„Risiko“ von Steffen Kopetzky – Opulent

Buch: „Risiko“

Autor: Steffen Kopetzky

Verlag: Heine

Ausgabe: Taschenbuch, 733 Seiten

Der Autor: Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Verfasser zahlreicher preisgekrönter Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Von 2002 bis 2008 war er künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Geheimexpedition des Deutschen Reichs an den Hindukusch: Nach einem Plan des Orientkenners Freiherr Max von Oppenheim ziehen zur Zeit des Ersten Weltkriegs sechzig Mann mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen 5000 Kilometer durch Wüsten und Gebirge. Das Ziel: den Emir von Afghanistan und die Stämme der Paschtunen im Namen des Islam zum Angriff auf Britisch- Indien zu bewegen. (Quelle: Heyne)

Fazit: Nach Hohlbeins „Mörderhotel“ folgt nun mit Kopetzkys „Risiko“ schon wieder eine Rezension über ein auf historischen Tatsachen beruhendes Buch. Den historischen Hintergrund bildet diesmal die sogenannte „Niedermayer-Hentig-Expedition“, die im Jahr 1914 nach Afghanistan aufbrach, um dort den Emir Habibullah auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.

„Mich hat dieses Buch in einen regelrechten Leserausch versetzt“, urteilt Denis Scheck über „Risiko“. Und auch wenn ich beileibe nicht immer die Meinung des Herrn Scheck teile, hier hat er vollumfänglich recht, denn mir ging es ähnlich. Gut, ich habe für „Risiko“ drei Anläufe gebraucht, weil immer etwas dazwischenkam. Meistens Bücher. Aber wenn man erst mal in diesem Buch drin ist, kann man sich ihm nur schwer entziehen.

Dabei erzählt Kopetzky seine Geschichte in jeder Hinsicht ausufernd. Der kurze und auf das Nötigste eingedampfte Erzählstil eines Ferdinand von Schirach – der hier nur exemplarisch genannt sei, weil er mir als stilistischer Gegenentwurf spontan einfiel – ist die Sache des Herrn Kopetzky nicht. Dabei bleibt sein Roman dennoch erstaunlich unkompliziert lesbar. Man merkt dem Autor aber durchaus eine gewisse Freude am Fabulieren an.

In einem historischen Roman, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielt, bietet es sich an, eine Reihe von berühmten Persönlichkeiten auftreten zu lassen. Und das tut Kopetzky natürlich auch. So taucht beispielsweise Alois Musil auf, Großcousin des Schriftstellers Robert Musil. Auch Albert Camus bekommt einen Auftritt, allerdings ohne Sprechrolle, im Jahr 1914 war er noch sehr klein, der Albert. Die Sprechrolle bekommt dafür sein Vater Lucien. Und auch der spätere Großadmiral Dönitz spielt für die Handlung eine nicht unerhebliche Rolle. Neben den berühmten Persönlichkeiten jener Zeit, lässt der Autor auch die passende zeitgenössische Literatur einfließen, indem er seine Hauptfigur Sebastian Stichnote Bücher wie „Der Tunnel“ von Bernhard Kellermann, „Auf zwei Planeten“ von Kurd Lasswitz oder den unvermeidbaren „Tod in Venedig“ von Thomas Mann lesen lässt.

Überhaupt, diese Hauptfigur. Im Rahmen der Expeditionsteilnehmer ist Sebastian Stichnote meines Wissens die so ziemlich einzige tragende Figur, die rein fiktiv ist. Und man muss ihn gern haben, den Stichnote. Er wirkt authentisch, macht im Verlauf des Buches durchaus eine gewisse Entwicklung durch und man nimmt als Leser Anteil an seinem Schicksal. Mehr kann man von einem Protagonisten eigentlich nicht wollen.

Bei den Nebenfiguren ist mir mit Arjona ausgerechnet die einzige Frau, die im Roman eine nennenswerte Rolle spielt – naturgemäß ist der Roman aufgrund seines Handlungsrahmens eher arm an Frauen – negativ aufgefallen. Dabei weiß ich noch nicht mal genau, was sie mir getan hat, aber irgendwie fand ich keinen Bezug zu ihr. Und auf die unvermeidliche Liebesgeschichte zwischen ihr und Sebastian hätte ich auch guten Gewissens verzichten können. Hinsichtlich der Nebenfiguren sticht vor allem der für die „NZZ“ schreibende Journalist Zickler heraus, dem der Autor meiner Meinung nach gerne mal einen ganzen Roman hätte widmen können.

Die Expedition selbst beginnt innerhalb der Handlung erst nach einigen hundert Seiten. Vorher erlebt der Leser an Stichnotes Seite den Beginn des Ersten Weltkriegs, an dem der Protagonist an Bord der „SMS Breslau“ zusammen mit der „SMS Goeben“ so einigen Anteil hat. Und auch sonst hat es Kopetzky bei der Schilderung der Geschehnisse nicht eilig. Er schweift gerne ab, beschreibt Nebenschauplätze und vermeintliche Nebensächlichkeiten. Das alles fügt sich aber zu einem großartigen Gesamtbild zusammen. Man muss als Leser eben etwas Zeit und Geduld aufwenden, wird dann aber mit einem der besten historischen Romane belohnt, die ich seit langer Zeit gelesen habe.

Kurz: Für jemanden, der gerne historische Romane liest, allgemein historisch interessiert ist, der gewisse Grundkenntnisse zur Entstehung und Entwicklung des Ersten Weltkriegs mitbringt, vielleicht schon mal etwas von der Schlacht von Gallipoli gehört hat und der sich nicht scheut, Bücher mit einem Umfang von mehr als 700 Seiten zu lesen – für Leser wie mich also – ist „Risiko“ ein großer Wurf. Alle anderen sollten vielleicht besser die Finger davon lassen.

Abschließend sei gesagt, dass das namensgebende Spiel „Risiko“ übrigens auch im Buch auftaucht. Das schenke ich mir an dieser Stelle aber – ebenso, wie einige andere Dinge, über die ich noch schreiben wollte -, weil ich dann anfange, mich im Detail mit der historischen Korrektheit der geschilderten Ereignisse zu befassen. Und das würde dann einerseits den Rahmen sprengen und hätte andererseits für meine treue Leserschaft nur einen ausgesprochen begrenzten Mehrwert. :-)

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Hatte ich eigentlich schon über den zweiten Teil von „Die Blausteinkriege“ geschrieben …? Dann tue ich das wohl bald einmal. Oder über Schätzings „Die Tyrannei des Schmetterlings“. Man wird sehen.

7 Kommentare zu „„Risiko“ von Steffen Kopetzky – Opulent

    1. Oh, vielen herzlichen Dank! Und ja, „episch“ trifft es durchaus. Ich werde mir bald einmal Kopetzkys „Grand Tour“ zu Gemüte führen, und hoffe, dass es mich ähnlich begeistern wird.

      Gefällt 1 Person

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