„Kennen Sie diesen Mann?“ von Carl Frode Tiller – Spannendes Psychogramm

Buch: „Kennen Sie diesen Mann?“

Autor: Carl Frode Tiller

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 351 Seiten

Der Autor: Carl Frode Tiller, geboren 1970, ist ein norwegischer Autor, Historiker, Musiker und Komponist. Er gilt als Meister der psychologischen Zwischentöne. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und in 16 Sprachen übersetzt. „Kennen Sie diesen Mann?“ ist der erste Teil einer Trilogie um den gedächtnislosen David. Die deutsche Ausgabe der Fortsetzung „Wer du heute bist“ erscheint am 09.07.2018. (Quelle: btb)

Das Buch: David hat sein Gedächtnis verloren. Er weiß nicht mehr, wer er ist. In einer Zeitungsanzeige fordert er Verwandte und Bekannte auf, ihm einen Brief zu schreiben, um ihm seine Erinnerungen zurückzugeben. Und er bekommt Antworten auf seine Fragen. Aber will er die wirklich hören? Denn sie sind ganz unterschiedlicher Art und nicht immer schön. Sein Jugendfreund Jon, ein Musiker, der gerade den Halt zu verlieren scheint, meldet sich. Sein Stiefvater Arvid, ein Pfarrer, der auf den Tod wartet. Und seine Jugendliebe Silje, eine Frau mittleren Alters, die möglicherweise gerade im Begriff ist, aus ihrer Ehe auszusteigen. Die Briefe geben ihnen allen die unerwartete Chance, von ihrem eigenen Leben zu erzählen, während sie zugleich Davids Geschichte einkreisen. Aber wer ist David wirklich? (Quelle: btb)

Fazit: Ich gebe zu, ich habe mittlerweile ein mächtiges Problem mit dem Thema Gedächtnisverlust in Büchern. Diese „Idee“, so möchte ich das mal wohlwollend nennen, wurde eine Zeit lang derartig inflationär  verwendet, dass sogar Autorinnen und Autoren wie Ursula Poznanski und Dan Brown ihr nicht mehr ausweichen konnten, und sich vermutlich quasi gezwungen sahen, wie ich ebenso wohlwollend annehme, sie ebenfalls zu verwenden.

Dabei ist an dieser Idee eigentlich gar nicht so viel auszusetzen. Wenn man sie denn richtig umsetzt. So wie Carl Frode Tiller.

David hat also sein Gedächtnis verloren. Und auf Anraten seines Arztes versucht er, über eine Zeitungsannonce, Freunde und Bekannte dazu zu animieren, ihm Briefe zu schreiben, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Der Witz dabei: David, der eigentliche Protagonist, taucht über die gesamte Dauer von „Kennen Sie diesen Mann?“ nicht ein einziges Mal auf.

Stattdessen lässt Tiller dessen Freunde und Familie zu Wort kommen. Der Autor teilt seinen Roman in drei Teile, die jeweils aus Briefen von seinem Jugendfreund Jon, seinem Stiefvater Arvid und seiner Jugendliebe Silje bestehen sowie aus Abschnitten, in denen wir diese drei Personen in ihrem heutigen Leben begleiten. Dabei bekommt man als Leser nicht nur ein umfangreiches Bild davon, wer die Person David denn nun ist – und es wird nicht verwundern, dass alle drei Personen ein leicht abweichendes Bild von ihm zeichnen -, man bekommt auch einen intensiven Einblick in die drei Erzähler selbst sowie ihr Verhältnis und ihre Meinung zueinander. Und mehrfach ist man geneigt, seine eigentlich bereits feststehende Meinung zu einer bestimmten Person zu überdenken und ggf. zu revidieren.

Diese Erzählweise macht aus „Kennen Sie diesen Mann?“ ein spannendes Psychogramm, deren Einzelteile sich erst im Laufe der Schilderungen von Jon, Arvid und Silje erschließen. Ein Spannungsbogen als solcher bleibt dabei weitgehend aus, aber hat man sich einmal an die Erzählweise und den ebenfalls ausbleibenden gedächtnislosen Protagonisten gewöhnt, entwickelt Frodes Roman eine bemerkenswerte Sogwirkung, der ich mich nicht nur schwer entziehen konnte, sondern das auch gar nicht wollte.

Diese Wirkung wird durch Tillers lesenswerten Stil noch vertieft. Sind die Briefe der drei Erzähler alle recht gut lesbar gestaltet, so hat der Autor jedem seiner Erzähler eine ganz individuelle Erzählstimme verliehen, wenn es um die Schilderung der heutigen Erlebnisse geht. Dabei ist der Teil, in dem der Leser Arvid im Krankenhaus begleitet, noch am einfachsten zu lesen – wenn auch inhaltlich schwer verdaulich -, während Jon durch einen SMS-haften Stil auffällt und weitgehend auf Nebensächlichkeiten wie Personalpronomen verzichtet. Wirkliche Probleme hatte ich nur bei den geschilderten Unterhaltungen bzw. Auseinandersetzungen zwischen Silje und ihrem Mann. Dass dort wörtliche Rede nicht mehr als solche gekennzeichnet wird, hat man relativ schnell verarbeitet. Dass aber nahezu jeder Satz mit „sage ich“ oder „sagt er“ beendet wird, hat dagegen – ebenfalls relativ schnell – einen recht störenden Effekt. Ich habe wenig Probleme damit, wenn jemand im persönlichen Gespräch mit mir so etwas sagt wie:“Ich sach: Hömma!“, sach ich. Ich sach: „So nich´!“, sach ich“, aber wenn ich das über einen längeren Zeitraum lesen muss, stört es mich erheblich. Dazu kommt noch die etwa fünftausendfache Wiederholung der Phrase, dass Silje ja durchaus höre, was sie da sage, dass sie aber überhaupt nicht wisse, wo das Gesagte denn nun so plötzlich herkomme.

Aber auch das verleiht der Person der Silje eben diese eben erwähnte individuelle Erzählstimme. Und so sehr mich diese auch zwischendurch gestört haben mag, sie hat zumindest nicht verhindert, dass ich das Buch zügig durchgelesen und am Ende leichtes Bedauern verspürt habe, weil ich auf den zweiten Teil noch so lange warten muss.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Anspruch: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Leserin wollte ich mich als nächstes eigentlich mit „Die Blausteinkriege II“ beschäftigen. Wie von Zauberhand haben sich allerdings heute Bücher von Arno Strobel, Marc Raabe und Naomi Alderman zu mir verirrt. Und morgen wird das neue Buch von Kai Meyer sich ebenfalls zu mir verirren. Und lesen würde ich die spontan alle gerne …

Kurz: Ich weiß es noch nicht genau!

4 Kommentare zu „„Kennen Sie diesen Mann?“ von Carl Frode Tiller – Spannendes Psychogramm

  1. Die einzelne Leserin hat alle drei Teile der Blausteinkriege während einer Krankheitsphase inzwischen ziemlich begeistert verschlungen, würde sich aber dennoch über dein Urteil freuen. Nur sofort (im Sinne von: Du hast es versprochen, wo bleibt es denn nun?) muss es meinetwegen nicht mehr sein. Mich interessiert vielmehr, ob du Dinge gleich siehst/liest/beurteilst wie ich, weil das deine Empfehlungen noch interessanter für mich machen würde – ich lese so unglaublich viel weniger als du und bei Weitem nicht das Gleiche.
    Grüße zur Nacht und danke für die ursprüngliche Empfehlung!
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    1. Wunderschönen guten Morgen! :-)

      Na, das ist doch gut zu wissen, dann mache ich mir diesbezüglich keinen Druck. ;-) Manchmal – eigentlich sogar recht häufig – kommt es halt vor, dass sich andere Bücher in die ursprüngliche Planung mogeln.

      Aber ich werde Dich zeitnah wissen lassen, was ich vom zweiten Teil halte.

      Vielen Dank fürs Lesen!

      Gefällt 1 Person

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