nicht einverstanden bin. Entschieden nicht. So gar nicht. Weil ich diese Entscheidung als schwer nachvollziehbar und unnötig empfand. Sollte ich die Brüder Orgel mal treffen: Darüber wird zu reden sein.

Wer den Stil des erstens Teils der „Blausteinkriege“ mochte, kommt naturgemäß auch im zweiten Teil auf seine Kosten. Die Autoren schreiben unkompliziert und dennoch bildhaft. Das für mich Wichtigste ist aber: Sie haben Humor. So entblöden sie sich nicht, auch mal ein sinngemäßes „Rambo“-Zitat über blaues Licht zu verwenden. Aus „Rambo III“, um genau zu sein. Auch ein den Eingeweihten sehr geläufiges Zitat aus der PC-Spielereihe „Fallout“ lässt sich finden. Ich bin mir sicher, dem aufmerksamen Leser könnten noch so eine oder zwei Stellen auffallen. Ich bin mir ebenso sicher, die Orgel-Brüder hatten einen Heidenspaß, diese Zitate einzubauen. :-)

Hinsichtlich der Handlung entspricht „Die Blausteinkriege II“ einem typischen Mittelteil. Die zum Trilogieauftakt entworfenen Handlungsstränge werden eben fortgeführt. Abgeschlossen ist naturgemäß noch nichts. Sollte man Handlungsstränge suchen, die abgeschlossen werden, ohne dass sie überhaupt näher erklärt werden, muss man sich „Episode VIII“ ansehen. Man verzeihe mir diesen Exkurs, aber ich hatte in meiner Rezension zum ersten Teil ebenfalls einen deplazierten „Star Wars“-Vergleich. ;-)

Insgesamt wird die Handlung auch überzeugend und spannend fortgeführt, insbesondere der Handlungsstrang um Danil hat es mir angetan, so ganz mithalten kann die Fortsetzung mit dem Trilogiebeginn allerdings nichts.

Dennoch hatte ich mit dem zweiten Teil durchaus meinen Spaß und sollten die Autoren meinen Eindruck auch im dritten Teil bestätigen, werde ich am Ende eine sehr überzeugende Triloge gesehen haben. Man wird sehen …

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder Kai Meyer oder Frank Schätzing oder David Mitchell oder Noah Hawley oder Hannu Raittila oder Marina Lewycka. Auch hier gilt: Man wird sehen …