„Die Gabe“ von Naomi Alderman – Als Gott den Mann schuf, übte sie nur …

Buch: „Die Gabe“

Autorin: Naomi Alderman

Verlag: Heyne

Ausgabe: Paperback, 464 Seiten

Die Autorin: Naomi Alderman ist in London aufgewachsen und studierte in Oxford und an der University of East Anglia. Sie stellt bei BBC Radio 4 „Science Stories“ vor und ist Professorin für Kreatives Schreiben an der Bath Spa Universität. Als Autorin wurde sie bereits mehrfach mit Preisen für junge Autoren ausgezeichnet. Für Die Gabe wurde ihr der renommierten Baileys Women’s Prize for Fiction verliehen. Naomi Alderman lebt in London. (Quelle: Random House)

Das Buch: Es sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam, unwiederbringlich und auf schmerzvolle Weise verändern wird. (Quelle: Random House)

Fazit: Als unlängst ein – zumindest aus meiner Sicht – sprachlich doch recht unverfängliches Gedicht von Eugen Gomringer an der Wand einer Berliner Hochschule wegen des Vorwurfs des vermeintlichen Sexismus übermalt wurde, war ich, zugegeben, etwas irritiert.

Als vor etwa zwei Wochen eine Frau gegen das Fehlen der weiblichen Anrede auf Überweisungsträgern klagte, war ich, zugegeben, eher genervt amüsiert. Nicht, weil ich gegen weibliche Anreden auf Überweisungsträgern und sonstigen Formularen bin, sondern u.a. weil ich nicht unbedingt den Weg der Klage gewählt hätte.

Als ich aber heute Morgen in der Zeitung von den Plänen der Gleichstellungsbeauftragten des Familienministeriums, Kristin Rose-Möhring las, die Nationalhymne „gendern“ zu wollen, hätte ich doch beinahe meine Kaffeetasse fallen lassen. Dass Frau Rose-Möhring ihren intern per E-Mail eingebrachten Vorschlag, statt „Vaterland“ „Heimatland“ und statt „brüderlich“ „couragiert“ zu benutzen, mit einem „Täte doch gar nicht weh, oder!?“ abschloss – zu dem ich mir irgendwie das affektierte, überhebliche Grinsen von Frauke Petry vorstellte -, machte sie in meinen Augen nicht sympathischer.

Nein, es täte sicherlich nicht weh – zumindest das „Vaterland“ zu streichen – das „brüderlich“ durch „couragiert“ zu ersetzen, täte mir mehr weh, auch weil die Bedeutung eine andere wäre. Aber eine Gegenfrage muss auch erlaubt sein: Hätte es wehgetan, einmal, nur ein einziges Mal etwas so zu lassen, wie es ist?

Vor meinem inneren Auge sehe ich morgens aufgeregte Sprachwächter-Thinktanks (oho, ein Anglizismus!) an Konferenztischen unter dem Vorsitz von Frau Rose-Möhring zusammensitzen, auf der Suche nach dem nächsten wehrlosen Text, den man sprachlich dem Erdboden gleichmachen kann. Eine eigene Version von Rilkes „Der Panther“ hat sich Frau Rose-Möhring ja bereits einfallen lassen, die kreativerweise „Die Pantherin“ heißt, jetzt ist halt das „Lied der Deutschen“ dran. Nächste Woche vielleicht Schillers „An die Freude“? Wäre interessant zu wissen, wie das in der gegenderten Version klingen würde …

Dabei ist mir vollkommen bewusst, dass man solche Textänderungen bereits beispielsweise in Kanada oder bei der Bundeshymne Österreichs vorgenommen hat, ohne dass dort das Chaos ausgebrochen ist. Aber dennoch: Gäbe es als Gleichstellungsbeauftragte nicht drängendere Themen? Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit? Generell Gleichberechtigung für Frauen am Arbeitsmarkt? Man könnte sich auch mal mit umfassenden Änderungen der Rente beschäftigen, deren System Jahrzehnte alt ist und auf einem Weltbild beruht – der Mann geht arbeiten, die Frau hütet die Kinder, beide bleiben ein Leben lang verheiratet -, das heute einfach nicht mehr der Lebensrealität entspricht? Ob Frau Rose-Möhrung weiß, was eine Frau heutzutage an Rente bekommt, die zwei Kinder großgezogen hat, regelmäßig „nur“ halbtags beschäftigt war und sich in einem Alter hat scheiden lassen, in dem es schwer war, auf dem Arbeitsmarkt im Rahmen einer Vollzeitstelle überhaupt wieder Fuß zu fassen? Ich könnte es ihr sagen: Einen Scheiß, mit Verlaub!

Stattdessen könnte man sich aber eben auch mit der Entwicklung einer absolut keimfreien Sprache beschäftigen. Umgekehrt fordere ich dann halt auch, dass ich England nicht mehr das „Mutterland des Fußballs“ nennen muss, dass keine „Tochtergesellschaften“ mehr gegründet werden dürfen, oder dass sich die Fraunhofer-Gesellschaft doch bitte in „Menschnhofer-Gesellschaft“ umbenennt! Und kommt mir nicht damit, dass diese Gesellschaft sprachlich nichts mit Frauen zu tun hat, sondern nach Joseph von Fraunhofer benannt ist, sonst komme ich der Gleichstellungsbeauftragten damit, dass „couragiert“ französischen Ursprungs ist!

Wahlweise könnte ich ihr auch vorschlagen, „Das Lied der Deutschen“ einfach auf die zweite Strophe auszudehnen, die enthält schließlich „Deutsche Frauen“  und – ach, komm, lass´!

Kommen wir stattdessen nach dieser langen, nun, ich möchte es mal wohlwollend „Einleitung“ nennen zum eigentlichen Grund, meines Geschreibsels, nämlich zum Roman „Die Gabe“ von Naomi Alderman.

5.000 Jahre nach unserer Zeitrechnung beginnt das Buch mit einem Briefwechsel zwischen den Autoren Neil und Naomi. Neil hat ein Buch geschrieben, indem er thematisiert, wie es zu dem „Tag der Mädchen“ kam und dazu, dass in der Folge nahezu alle Frauen über die „Gabe“ verfügten, die dazu führte, aus unserer patriarchalischen Gesellschaft der Jetzt-Zeit in eine matriarchalische zu gelangen.

Neils Buch macht dann den eigentlichen Text von „Die Gabe“ aus. Dabei wird die Handlung aus der Sicht von fünf unterschiedlichen Hauptfiguren geschrieben. Die einzelnen Kapitel sind in der Länge überschaubar und lassen sich aufgrund des schnörkellosen unkomplizierten Stils schnell weglesen. Etwa in der Mitte des Buches bricht Alderman die Struktur ihres Romans etwas auf, indem Chat-Protokolle, Archivdokumente und Ähnliches abgedruckt ist. Das soll dem Roman offenkundig etwas Authentizität verleihen, was aus meiner Sicht nicht so wirklich gut gelingt, die entsprechenden Abschnitte haben mir aber dennoch gut gefallen. Kurz danach nimmt Alderman die angestammte Struktur wieder auf und behält sie bis zum Schluss bei. Lediglich die Kapitel werden zum Ende hin kürzer, was das zunehmende Tempo der Geschichte gut verdeutlicht.

Die Protagonisten werden sicherlich von der einen oder anderen Leserin bzw. dem einen oder anderen Leser kritisch beäugt, weil man ihnen vorwirft, dass man sie nicht sympathisch finden und nur bedingt mit ihnen mitfiebern kann. Und das stimmt auch. Lediglich der Journalist Tunde taugt als Sympathieträger, alle anderen – übrigens ausnahmslos weiblichen ( ich wollt´s nur gesagt haben) – Charaktere sind entweder von Anfang an verabscheuungswürdig oder entwickeln sich im Laufe der Handlung dazu. Exemplarisch sei da die Politikerin Margot erwähnt, die auf Seite 99 sagt: „Die Fähigkeit, Schmerzen zuzufügen, ist eine ganz besondere Art von Reichtum.“

Mir persönlich ist ja immer relativ egal, ob ich mit einem Protagonisten mitfühlen kann, ob ich ihn sympathisch finde, so lange er – ja, oder sie – gut gezeichnet ist und nachvollziehbares Handeln an den Tag legt. Und das ist in „Die Gabe“ eigentlich für fast alles handelnden Personen der Fall, lediglich eine Nebenfigur, die später Staatspräsidentin der Republik Moldau wird, erinnert im Laufe ihrer Entwicklung irgendwie an den späten Adolf Hitler. Und schon der frühe lief ja nicht rund, wie wir alle wissen. Will sagen: Diese Figur wirkt deutlich überzeichnet, hier hat Naomi Alderman den Bogen ein wenig überspannt.

Die Geschichte selbst kann nach einer gewissen Anfangsphase – man muss sich an das Szenario, dass Frauen jetzt ganz plötzlich in der Lage sind, Blitze zu verschießen und auch sonst allerlei Unfug mit ihren elektrischen Fähigkeiten zu machen, erst gewöhnen – durchgehend überzeugen und wird im Laufe der Handlung zunehmend besser und überzeugender. Dabei hat Alderman weniger den moralischen Zeigefinger erhoben, als man es vielleicht erwarten könnte. Und sie verbreitet auch keine sensationellen neuen Erkenntnisse. Nein, aber sie führt einen interessanten Perpektivwechsel durch, indem sie die Frauen zum starken Geschlecht macht und dann darüber sinniert, wozu so etwas weltweit denn führen könnte. Und das macht durchaus Spaß zu lesen.

Andernorts habe ich gelesen, dass man Aldermans „Die Gabe“ wohl weniger aufmerksam betrachten würde, wenn die Veröffentlichung nicht zu Zeiten von #metoo (und nervtötenden Gender-Diskussionen…) erfolgt wäre. Das halte ich, mit Verlaub, für Unsinn, denn ein Buch wie dieses war eigentlich schon längst überfällig und hätte schon vor 20 Jahren funktioniert.

Ein guter, lesenswerter Roman!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Kreativität: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Eigentlich war Kai Meyer schon vor Naomi Alderman eingeplant, aber Dinge ändern sich. Demnächst gibt es aber wirklich „Die Krone der Sterne: Hexenmacht“.

15 Kommentare zu „„Die Gabe“ von Naomi Alderman – Als Gott den Mann schuf, übte sie nur …

  1. Du weißt, ich liebe Deine Rezensionen! Aber what the fuck…? Sehnst Du Dich nicht auch manchmal nach dem juten alten Joethe, Schiller, Storm etc.? Oder bin ich nur unfähig, die Genialität zeitgenössischer Literatur zu erkennen? Ich weiß, selbst „zeitgenössisch“ ist ein in der Literatur längst verdauter Begriff. Bin wohl einfach schon zu alt für die neue Schreibe…

    Gefällt 1 Person

    1. Die Zeiten des juten Joethe waren vielleicht nur insofern besser, als dass es da noch keine nervtötenden Gender-Diskussionen gab. :-)

      Und, nun ja, literarisch zieht die Karawane halt weiter. Vielleicht muss man der neuen Schreibe mal eine Chance geben. Lies mal in „Die Gabe“ rein, dann wirst Du feststellen, dass ein wirklich lesenswertes Buch dahintersteckt. Zu alt bist Du dafür sicherlich nicht, denn dann wäre ich es auch ,,, ;-)

      Gefällt 1 Person

    1. Ich denke, dass es lediglich Frau Rose-Möhrung selbst besser gehen würde. ;-)

      Fairerweise muss man dazu sagen, dass sie für das Versagen in wichtigen Fragen – dazu kann man stehen, wie man will – nicht verantwortlich und zuständig ist. Sie beackert ja nur das Feld der Gleichstellung. Warum nun aber gendern Bestandteil der Gleichstellung geworden zu sein scheint, erschließt sich mir noch nicht so wirklich …

      Gefällt 1 Person

  2. Wie hast du nur meine Gedanken erraten angesichts der neuerlichen albernen Ergüsse aus dem Ministerium? Aber Spaß beiseite. Brüderlich könne auch Frauen sich verhalten, auch untereinander. Wer nimmt überhaupt eine Hymne wörtlich? Deutschland über alles? Die möglichen Auswirkungen möchte ich mir gar ausmalen! Aber wenn man glaubt, dem Geist dieser Zeit genügen zu müssen, dann bin für gnadenlos anstatt französisch. Das träfe es doch recht gut. In Österreich kann ich es noch ganz am äußeren Rand nachvollziehen, weil dort gezielt nur die Söhne angesprochen werden. Aber das ist doch alles Pipifax, wenn man die wahren, von dir angesprochenen alltäglichen Ungerechtigkeiten betrachtet.
    Das von dir angesprochene Buch hat mein Interesse geweckt. Da lob ich mir doch meine Gabe. Ich kann Schmerzen wegnehmen und bin stromunempfindlich bis zu einem gewissen Grad.

    Gefällt 1 Person

    1. Das „Deutschland über alles“ müsste man ja auch im historischen Kontext betrachten. Zum Zeitpunkt der Textentstehung gab es Deutschland an sich ja nicht, insofern kann man das dahingehend interpretieren, dass die „deutsche Frage“ allerhöchste Priorität haben sollte.

      Die österreichischen Änderungen kann ich mit der selben Begründung auch nachvollziehen, ich sehe im Fall unserer Hymne aber eigentlich wenig bis keinen Änderungsbedarf.

      Stromunempfindlich? Sowas gibt es? Faszinierend!

      Gefällt 1 Person

  3. Die sind ja alle total überspannt – dass ihnen der Strom nun schon unter den Fingernägeln hervor schießt. Die Sache mit Gottvater/-mutter ist ja Schnee von vorvorgestern und wurde auch da schon belächelt, weil aus einer patriarchisch-monotheistischen Religion dadurch auch nichts anderes wird. Jesus Christine konnte man sich wohl gerade noch verkneifen.
    Habe mich dabei erwischt, dass ich in letzter Zeit immer wieder mal eine weibliche Form in meine Texte einbaue, und werde schleunigst wieder damit aufhören, weil die Texte dadurch wahrhaftig nicht schöner werden.

    Gefällt 3 Personen

    1. „Jesus Christine“ hat was! :-)

      Und ja, die Einbindung einer weiblichen Form an jeder vermeintlich notwendigen Stelle eines Textes geht schwer zu Lasten der Lesbarkeit desselben, aber ich fürchte, man wird sich dieser Entwicklung nicht auf ewig entziehen können.

      Gefällt 2 Personen

    1. Der Dank ist ganz meinerseits!

      Ich hätte noch viel ausufernder schreiben können, weil ich echt sickig bin, habe gefühlt ein Viertel der Einleitung wieder gestrichen (unter anderem den Versuch einer gegenderten Version von „An die Freude“) und mich selbst zensiert, indem ich anstelle von „hyterische Sprachwächter-Thinktanks“ jetzt nur noch von „aufgeregte Sprachwächter-Thinktanks“ spreche und von „keimfreier Sprache“ wo vorher „enteiert“ stand. :-) Ich zensiere mich also selbst! Soweit ist es gekommen! Ich prangere das an!

      Ach, ich echauffiere mich schon wieder …

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.