„Slade House“ von David Mitchell – Der literarische Querverweis

Buch: „Slade House“

Autor: David Mitchell

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: David Mitchell ist ein 1969 in Southport, Lancaster, geborener britischer Schriftsteller. Er studierte an der University of Kent Englisch und Amerikanische Literatur und und erhielt den M.A. in Komparatistik. Nach seinem Studium war er unter anderem als Lehrer auf Sizilien und an der Universität Hiroshima in Japan tätig.

Mitchell begann seine literarische Karriere mit seinem 1999 erschienen Erstlingsroman „Ghostwritten“. Im Jahr 2004 erschien sein bislang wohl bekanntester Roman „Cloud Atlas“ (dt. „Der Wolkenatlas“). Dieser wurde im Jahr 2012 von Tom Tykwer und Lana und Lilly Wachowski verfilmt.

Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im irischen Clonakilty.

Das Buch: Geh die Slade Alley hinunter – schmal, feucht und leicht zu verfehlen, selbst wenn du sie suchst. Finde das kleine schwarze Eisentor in der Mauer zur Rechten. Keine Klinke, kein Schlüsselloch, aber wenn du es berührst, schwingt es auf. Tritt in den sonnendurchfluteten Garten eines alten Hauses, das dort unpassend wirkt: zu nobel für die schäbige Nachbarschaft, irgendwie zu groß für das Grundstück. Ein Fremder begrüßt dich und führt dich hinein. Zunächst möchtest du gar nicht mehr fort. Dann merkst du, dass du es nicht mehr kannst. Denn alle neun Jahre, am letzten Sonntag im Oktober, wird ein „Gast“ ins Slade House eingeladen. Doch warum wurde er oder sie ausgewählt, von wem und zu welchem Zweck? Die Antwort findet sich dort am hinteren Ende des Flurs, oben am Absatz der Treppe. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Vor einigen Jahren las ich erstmals nichtsahnend Mitchells „Der Wolkenatlas“ – und war schlichtweg begeistert. Zu erleben, wie kunstvoll der Autor die einzelnen Abschnitte seines Romans ineinander verschachtelte und miteinander verwob, war eine gänzlich neue Erfahrung für mich. Flugs war der Entschluss gefasst, sich auch mit den anderen Büchern des Schriftstellers zu befassen, weshalb ich mittlerweile blind zu jeder Neuerscheinung Mitchells greife, so nun eben auch zu „Slade House“.

Mit seinem neuen Roman hat der Autor eine Art, nun, man könnte es „Prequel“ nennen, wenn man wollte, was ich nicht will, man könnte es auch „Vorgeschichte“ nennen, wenn das denn sachlich richtig wäre – sagen wir einfach, mit seinem neuen Roman hat der Autor ein inhaltlich mit seinem 2016 erschienenen „Die Knochenuhren“ zusammenhängendes Buch geschrieben.

Jetzt weiß ich es: Spin-off! Ja, so etwas heißt heute Spin-off!

Wenn man über Mitchell-Romane schreibt, dann muss man für gewöhnlich einige Worte über deren äußere Form verlieren und das ist auch bei „Slade House“ nicht anders. Der Autor teilt seinen Roman in fünf Abschnitte ein. Jeder dieser Abschnitte hat seinen eigenen Protagonisten und spielt im Abstand von neun Jahren, beginnend 1979.

Naturgemäß bauen die Abschnitte inhaltlich aufeinander auf, so begleitet man im ersten Kapitel beispielsweise den jungen Nathan und seine Mutter und im zweiten den Polizisten Gordon Edmonds, der sich neun Jahre später auf die Suche nach dem verschwundenen Nathan und dessen Mutter macht usw.

Neu ist diese Art des, sagen wir mal, ineinander verschachtelten Aufbaus nicht, im Grunde genommen ist dieser Aufbau sogar charakteristisch für Mitchells Bücher, ich gebe aber zu, davon wohl nie genug bekommen zu können. Darüber hinaus nimmt Mitchell in seinen Büchern häufig Bezug auf seine anderen Werke. So erinnere ich mich noch lebhaft an den Moment, in dem mir in „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ ein inhaltlicher Querverweise zu „Der Wolkenatlas“ auffiel. Ich erinnere mich ebenso, das ganz fantastisch und irgendwie ein bisschen gruselig gefunden zu haben. Die Querverweise in „Slade House“ sind dagegen eindeutiger und augenfälliger. Mitchell vertieft darin die Hintergrundgeschichte rund um die in „Die Knochenuhren“ beschriebenen Anachoreten. Allerdings, jedenfalls nehme ich das an, funktioniert „Slade House“ auch gut, wenn man das Buch, auf das es Bezug nimmt, nicht gelesen hat.

Bei einem Umfang von gerade mal etwa 240 Seiten sollte man annehmen, dass Mitchell kein Raum blieb, um wirklich erinnerungsürdige Charaktere zu entwickeln. Und in gewisser Weise stimmt das auch, nämlich in der Hinsicht, dass man sich an keine Charaktere gewöhnen kann und sollte, und dementsprechend mittelfristig vielleicht die Erinnerung an sie schwerfällt. Dennoch schafft es der Autor, trotz des begrenzten Umfangs des Buches, in nur wenigen Sätzen den gesamten Mikrokosmos, in dem sich seine Figuren bewegen, zu beschreiben. So erfährt man beispielsweise beinahe nebenbei, dass Nathans Mutter sich Valiumtabletten einwirft, an denen der Junge sich auch ganz gerne bedient, dass ein Vater bzw. Ehemann nicht vorhanden zu sein scheint, die als Pianistin tätige Mutter derzeit ohne Job ist und also die Lebensumstände von Mutter und Sohn alles andere als rosig sind.

Inhaltlich kann ich natürlich nicht viel verraten, weil jedes Wort zu viel dem Buch gänzlich den Reiz nehmen würde. Ich kann nur sagen, dass der Leser dem Geheimnis rund um das „Slade House“ Abschnitt für Abschnitt näher kommt, ähnlich einer Matrjoschka, und das, ja, das macht wirklich Spaß.

Bleibt nur zu hoffen, dass Mitchell schon sehr bald wieder einen weiteren Roman schreibt, dann gerne wieder mit etwas größerem Umfang. Aber das Schreibtempo des amerikanischen Schriftstellers, hach … In der Zeit, in der Mitchell zwei Romane veröffentlicht, veröffentlich James Patterson, bei allem Respekt, etwa 38, aber der hat auch bis zu sieben Co-Autoren. Vielleicht sollte Mitchell darüber auch mal nachdenken. Wobei, besser nicht. Dann warte ich lieber. Und seine Bücher „Number 9 Dream“ und „Der dreizehnte Monat“ habe ich schließlich, in weiser Voraussicht, auch noch nicht gelesen. Damit lässt sich die Wartezeit wohl überbrücken. Dennoch: Sieh zu, David!

Ach, bevor ich es vergesse: Falls jemand „Slade House“ schon gelesen hat und mir das Motiv des in jedem Kapitel kurz auftauchenden Joggers in schwarz-oranger Kleidung erklären könnte, wäre ich sehr begeistert. Mir ist es aufgefallen, aber begriffen habe ich es nicht. :-)

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Aufbau und Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Projekt Epilog“ von Peter Georgas-Frey.

2 Kommentare zu „„Slade House“ von David Mitchell – Der literarische Querverweis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.