„Schlüssel 17“ von Marc Raabe – Coolio?

Buch: „Schlüssel 17“

Autor: Marc Raabe

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 512 Seiten

Der Autor: Marc Raabe, 1968 geboren, ist Geschäftsführer und Gesellschafter einer Fernsehproduktion. Seine beiden Thriller Schnitt und Schock waren viele Wochen auf der Bestsellerliste. Marc Raabe lebt mit seiner Familie in Köln. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: In der Kuppel des Berliner Doms hängt eine grausam zugerichtete Tote mit schwarzen Flügeln: Es ist die prominente Dompfarrerin Dr. Brigitte Riss. Um den Hals trägt sie einen Schlüssel. In den Griff ist die Zahl 17 geritzt. Tom Babylon vom LKA will diesen Fall um jeden Preis. Denn mit diesem Schlüssel verschwand vor vielen Jahren seine kleine Schwester Viola. Doch Tom bekommt eine unliebsame Partnerin für die Ermittlungen. Die Psychologin Sita Johanns fragt sich schon bald, wer in diesem Fall mehr zu verbergen hat: Tom oder der Mörder, der sie beide erbarmungslos vor sich hertreibt. (Quelle: Ullstein)

Fazit: Im Grunde müsste ich mich zu Beginn eigentlich erst mal in aller Form bei Kai Meyer dafür entschuldigen, dass ich schon wieder nicht sein neues Buch rezensiere. Da mir aber nach Science-Fiction im Allgemeinen und Space Opera im Speziellen nicht so der Sinn steht, verschiebt sich das alles ein wenig. Ich bin sicher, Herr Meyer wird es verschmerzen.

Ich könnte auch alternativ zu Beginn über den fürchterlichen „Spiegel-Bestseller“-Aufkleber wettern, der sich da quer über das ansonsten in schwarz und silber gehaltene Cover zieht, was einerseits unnötig und andererseits farblich absolut unpassend ist.

Ich könnte mich aber auch einfach mit Marc Raabes neuem Buch beschäftigen.

Der Autor teilt seinen Thriller in 28 Kapitel größtenteils überschaubarer Länge zuzüglich Prolog und Epilog. Zu Beginn der Handlung wechseln sich heutige Abschnitte ab mit solchen, in denen Geschehnisse von 1998 geschildert werden, die ihre Auswirkungen bis in die aktuelle Handlung zeigen. Diese Rückblicke werden mit der Zeit seltener und finden im letzten Viertel des Buches gar nicht mehr statt.

Die heutigen Ereignisse erzählt Raabe aus der Sicht wechselnder Personen, häufig jedoch aus der seiner Protagonisten Tom Babylon und Sita Johanns.

Sprachlich bewegt sich der Autor dabei auf sicherem, soliden Terrain. Ich meine mich zwar daran zu erinnern, dass etwas an einer Stelle „Sinn macht“, statt „Sinn hat“ oder „ergibt“, aber wenn das das einzige Negative ist – in einer Zeit, in Leute dauernd „etwas wegmachen“ statt „wettmachen“, „ästhetische Öle“ kaufen wollen, Buchbesprechungen beharrlich „Rezessionen“ und Dreiteiler gänzlich beratungsresistent „Triologien“ nennen – das mir über gut 500 Seiten aufgefallen ist, dann ist das wohl Jammern auf ungewöhnlich hohem Niveau. :-) Kurz gesagt, gibt es stilistisch und hinsichtlich des Aufbaus des Thrillers wenig Grund zur Klage.

Auch über Raabes Figuren kann ich nicht meckern. Gut, sein Protagonist hat traumatische Erfahrungen hinter sich, balanciert immer gerade so auf dem Grat der Dienstunfähigkeit entlang, verstößt regelmäßig gegen polizeiliche Ermittlungsgrundsätze und hat aufgrund seines Jobs und der damit verbundenen immensen Belastung Schwierigkeiten mit seiner Frau. Alles das unterscheidet ihn nicht wirklich von den Ermittlerfiguren skandinavischer Herkunft, die ich so abscheulich finde. Der große Unterschied ist, dass man Marc Raabe seinen Protagonisten wirklich abnimmt.

Tom Babylon wird als nachvollziehbar handelnder und denkender und vor allem auch mitfühlender Mensch dargestellt. Zum Beispiel – und jetzt kommt ein kleiner Spoiler; wer selbigen vermeiden möchte, überspringt den Rest des Absatzes – als im Laufe der Handlung während einer Schießerei eine junge Polizistin zu Tode kommt. Obwohl diese Figur eigentlich nichts wirklich Wichtiges zur Handlung beizutragen hatte, und Myriaden von Schriftstellern vielleicht so beiläufig mit einer getöteten Nebenfigur umgehen, wie man mit einer getöteten Nebenfigur eben umgeht, schafft der Autor es, diesem Charakter ein Gesicht zu verleihen, den Leser dazu zu bringen, über diese kaum bekannte Person nachzudenken. Für mich einer der ganz großen, atmosphärischen Momente in „Schlüssel 17“.

Und auch Tom Babylons „Sidekick“, so möchte ich sie mal nennen, die Psychologin Sita Johanns ist gut gelungen. Auch sie hat ein eher schweres Schicksal hinter sich, was in Verbindung mit dem ebenfalls gebeutelten Babylon fast schon ein wenig zu viel des Guten ist. Aber eben nur fast. Sita ist ebenfalls ein glaubwürdiger Charakter, über den man gerne mehr erfahren möchte.

Auch bei den Nebenfiguren gibt es wenig zu kritisieren. Irritiert war ich erst über einen Charakter, der in Rückblenden an der Seite von Babylon geschildert wurde und der in Anlehnung an den damals berühmten Rapper „Coolio“ – was macht der eigentlich heute? – eben immer „coolio“ sagte, anstelle von „cool“. Das störte mich nur insofern, als dass dieser Charakter die Angewohnheit offensichtlich heute immer noch hat. Allerdings störte mich das nur so lange, bis mir nach längerem Nachdenken bewusst wurde, dass auch ich heute noch sehr, sehr gelegentlich „Coole Sache, Parker“ sage. Die Älteren werden sich erinnern, wenn nicht, ist es auch egal. :-)

Die Handlung ist ein komplexes puzzleartiges Konstrukt, bei dem ich den Eindruck hatte, dass jedes Einzelteil an genau der dafür vorgesehenen Stelle sitzt, bevor sich dann im Laufe der Zeit alles passend zusammenfügt. Das Mitraten hinsichtlich irgendeiner Täterschaft erübrigt sich allerdings meines Erachtens, man kommt sowieso nicht auf die richtige Lösung.

Alles in Allem gibt es also fast nichts auszusetzen am ersten Teil der Tom-Babylon-Reihe, die Raabe denn auch gekonnt mit einem großen Cliffhanger beendet, den ich etwas fies fand, weil ich bis zur letzten Seite keine Ahnung davon hatte, hier nur den ersten Teil einer Reihe zu lesen …

Der einzige Kritikpunkt liegt meiner Meinung nach im Einstieg in das Buch. Da wird eine Frau auf so äußerst blutige Art und Weise vom Leben zum Tode befördert und publikumswirksam ausgestellt, dass selbst Vlad III., seines Zeichens Woiwode des Fürstentums Walachei im 15. Jahrhundert, seine wahre Freude gehabt hätte. Ich persönlich verstehe ja immer noch nicht, warum man so etwas auf möglichst deftige Art – meistens um des reinen Effektes Willen – schildern muss, habe es aber aufgegeben, mich darüber aufzuregen. Außerdem bleibt festzuhalten, dass Jack Ketchum die ganze Szenerie wahrscheinlich noch erheblich drastischer geschildert hätte… Ich finde nur, dass „Schlüssel 17“ derartige Effekthascherei gar nicht nötig gehabt hätte.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Spannung: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Reporter“ von John Katzenbach.

 

 

14 Kommentare zu „„Schlüssel 17“ von Marc Raabe – Coolio?

  1. Liebe Kommentargemeinde :-)

    Habe gerade mit Vergnügen die Kommentare gelesen …
    Zum Thema „im Zaun bleiben“: Damit meinte ich keinesfalls „im Zaum“, sondern ich meine ein „sich innerhalb des eingezäunten Geländes bewegen“, was für mich sinnbildlich für „sich innerhalb der üblichen Grenzen bewegen“ steht. Auf gut deutsch: „benimm dich“. Es ist ein sprachliches Bild, das Sita selbst für sich gewählt hat.

    Was die Namen angeht: Die gibt es nun mal – im Gegensatz zu Ali Gator – und sie gefielen mir ;-)

    Und das Ende mit Cliffhanger eine „Erpressung“? Ups. Da gibt es aber ganz schön viele Erpresser in der Serienwelt … :-))
    Hm. Auf dem Cover steht natürlich: „Der erste Fall für Tom Babylon.“ Aber ich sehe ein, das war vielleicht mißverständlich gewählt. Es lässt eher eine Reihe als eine Serie mit sich inhaltlich fortschreibender bzw ergänzender Handlung vermuten. Das hätte ich wohl schlauer anstellen können. Oder zumindest treffender.

    Herzliche Grüße an alle vom Schreibtisch … Marc

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    1. Lieber Herr Raabe,

      vielen, lieben Dank für die Klarstellungen hinsichtlich des sprachlichen Bildes, es war mir bislang noch nicht untergekommen. ;-)

      Wie Sie lesen können, sehe ich den einen oder anderen Kritikpunkt der Kommentargemeinde deutlich entspannter und freue mich auf einen zweiten Teil. Und ja, „Der erste Fall von Tom Babylon“ war für mich in der Tat missverständlich, aber da gibt es Schlimmeres. Und jetzt weiß ich schließlich Bescheid. :-)

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  2. Mich hat ein bisschen irritiert, dass etwas „im Zaun bleibt“ bzw. „wieder im Zaun“ ist – vermutlich hätte das der Zaum sein sollen ;-) und gerade weil Du erwähnst, dass solche Ausrutscher nicht vorkamen, will ich diesen doch mal erwähnen.
    Auch sonst hatte ich ein paar Probleme mit dem Buch. Ein paar Nebenhandlungen verliefen im Sande (z. B. die Affäre des Organisten) und ich fragte mich, wieso es diese dann überhaupt gab. Dass auch ein Teil der Haupthandlung nicht aufgeklärt wurde, ist ja leider oft bei Serienbüchern so, aber dennoch mag ich es nicht. Der in einem Kommentar weiter oben benutzte Begriff „Erpressungsversuch“ trifft da auch meine Empfindungen.
    An der Hauptperson Tom Babylon hat mir gar nicht gefallen, dass er weit über das hinausgeht, was sich ein Polizist im Dienst erlauben sollte und damit sogar die Ermittlungen gefährdet. Menschliches Verständnis ja, aber doch nicht in derartiger Wild-West-Manier. Das war gar nicht nach meinem Geschmack.
    Außerdem habe ich bei der komplexen und mehrfach verschachtelten Handlung zu oft den Überblick verloren und fand, dass vieles nur funktionierte, wenn man bereit war, unwahrscheinliche Zufälle zu akzeptieren.
    Unterm Strich waren es dann doch ein paar Kritikpunkte zu viel für mich und die spannende Erzählweise konnte es dann auch nicht mehr retten. Meinen Geschmack hat das Buch also nicht getroffen.

    LG Gabi

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    1. Ja, stimmt, das „im Zaun bleiben“ habe ich unterschlagen bzw. schlicht vergessen, das hat mich auch verwirrt! :-)

      Die im Sande verlaufenden Nebenhandlungen habe ich allerdings als gar nicht so schlimm empfunden. Dinge wie die Affäre des Organisten hatten aus meiner Sicht eben einfach keine größere Relevanz für die Haupthandlung, nichtsdestotrotz aber ihre Daseinsberechtigung. Ich empfinde Bücher, die sich stur auf ihre Haupthandlung konzentrieren, meist als arg spartanisch. Wie ein PC-Rollenspiel ohne Nebenquests. ;-)

      Dass der Protagonist bei Dir nicht auf Gegenliebe stößt, kann ich dagegen voll und ganz verstehen. Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass ich mit zahllosen „Schimanski“-Filmen aufgewachsen bin, dass ich den Protagonisten mag. In Sachen Wild-West-Manier bin ich also einiges gewöhnt. :-)

      Aber ich finde es immer wieder schön, wie unterschiedlicher Meinung man zu einem Buch sein kann.

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      1. Es gibt schon auch Bücher, wo mich so ein Wild-West-Kommissar nicht stört, aber hier war es eben leider doch der Fall. Am Ende ist eben doch alles Geschmackssache und zum Glück gbt es für jeden die passenden Bücher :-)

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  3. Und wenn seine kleine Schwester Viola einst mit eben diesem Schlüssel verschwand, dann wird der Fall dem Kommissar Babylon nicht wegen Befangenheit entzogen? – Übrigens empfinde ich einen Cliffhanger am Ende eines Buches als Erpressungsversuch.

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    1. Dazu muss man sagen, dass der Kommissar diese Informationen seinen Vorgesetzten zuerst vorenthalten hat. Später wird er tatsächlich von den Ermittlungen abgezogen.

      Mit Cliffhangern habe ich persönlich kein Problem, sofern ich wenigstens vorher weiß, dass es weitere Teile gibt. Das war hier leider nicht so …

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  4. Kein Hohn bei der Namenswahl für den Protagonisten „Babylon“, ein Opfer namens Riss, dass, Achtung, schlimmes Klischee, wie ein Todesengel in einer Kirche baumelt? Mir rollten sich schon nach drei Sätzen deiner Rezension die Fußnägel hoch. 😅

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    1. Ach, weißt Du, ich habe unzählige Bücher von Kai Meyer gelesen sind, in denen Protagonisten mit Namen wie „Aura Institoris“ auftauchen, ein „Babylon“ als Hauptfigur fällt mir kaum noch auf. ;-)

      Den „Todesengel“ und die Zurschaustellung kritisiere ich durchaus, es blieb im Verlaufe der Handlung aber bei dem einen Klischee, da musste ich nicht noch unnötig draufhauen. Hach ja, vielleicht Altersmilde, wer weiß das schon? ;-)

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      1. Meyer schreibt ja wenigstens Phantastik, da gehören alberne Namen zum guten Ton. Aber in einem … einigermaßen realistischen Setting? Stell dir vor, bei Romeo und Julia hießen die beiden Protagonisten Ali Gator und Rosa Schlüpfer. 😅

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        1. Ach, so selten ist der Name gar nicht. Nach „forebears“ gab es im Jahr 2014 in Deutschland 134 Babylons. Vermutlich geht der Name einfach auf eine Ortsbezeichnung zurück, alleine in den USA gibt es drei Babylons, dazu noch ein Titularbistum, eine Gemeinde in Tschechien und – oh, mein Gott, ich habe zu viel Zeit! ;-)

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