„Seht, was ich getan habe“ von Sarah Schmidt – „Lizzie Borden took an axe …“

Buch: „Seht, was ich getan habe“

Autorin: Sarah Schmidt

Verlag: Pendo

Ausgabe: Hardcover, 382 Seiten

Die Autorin: Nach ihrem Master of Arts in Kreatives Schreiben begann Sarah Schmidt als Bibliothekarin zu arbeiten. Dabei stieß sie 2005 auf die Geschichte von Lizzie Borden, die sie seither nicht wieder losließ. Ihre leidenschaftliche Suche nach den Hintergründen der Mordfälle brachte sie sogar dazu, mehrere Nächte im Haus der Bordens, das heute ein Bed & Breakfast ist, zu verbringen. »Seht, was ich getan habe« ist ihr Romandebüt, das international hoch angesehen wurde. Sarah Schmidt lebt mit ihrer Familie in Melbourne. (Quelle: Pendo)

Das Buch: »Vater ist tot!« Zutiefst verstört starrt Lizzie Borden ihren Vater an, der blutüberströmt auf dem Sofa liegt. Auch ihre Stiefmutter wird tot aufgefunden – ebenfalls hingerichtet mit einer Axt. Eindeutige Spuren sind an jenem schicksalhaften Morgen des 4. August 1892 kaum auszumachen, dafür häufen sich die Fragen. Denn während die Nachbarn in Fall River, Massachusetts, nicht begreifen, wie einer so angesehenen Familie etwas derart Grausames zustoßen kann, erzählen diejenigen, die den Bordens wirklich nahestehen, eine ganz andere Geschichte: von einem jähzornigen Vater, einer boshaften Stiefmutter und zwei vereinsamten Schwestern. Schnell erklärt die Polizei Lizzie zur Hauptverdächtigen, deren Erinnerung jedoch lückenhaft ist. Wo war sie zum Zeitpunkt der Morde? Saß sie wie so oft unter den Birnbäumen und träumte vor sich hin? Oder ist sie doch verantwortlich für diesen Albtraum? (Quelle: Pendo)

Fazit: Ungeklärte Mordfälle, die Geschichte gemacht haben – eben die Geschehnisse rund um Lizzie Borden oder auch die Morde in Hinterkaifeck 1922, um mal bekannte Beispiele zu nennen -, üben auf mich, ebenso wie sogenannte „true-crime“-Sendungen, eine seltsame Faszination aus. Welcher Art von Dachschaden ich diesen leicht morbiden Spleen zu verdanken habe, kann ich nicht sagen, ich weiß nur, dass er dazu führt, dass ich an Büchern wie „Seht, was ich getan habe“ nicht einfach so vorbei gehen kann.

Viel ist bereits geschrieben worden über die Ereignisse im August 1892, und von fundierten, gut recherchierten Sachbüchern bis hin zu hanebüchenem Blödsinn scheint alles dabei zu sein, was das Herz begehrt.

Die Autorin Sarah Schmidt hat sich entschieden, in ihrem Buch die damals beteiligten Personen selbst zu Wort kommen zu lassen. So erzählt sie die Geschichte abwechselnd aus Lizzies Sicht, sowie aus der ihrer Schwester Emma, der Haushälterin Bridget und des zwielichtigen Benjamin.

Und alle diese Protagonisten hatten mehr oder weniger gute Gründe, das Ehepaar Borden umzubringen.

Emma Borden fühlte sich im Vergleich zu ihrer Schwester vom Vater und der Stiefmutter benachteiligt, stellte sogar ihr eigenes Leben hintan, um sich um das Wohlergehen ihrer Schwester zu kümmern, was ihr von ihrem Vater nie gedankt wird.

Bridget möchte die Familie eigenlich seit geraumer Zeit verlassen, weil sie es im Hause Borden unheimlich findet und sie mit der Familie nicht gerade gut zurecht kommt. Kurz bevor sie ihren Plan allerdings in die Tat umsetzen kann, konfisziert Abby Borden, Lizzies und Emmas Stiefmutter, ihre Ersparnisse, womit sich Bridget gezwungen sieht, zu bleiben. War das der Auslöser für einen Doppelmord?

Benjamin wird von Emmas und Lizzies Onkel, dem Bruder ihrer leiblichen Mutter, dafür engagiert, den Eheleuten Borden ins Gewissen zu reden. Ihm passt es nicht, wie die Beiden mit den Schwestern umgehen. Ging bei diesem „ins Gewissen reden“ einiges schief und lief es letztlich aus dem Ruder?

Und letztlich wäre da noch Lizzie. Am Tattag brachte ihr Vater ihre von ihr sehr geliebten Tauben um. War das der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?

Die Autorin schafft es, den unterschiedlichen Erzählperspektiven auch unterschiedliche Erzählstimmen zu geben, so dass eigentlich immer gut ersichtlich ist, aus wessen Sicht das Kapitel gerade erzählt wird.

Insbesondere der Stil, in dem Lizzies Kapitel gehalten sind, hat es mir dabei angetan. Auch wenn ich gerade diese Kapitel als vergleichweise schwierig zu lesen empfand. Aber Sarah Schmidt macht schon allein stilistisch deutlich, dass bei Lizzie im Kopf eindeutig irgendwas nicht rund laufen kann, sei es durch zahlreiche kursiv gedruckte Einschübe, die einerseits Lizzies Gedanken verkörpern könnten, sich andererseits aber auch so lesen, als würde Lizzie Stimmen hören – und zwar keine von der harmlosen Art, die nur unschuldig die Melodie von „Tetris“ summen. Sei es aber auch durch die schwer nachvollziehbaren Handlungen, die sie ihre Protagonistin ausführen lässt. So steht Lizzie kurz nachdem sie ihren übel zugerichteten toten Vater gefunden hat, erst mal in der Haustür und lächelt angesichts der vorbeiflanierenden Menschen sowie des fröhlichen Vogelgezwitschers, bevor sie eine Birne isst. Natürlich, wer würde in dieser Situation nicht genau so reagieren? Übrigens werden in „Seht, was ich getan habe“ auffallend viele Birnen gegessen! Ich habe keine Ahnung, welchen Zweck dieses Motiv verfolgt, aber irgendeinen muss es haben …

Neben dem überzeugenden Stil ist es vor allem die düstere, gruselige Atmosphäre, die sich durch dieses Buch zieht, und die es so lesenswert macht. Sich dabei immer wieder bewusst zu machen, dass es sich dabei um Ereignisse handelt, die so, oder zumindest sehr ähnlich, tatsächlich passiert sind, verstärkt diese Atmosphäre noch.

Bezüglich der gerade erwähnten Ereignisse scheint es übrigens, als hätte sich Sarah Schmidt – zumindest soweit ich das beurteilen kann – erfreulich nah an die historischen Tatsachen gehalten. Lediglich zu der Konfiszierung von Bridgets Ersparnissen bzw. der Figur des Benjamin konnte ich keine weiteren Informationen finden. Es mag also sein, dass diese beiden Komponenten aus dramaturgischen Gründen eingefüht worden, was ich außerordentlich verzeihlich finde.

Wer einen gewissen Hand zu gruseligen Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen, hat, dem kann ich „Seht, was ich getan habe“ wärmstens empfehlen. Alle anderen verpassen eben etwas!

Und ich denke jetzt noch ein bisschen über Bridget nach, die zum Zeitpunkt der Morde zwar im Hause war, allerdings nicht das Geringste gehört haben will … Hmmm …

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Kennen Sie diesen Mann?“ von Carl Frode Tiller, ein Buch, von dem ich noch nicht im Ansatz weiß, wie ich darüber schreiben soll.

 

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