„Artemis“ von Andy Weir – Watney 2.0?

Buch: „Artemis“

Autor: Andy Weir

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 431 Seiten

Der Autor: Andy Weir wurde bereits im Alter von 15 Jahren von einem Labor als Programmierer angestellt und arbeitet seitdem als Softwareentwickler. Er bezeichnet sich selbst als „lifelong space nerd“ und beschäftigt sich hobbymäßig mit Physik, der Geschichte der bemannten Raumfahrt und ähnlichem.

Bereits 2009 stellte Weir die ersten Kapitel seines Debütromans „Der Marsianer“ ins Netz. Die Resonanz lag weit jenseits jeglicher Erwartungen, sodass sich schließlich auch ein Verlag fand, um die Printausgabe unter die Leute zu bringen.

Im Jahr 2015 wurde „Der Marsianer“ erfolgreich von Ridley Scott mit Matt Damon als Mark Watney verfilmt. Sogar mir gefiel die filmische Umsetzung ausnehmend gut, in erster Linie wegen der überzeugenden Leistung von Matt Damon (und Kate Mara, und Jessica Chestain), für die er zu Recht den „Golden Globe“ erhielt.

Nun ließ Weir mit „Artemis“ seinen zweiten Roman folgen, der diesmal auf dem Mond angesiedelt ist.

Das Buch: Jazz Bashara ist kriminell. Zumindest ein bisschen. Schließlich ist das Leben in Artemis, der ersten und einzigen Stadt auf dem Mond, verdammt teuer.Und verdammt ungemütlich, wenn man kein Millionär ist. Also tut Jazz, was getan werden muss: Sie schmuggelt Zigaretten und andere auf dem Mond verbotene Luxusgüter für ihre reiche Kundschaft. Als sich ihr eines Tages die Chance auf einen ebenso lukrativen wie illegalen Auftrag bietet, greift Jazz zu. Doch die Sache geht schief, und dann wird auch noch ihr Auftraggeber ermordet. Plötzlich steckt Jazz mitten drin in einer tödlichen Verschwörung, in der nichts Geringeres auf dem Spiel steht, als das Schicksal von Artemis selbst. (Quelle: Random House)

Fazit: Wenn man ein derartig erfolgreiches Romandebüt wie „Der Marsianer“ geschrieben hat, das dann auch noch so erfolgreich verfilmt wurde, obwohl man den Film für die deutsche Version mit dem schwachsinnigen und überflüssigen Untertitel „Rettet Mark Watney“ versehen hat, dann steht man wahrscheinlich unter einem ziemlichen Druck, wenn man seit zweites Buch schreibt. Merkt man „Artemis“ diesen Druck an? Ja und nein!

Man merkt, dass Weir vieles so macht, bzw. machen wollte, wie in seinem ersten Roman. Safety first. Da wären zum Einen die detaillierten Beschreibungen technischer und naturwissenschaftlicher Vorgänge. Ich persönlich hatte damit in „Der Marsianer“ wenig bis gar keine Probleme, vor allem auch deswegen, weil ich ohnehin selten nachvollziehen oder gar überprüfen konnte, was mir der Autor da erzählen will, was aber weniger der mangelnden Erklärungsfähigkeit Weirs anzukreiden ist, sondern eher meinem beklagenswerten Kenntnisstand im Bereich der Naturwissenschaften. Wer diese Schilderungen aber schon in Weirs Erstling störend fand, der könnte auch mit „Artemis“ ein Problem haben, auch wenn diese Schilderungen diesmal etwas dosierter eingesetzt werden.

Zum Anderen wäre da die Hauptfigur. „Der Marsianer“ lebte zu großen Teilen von seinem überzeugenden Protagonisten Mark Watney. Und irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass der Autor versucht hat, diesen Protagonisten für „Artemis“ in einen weiblichen Körper zu verpflanzen und ihn bzw. sie auf dem Mond anzusiedeln. Auch Jazz Bashara ist die Coolness in Person und nie um einen dummen Spruch verlegen. Sie ist so ziemlich das, was Gillian Flynn in „Gone Girl“ als „Cool Girl“ bezeichnet hat, mit der Erläuterung:

„She´s a cool girl. Being the Cool Girl means I am a hot, brilliant, funny woman who adores football, poker, dirty jokes, and burping, who plays video games, drinks cheap beer, loves threesomes and anal sex, and jams hot dogs and hamburgers into her mouth like she´s hosting the world´s biggest culinary gang bang while somehow maintaining a size 2, because Cool Girls are above all hot. (…)“

Dass dieser Frauentyp eigentlich nicht existiert, muss nicht extra gesagt werden, wiewohl ich es beklagenswert finde. :-) Aber in „Artemis“ existiert er eben doch in Person von Jazz Bashara. Und wenn diese Person, mit der die Leserschaft ja den Großteil der Zeit verbringen muss, dann ein wenig so ist wie Sandra Bullock in „Miss Undercover“ vor ihrer Transformation zu Gracie Lou Freebush, dann wird das einzelne Leser sicherlich nerven. Ich persönlich kam mit Jazz aber ausgesprochen gut zurecht, obwohl, oder gerade weil, sie beispielsweise über den Geschmack eines Scotchs sagt: „Es schmeckte wie Satans brennende Rosette.“, nur um an den Barkeeper gewandt hinzuzufügen: „Billy, ich habe schon angenehmere Sachen geschluckt, die aus Menschen herausgekommen sind.“ (beides Seite 55). :-)

Aber auch abseits der Hauptfigur hat Weir ausgesprochen sympathische, teils verschrobene Charaktere erschaffen, die in der überwiegenden Mehrzahl überzeugend herüberkommen.

Über die Handlung möchte ich inhaltlich eigentlich nicht mehr viel sagen, weil die Zusammenfassung schon mehr als ausreichend ist. Aber sie überzeugt ebenfalls, legt im späteren Verlauf noch an Spannung und Tempo zu, auch wenn die Protagonistin angesichts der für sie alles andere als zufriedenstellend laufenden Ereignisse vorübergehend ihren infantilen Humor teilweise einbüßt. :-) Weir gelingt es also nicht nur, eine Handlung zu schreiben, die sich hunderte von Seiten darum dreht, wie man einen Astronauten vom Mars bekommt, sondern auch eine, die deutlich mehr Komplexität aufweist. Sicherlich, die eine oder andere überraschende Wendung ist im Vorfeld zu erahnen, nichtsdestotrotz macht „Artemis“ über die gesamte Länge Spaß.

Ich jedenfalls habe „Artemis“ nach der Lektüre mit nicht wenig Bedauern zur Seite gelegt, zu sehr habe ich mich an die eher speziellen Charaktere gewöhnt und zu sehr hatte mich die Geschichte insgesamt überzeugt. Schade, dass es bis zu Weirs nächstem Ausflug in den Weltraum noch eine Weile dauern wird. Aber bis dahin schafft er es bestimmt, ein wenig mehr Abwechslung in seine Hauptfiguren zu bekommen.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ritter dunklen Rufes“ von David A. Gemmell.

13 Kommentare zu „„Artemis“ von Andy Weir – Watney 2.0?

  1. mir hat Artemis auch super gefallen. Besonders Jazz fand ich einfach mal erfrischend. Kein Typisches Spacemadel. Vor allem hat mir ihre Entwicklung im Laufe des Buches echt gut gefallen. Und die technischen Aspekte fand ich als Hard-SF-Fan echt geil. Darauf stehe ich ja total :D Freut mich wirklich, dass Dir das Buch auch gefallen hat <3

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  2. Ich hab schon ein paar Rezensionen zu „Artemis“ gelesen und bin mir noch nicht ganz sicher. Es war auch schon von zu langatmig die Rede (wahrscheinlich wegen der technischen und naturwissenschaftlichen Details), es wurde Jazz kritisiert und es gab Begeisterungsstürme. Deine Bewertung reiht sich in die Vielfalt der Meinungen im oberen Bereich ein und macht mir wieder mehr Spaß, zu dem Buch zu greifen.
    LG Gabi

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    1. Ja, beides kann man kritisieren, aber wenn man „Der Marsianer“ gelesen hat, dann musste man auch bei „Artemis“ mit technischen und naturwissenschaftlichen Details rechnen. Wen das im ersten Buch schon genervt hat und wer dennoch zum zweiten greift, den kann ich dann nur eingeschränkt bedauern. ;-)

      Und ja, auch Jazz kann man kritisieren, ich persönlich finde sie aber angenehm und, ja, cool. Sie passt halt in das Szenario und aufgrund ihrer Hintergrundgeschichte ist ein etwas burschikoseres Auftreten auch recht gut zu erklären.

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      1. Letztendlich muss man das Buch eben doch selbst lesen, wenn es so unterschiedlich auf die Leute wirkt. Dass mir der Marsianer so gut gefallen hat, ist ja schon mal eine tolle Ausgangssituation. Und dass man nicht zwei Bücher nacheinander schreiben kann, die so „einschlagen“, erwarte ich gar nicht.

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  3. Auch wenn meine Vorstellungen von „cool“ sich nicht unbedingt decken, so finde ich doch begrüßenswert, wenn ein Space-Autor seine Geschichten innerhalb unseres Sonnensystems spielen lässt. Gründe, irgendwann unsere schönen Planeten zu verlassen, zeichnen sich ab, Möglichkeiten mit mehr als Lichtgeschwindigkeit zu reisen dagegen nicht.

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    1. Das wird er nach eigener Aussage wohl auch beibehalten. Weir ist ein „Wissenschaftsfreak“ und hat lesbar Spaß an der Schilderung technischer Details. Das bliebe bei einem Szenario mit Lichtgeschwindigkeit und sonstiger utopischer Technik auf der Strecke. Ich finde den Ansatz auch gut, es muss ja nicht immer die x-te Star-Wars-Laser-Ballerbude sein.

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  4. Da mir schon der Marsianer (in der mit Schreibfehlern verseuchten Selfpublisher-Version für 99 Cent) ausnehmend gut gefallen hat, macht mir deine Rezi richtig Lust auf Herrn Weirs zweiten Streich. Auch mit der erprobten Erklärbärformel :D

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    1. Also, wem „Der Marsianer“ gefallen hat, mit allen Ecken und Kanten, die das Buch hatte, – und dann auch noch mit den Schreibfehlern der Selfpublisher-Version, die glücklicherweise an mir vorbeigegangen ist – der kann eigentlich mit „Artemis“ wenig verkehrt machen. :-)

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      1. Der Mann kann gut und faszinierend genug schreiben, dass ich mich bereitwillig als Kindle-Korrekturleserin hab missbrauchen lassen, statt wie sonst in solchen Fällen angefressen das Buch vom Reader und aus der Cloud zu löschen. Ich hatte nur Bedenken, ob er als Verlagsautor seinen Stil weiterhin pflegen würde. Klingt ja so, als ob er das tut 👍

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