„Der Fall Kallmann“ von Hakan Nesser – Zzzzzzz…

Buch: „Der Fall Kallmann“

Autor: Hakan Nesser

Verlag: btb

Ausgabe: Hardcover, 570 Seiten

Der Autor: Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt abwechselnd in Stockholm und auf Gotland. (Quelle: btb)

Das Buch: Wer war Eugen Kallmann? Warum musste der beliebte Gesamtschullehrer in der beschaulichen schwedischen Kleinstadt sterben? Wirklich nur ein Unglücksfall, wie die Polizei behauptet? Als sein Nachfolger im Schwedischunterricht, Leon Berger, nach der langen Sommerpause seinen Dienst antritt, findet er im Pult unter Kallmanns Sachen eine Reihe von Tagebüchern, die sich als eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit entpuppen und ihn schon bald daran zweifeln lassen, dass sein Vorgänger tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben ist. Denn in seinen Einträgen behauptet Kallmann unter anderem, er würde die Gabe besitzen, in den Augen anderer Menschen erkennen zu können, ob sie gemordet haben. Und er scheint in den letzten Monaten seines Lebens einem nie entdeckten und nie gesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein. Leon Berger will den Fall Kallmann lösen – seine privaten Ermittlungen setzen etwas in Gang, das schließlich die ganze Kleinstadt erschüttert. (Quelle: btb)

Fazit: Es gibt so Dinge, die nerven mich. Beispielsweise die Bedienung der neuesten Firefox-Version. Oder, dass mein Handy gerade lustige Fehlermeldungen hinsichtlich einer – übrigens gar nicht existenten – SD-Karte von sich gibt. Oder, dass meine Schreibtischlampe in die Ewigen Jagdgründe der Leuchtmittel eingegangen ist, mutmaßlich, um dort mit vorsintflutlichen 100-Watt-Lampen oder quecksilberhaltigem Energiespargedöns „Dr. Bibber“ zu spielen und sich nebenbei über in der angrenzenden Abteilung untergebrachte Plasma-Fernseher lustig zu machen. Oder, dass mein Auto kürzlich beim Starten ausging, zwei Vorgänge, die sich nicht gut vertragen und die angesichts einer anschließend auf 0:00 h gestellten Uhr mittelfristig auch nichts Gutes hoffen lassen, sondern eher meiner Befürchtung Vorschub leisten, mein Auto könnte zeitnah das schon erlittene bzw. bald zu befürchtende Schicksal meiner Schreibtischlampe oder meines Handys teilen. Oder, dass ich vorhin den PC einschaltete, nur um zu bemerken, dass ich wohl in absehbarer Zeit einen neuen Monitor brauche, weil diese putzigen Schlieren, die der gerade macht, definitiv neu sind und nicht ab Werk geplant sein können.

Nicht, dass ich mir irgendwas vom oben genannten derzeit leisten könnte. Nicht, dass ich mir überhaupt derzeit irgendwas leisten könnte. Wobei, die Schreibtischlampe zu ersetzen, dass bekomme ich vielleicht noch hin. Und Firefox ist kostenlos…

Wer jetzt meint, das alles – so tragisch es auch sein möchte – habe doch nun gar nichts mit Hakan Nesser und seinem Krimi „Der Fall Kallmann“ zu tun, der irrt. Dieses Buch nervte mich nämlich auch! Wer daraus wiederum schlussfolgert, dass ich meinen Frust jetzt an diesem unbescholtenen schwedischen Schriftsteller und seinem Buch auslasse, der irrt ebenfalls. Wobei, ich könnte, wenn ich wollte… ;-)

Man muss Nesser zugute halten, dass „Der Fall Kallmann“ in manchen Bereichen durchaus punkten kann. So habe ich in stilistischer Sicht nicht viel zu meckern. Der Autor teilt seine Handlung in vom Umfang her überschaubare Kapitel ein, die von unterschiedlichen Personen im Stile von Tagebuchaufzeichnungen erzählt werden. Der Autor gibt den einzelnen Erzählern eine ganz individuelle Erzählstimme, so dass  beispielsweise die 15 Jahre alte Schülerin schon anhand des Stils gut vom Lehrer einer neunten Klasse unterschieden werden konnte. Das alles ist gut gemacht, und bietet eigentlich wenig Anlass zur Kritik und doch ist gerade die Einteilung in unterschiedliche Erzähler für mich das größte Ärgernis an „Der Fall Kallmann“, birgt diese Vorgehensweise doch ein hohes Risiko für Wiederholungen.

Und genau diese Wiederholungen sind es, die meinen Lesefluss nach einiger Zeit fast vollständig zum Erliegen gebracht haben. Andauernd wurden die selben Begebenheiten aus unterschiedlichen Blickwinkeln wiedergegeben. Das kann man ja machen, aber dann sollten die unterschiedlichen Blickwinkel dem Leser auch unterschiedliche Erkenntnisse bringen, hier ist das allerdings außerordentlich selten der Fall.

Zusätzlich zu dieser Erzählweise gesellt sich dann noch eine äußerst behäbige Handlung. Schon in der Ankündigung zu dieser Rezension schrieb ich, dass sich die Handlung mit der Geschwindigkeit eines hufkranken, schwedischen Elchs durch die Gegend mäandert. Dieser Eindruck hat sich auch im letzten Viertel des Buches nicht mehr gegeben. Die Handlung hat über weite Strecken die Behändigkeit eines auf Grund gelaufenen Öltankers.

Das alles ist vor allem eines: außerordentlich schade! Denn eine Geschichte um einen unter unklaren Umständen zu Tode gekommenen Lehrer, dessen Vergangenheit und Todesumstände von einer Handvoll Schüler und Lehrer aufgedeckt werden sollen, die hätte eigentlich Potential gehabt. Und manchmal kommt dann halt schon Spannung auf, wenn ein Charakter alte Tagebüchers des toten Kallmann liest und man sich fragt, welche der Informationen in diesen Tagebüchern Wahrheit und welche Fiktion sind. Dann aber redet besagter Charakter, nennen wir ihn A, mit Charakter B über die Tagebücher und fragt nach dessen Meinung. Im nächsten Kapitel wird dann aus der Sicht von B über die Tagebücher geredet und beide, A und B, reden in diesem Kapitel mit Charakter C über die Tagebücher und seine Meinung. Und im folgenden Kapitel wird dann auch der Sicht von C… – das ist alles etwas vereinfacht dargestellt, aber im Grunde verdeutlicht das die Erzählweise recht anschaulich. Jede vielleicht zwischendurch mal aufgekommene Dynamik in der Handlung verlässt so das Buch und geht lieber auf das Sonnendeck des auf Grund gelaufenen Öltankers.

Nicht unterschlagen möchte ich, dass „Der Fall Kallmann“ möglicherweise gut funktioniert, wenn man das Buch weniger als Krimi liest, sondern mehr als einen Roman über die Gesellschaft und die Politik im Schweden der 90er, denn gewisse Passagen, die sich mit dem Aufkommen der rechtspopulistischen „Neuen Demokratie“ befassen, gefielen mir sogar sehr gut! Das ist aber auch nur so eine Vermutung, denn um das angemessen beurteilen zu können, kenne ich mich mit den dortigen Verhältnissen zu dieser Zeit, ehrlich gesagt, zu wenig aus.

Tja, eines der größten Mysterien meiner Leseleidenschaft – nämlich warum ich so selten wirklich begeistert bin von Krimis, die nördlich von Dänemark entstanden sind – ist um ein Kapitel reicher…

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ein Reif von Eisen“ von Stephan M. Rother. Endlich wieder Fantasy! Ich hoffe, mein Eindruck aus den ersten 100 Seiten bestätigt sich auch am Ende des Buches…

6 Kommentare zu „„Der Fall Kallmann“ von Hakan Nesser – Zzzzzzz…

  1. Ich hab irgendwann mal von dem Autor ein Buch gelesen … und die Rezension würde genauso gut dazu passen. Besonders das es Langatmig ist …sehr lang … und man viel Atem benötigt, um durch zu kommen. Ist nicht meines. Bzw. ich meide den Autor eigentlich ganz und gar. Dennoch … ich hab selten so herzlich gelacht wie über diese Rezension hier :D Danke sehr dafür!

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  2. Wenn ich im Lotto gewinne: viele gute Bücher für fraggle (und ein paar schlechte für hinreißende Zerrisse 😉), ausserdem einen neuen monitor, ein neues Auto und die Verlängerung für die Werder-Karten. Nur die Lampe darfst du dir selber kaufen…. 😊 fehlt nur noch der Gewinn…

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