„Die Blausteinkriege III – Der verborgenen Turm“ von T.S. Orgel – Keine Gefangenen

Buch: „Die Blausteinkriege III –  Der verborgene Turm“

Autor: T.S. Orgel

Verlag: Heyne

Ausgabe: Broschiert, 638 Seiten

Die Autoren: Hinter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in phantastische Welten. Nach einer Reihe von Kurzgeschichten und elektronischen Veröffentlichungen erschien 2012 ihr erster gemeinsamer Roman Orks vs. Zwerge, für den sie im Oktober 2013 den Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Debüt erhielten. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Im Kaiserreich Berun ist nichts mehr so, wie es war. In der Hauptstadt haben sich die Fürsten versammelt, um den anrückenden Kolnorern entgegenzutreten – umsonst. Es ist längst zu spät, der Feind ist bereits mitten unter ihnen. Sogar das Protektorat Macouban ist mittlerweile vollständig von den Hexern der Huacoun und ihren Vasallen besetzt. Allein Xari, Ordensritter Cunrad und die Schildbrecher stehen ihnen entgegen. Doch die Wahrheit ist noch viel schrecklicher. Denn während das Reich im Krieg versinkt, erwachen uralte Kräfte, und das Ende der Welt steht bevor … (Quelle: Heyne)

Fazit: Eingangs sei zur Sicherheit erwähnt, dass es sich bei „Die Blausteinkriege III – Der verborgene Turm“, der Titel impliziert es, um den dritten Teil einer Fantasy-Trilogie handelt. Insofern können in meiner Rezension mal wieder Spuren von Spoilern enthalten sein, auch wenn ich natürlich versuche, sie zu vermeiden.

Dass „Der verborgene Turm“ der Abschlussband einer Trilogie ist, merkt man dem Buch in mehrfacher Hinsicht deutlich an. Die Autoren lassen nur wenig so, wie es ist, machen vieles anders und drehen deutlich an der Action-Schraube.

Naturgemäß weitgehend unverändert ist der Stil des Buches. Sie schreiben weiterhin nicht sonderlich elaboriert, dafür aber sehr lesbar und bildhaft. Der unkomplizierte Schreibstil bedeutet auch, dass man zwischendurch durch Formulierungen wie „er flog irgendwo gegen“ – was ich als sprachlich holprig empfinde – durch muss, aber die Art in der die Brüder Tom und Stephan Orgel ihre Bücher verfasst haben, sollte dafür niemanden überfordern.Und außerdem sind wir hier nicht bei J. R.R. Tolkien. Auch ihren Sinn für Humor haben sich die Autoren im Abschlussband bewahrt. Auch wenn ich im Gegensatz zu den im zweiten Teil gefundenen Zitaten aus „Rambo III“ und „Fallout“ diesmal nur eines gefunden habe, nämlich ein sinngemäßes aus „Star Wars“ über „ein ganz mieses Gefühl“. :-)

Den Humor übertragen sie auch auf ihre Charaktere, was im dritten Teil der Trilogie ein eher überraschendes Problem für mich darstellte. In den ersten beiden Teilen bestach vor allem Marten – mit Abstrichen auch Danil – durch seine humorvolle, sarkastische, manchmal fatalistische Art. Nun haben die Autoren offensichtlich beschlossen, diesen Wesenszug auch auf andere Charaktere zu übertragen, jedenfalls habe ich das Gefühl, dass in Teil III plötzlich mehrere Charaktere irgendwie geistreich und/oder witzig sein wollen oder sollen. Das mag ein persönlicher Eindruck sein, gestört hat es mich dennoch.

Allerdings habe ich bezüglich der Charaktere noch ein weiteres Problem. Wer schon mal eine Fantasy-Trilogie gelesen hat, der weiß, dass im Normalfall nicht alle der Charaktere auch das Ende des Buches erleben. Und es verhält sich hier – und nein, das ist kein Spoiler – natürlich auch nicht anders. Das ist auch völlig okay – wobei ich mit einer Personalentscheidung aus Teil II immer noch nicht zufrieden bin und bis Ende des dritten Teils vergeblich auf einen erst kürzlich schon beschriebenen „Bobby-Ewing-unter-der-Dusche“-Moment (die Älteren werden sich erinnern) gewartet habe, leider vergeblich – und das trägt auch zur Glaubwürdigkeit des Handlungsrahmens bei, wenn nicht alle zu Beginn vorhandenen Personen am Ende des Abschlussteils ein Happy End mit im Hintergrund tanzenden Weihnachtselfen feiern, aaaaber: Hier übertreiben die Autoren meines Erachtens ein wenig.

Keiner der Charaktere kann sich seines Lebens sicher sein, manche werden spektakulär, manche eher beiläufig aus der Geschichte verwiesen. Das Ganze las sich ein bisschen so, als hätten die Autoren ein von Gene Roddenberry und George R. R. Martin geleitetes Seminar mit dem Thema „Wie schreibe ich Figuren raus?“ besucht und sich dann sklavisch an das Gelernte gehalten.

Dabei können die Charaktere – zumindest bis zu ihrem umfreiwilligen Ableben – quasi ausnahmslos überzeugen, sogar mit Sara habe ich zu großen Teilen meinen Frieden gemacht, deren anfängliche Entwicklung vom unschuldigen Mädchen zur personifizierten Rachegöttin mir einfach zu schnell ging. Im Abschlussband wirkte sie auf mich deutlich menschlicher als in den ersten beiden Büchern. Dass sie sich hackedicht dem Mann in die Arme wirft, der sie zuvor sträflich verleugnet und hintergangen hat – geschenkt.

Auch im Bereich der Handlung machen die Brüder Orgel einiges anders. Das Herausschreiben der Charaktere deutet schon darauf hin: „Der verborgene Turm“ ist ein Action-Feuerwerk allererster Kajüte. Ein bisschen so, als hätte man sich an den ersten 20 Minuten von „Der Soldat James Ryan“ orientiert. Es gibt deutlich mehr Kämpfe, Schlachten, Tod, Blut und Innereien. Band III ist im Gegensatz zu seinen Vorgängern deutlich grausamer. Nicht so grausam wie die Tatsache, dass heute das neue Album von Rick Astley erschienen ist – der Typ mit der Föhnwelle aus den 80ern, dessen Platten schneller abgespielt wie Kylie Minogue klangen – aber eben doch deutlich härter.

Mir persönlich machte das allerdings wenig aus, da ich der Meinung bin, dass ein solches Actionfeuerwerk genau das ist, was die „Blausteinkriege“-Reihe zu ihrem Abschluss gebraucht hat.

Abseits der Gewaltspirale kann die Handlung ebenfalls überzeugen, manche Geschehnisse erscheinen zwar arg zufällig und gewollt, beispielsweise, wenn mehrere für die weitere Handlung nicht unerhebliche Figuren mitten in der eisigen Einöde durch Zufall aufeinandertreffen, aber insgesamt kann ich mich nicht beschweren. Die einzelnen Handlungsstränge werden überzeugend miteinander verknüpft und führen zu einem Ende, … – über das ich natürlich nichts erzähle.

Es sei übrigens noch gesagt, dass ich eigentlich fast nie auf Cover oder sonstige Gestaltung eines Buches eingehe – und wenn ich es doch tue, spricht es meistens nicht für das Buch („wenigstens war das Cover hübsch“) – weil ich finde, dass so etwas absolut null über das Buch aussagt und ich, nur als Beispiel, auch nicht die wunderschöne rot-weiße Tischdekoration des italienischen Restaurants um die Ecke loben würde, wenn ich mir dort eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hätte. In diesem Fall muss ich es aber doch tun, denn alle drei Teile sind optisch wunderbar gestaltet und auch haptisch ein Erlebnis. Ein Hoch auf den für die Covergestaltung verantwortlichen Franz Vohwinkel!

Abschließend sei gesagt: Wer mal wieder eine deutsche Fantasy-Trilogie lesen möchte, die mit einem ungewöhnlichen Handlungsrahmen, einer spannenden Handlung, weitgehend überzeugenden und teils verschrobenen Charakteren und einem sehr lesbaren Stil aufwartet, der ist bei „Die Blausteinkriege“ an der richtigen Adresse.

Wertung:

Handlung: 8,5

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Vor dem Fall“ von Noah Hawley.

4 Kommentare zu „„Die Blausteinkriege III – Der verborgenen Turm“ von T.S. Orgel – Keine Gefangenen

  1. Also zunächst mal: nein, WordPress ist nicht kaputt, aber es läuft nach wie vor die WM, auch wenn wir nicht mehr dabei sind laufen dennoch 22 Personen auf einem Platz einem Ball hinterher, den sich jeder einzelne selbst mehrfach leisten könnte und das interessiert viele halt immer noch. Dazu haben wir Sommer, da bewegen sich die meisten Menschen eher draußen als vor dem PC, Lappi & Co.. Dazu ist so langsam Urlaubszeit…
    Genug Gründe sich hier nicht rumzutreiben. ;D
    Bei mir war es eher das eingeschränkte Gucken auf einem Auge. Zunächst durfte ich nichts anderes als den lieben langen Tag auf der rechten Seite zu liegen und danach nur stundenweise PC etc., tja, und danach überschlugen sich die Ereignisse ein wenig.
    So, genug entschuldigt für meine kommentarlose Missachtung jeglicher Blogeinträge in den vergangenen 3 Wochen von Dir.

    Kommen wir zu diesem hier. Für mich klingt es jetzt nur bedingt nach einem Buch, was ich gerne lesen möchte. Kann aber auch daran liegen, dass ich zwar aktuell recht blutrünstig (also lesetechnisch gesehen) unterwegs bin, dies aber in so schönen Gefilden wie in der Provence oder auf ostfriesischen Inseln. Also exakt gesagt, bin ich gerade sehr im Krimigenre verwurzelt und habe mit Fantasy im Moment so gar nix anne Brause. Kann aber durchaus kommen. ;D

    Gefällt 1 Person

    1. Also, WM hatten wir im letzten Monat schon, sogar noch mit erheblich viel mehr Spielen, auch wenn viele davon eine zweifelhafte sportliche Qualität hatten. Im Juli waren ja auch viele spielfreie Tage, das kann es also eigentlich nicht sein.

      Sommer und Urlaub hatten wir letztes Jahr auch, auch wenn der Sommer qualitativ ähnlich schlecht war, wie viele WM-Spiele, aber ein derartiger Einbruch ließ sich damals nicht feststellen.

      Vielleicht ist WordPress also doch defekt. ;-)

      Deine eingeschränkte Sehfähigkeit klingt erst mal nicht gut, ich wünsche in dieser Hinsicht gute Genesung!

      Und was das Buch angeht: Ja, man hat halt immer so Phasen, in denen man mit bestimmten Genres nicht das Geringste anfangen kann. Ich habe beispielsweise im Herbst/Winter immer eine ausgeprägte Krimi-Phase. Im Moment beschäftige ich mich, auch abseits der Literatur, halt unheimlich viel mit Fantasy. :-)

      Gefällt 1 Person

  2. Wie schön, dass du jetzt offensichtlich beschlossen hattest/hast, dir den dritten Teil möglichst zügig von der Backe zu lesen/zu schreiben. Vielen Dank dafür. Deine Einschätzung bestätigt mich in meiner (von dir: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich etwas mag, wenn du es gelobt hast, ist durchaus recht hoch.).
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich habe momentan, auch abseits der Literatur, irgendwie eine Fantasy-Phase, da bot sich an, die Reihe zügig zu beenden.

      Immer schön zu hören, wenn meine Meinung auch von meiner Leserschaft geteilt wird. ;-)

      Liebe Grüße zurück und für später schon mal einen guten Start in ein hoffentlich schönes Wochenende.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.