„Wenn ich Dich hole“ von Anja Goerz – Folgenschwerer Einstieg

Buch: „Wenn ich Dich hole“

Autorin: Anja Goerz

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 251 Seiten

Die Autorin: Anja Goerz ist eine deutsche Radiomoderatorin und Autorin. Sie begann ihre berufliche Laufbahn mit einem Praktikum und einer anschließenden Ausbildung bei „Radio Schleswig-Holstein“. In den folgenden Jahren war sie unter anderem für „N-Joy“, „Sat. 1“, „Radio eins“, „NDR 2“ und „Bremen Zwei“ tätig.

Neben ihren Radiomoderationen betätigt sich Goerz auch schriftstellerisch, so erschien 2014 der „Spiegel“-Sachbuch-Bestseller „Der Osten ist ein Gefühl“. In diesem Jahr veröffentlichte sie mit „Wenn ich Dich hole“ ihren ersten Thriller.

Das Buch: Bendix Steensen sitzt fest. Wegen einer Unwetterwarnung sind in Heathrow sämtliche Flüge gestrichen. Die Anrufe seines neunjährigen Sohnes Lewe aus ihrem Haus in Niebüll werden immer panischer: Seit Stunden sind seine Mutter und seine Oma nun schon fort, am Handy meldet sich niemand, der Schneesturm da draußen macht ihm Angst – und plötzlich glaubt er, in dem abgelegenen Haus nicht mehr alleine zu sein. „Wann kommst Du nach Hause, Papa?“, hört Bendix noch, dann reißt die Verbindung ab. Er alarmiert die örtliche Polizei, doch ist sich nicht sicher, ob sie ihn ernst nimmt. Wo ist verdammt nochmal sein Frau? Was hat das alles zu bedeuten? Unterdessen haben Bendix´ Frau Insa und seine Mutter einen ganz anderen Kampf zu kämpfen. Und Lewe ist tatsächlich nicht mehr allein. Für Bendix beginnt eine atemlose Reise durch das Schneechaos nach Nordfriesland … (Quelle: Klappentext)

Fazit: In regelmäßigen Abständen passiert es doch tatsächlich mal, dass ich bei Gewinnspielen von Bloggerkolleginnen und -kollegen etwas gewinne. So war das auch bei „Wenn ich Dich hole“. Dieser Gewinn wurde mir von Susanne, die ihres Zeichens für den Blog „Wortgestalten“ verantwortlich zeichnet – schaut dort mal rein, es lohnt sich! -, zugeschickt. Deshalb an dieser Stelle nochmal ein ganz liebes Dankeschön an Susanne!

Die Myriaden an allerhöchstens mittelmäßigen Büchern, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, haben mich in Verbindung mit dem grauen November und dem, was mir sonnigere Gemüter, als ich es bin, weiterhin beharrlich euphemistisch als „Wetter“ verkaufen wollen, was außerdem doch so schön gemütlich sei, weil es doch die Gelegenheit biete, sich mit Heißgetränken versorgt und in eine Decke gewickelt mit einem Buch aufs Sofa zu verziehen – eine Sicht der Dinge, die für mich doch verdächtig nahe an Unfug liegt, worüber man aber eigentlich gar nicht diskutieren kann, weil das Wetter des Einen eben die traurige, nasskalte Tristesse des anderen ist – wie kriege ich diesen „Satz“ bloß zu einem vernünftigen Ende? – jene Bücher und das „Wetter“ also haben mich momentan in etwas hineinmanövriert, dass ich im Brustton der Überzeugung als „Mutter der Leseflauten“ bezeichnen möchte, was sich beispielsweise dahingehend äußert, dass ich seit geschlagenen zwei Wochen in einem Nesser-Krimi herumblättere und mich mit der Geschwindigkeit der Kontinentaldrift durch „Die Kinder“ von Wulf Dorn kämpfe, weil ich mich alle zehn Seiten frage, was ich da gelesen habe, weil ich dann doch wieder irgendwie andere Dinge im Kopf habe, die eine dauerhafte Konzentration mindestens erschweren. Punkt, hurra! :-)

Leider konnte diese Leseflaute auch durch „Wenn ich Dich hole“ nicht beendet werden, auch wenn das Buch durchaus so seine Stärken hat, denen aber eine fundamentale Schwäche gegenübersteht, zu der ich später komme.

In stilistischer Hinsicht beispielsweise gefällt mir „Wenn ich Dich hole“ durchaus. Das Buch ist zwar manchmal in einem arg umgangssprachlichen Ton gehalten, der mir nicht ganz so zugesagt hat, der Lesbarkeit des Textes tut das allerdings natürlich wieder gut. Sprachlich wird also niemand überfordert, außerdem enthält das Buch auf Seite 215 den wunderschönen Satz: „Die Rothaarige hatte ganz offensichtlich einen schlimmen Schaden.“ :-) Und ja, hat sie!

Auch die Figuren sind in der Überzahl gut gestaltet. Mich ließen Bendix´ Ehefrau Insa und seine Mutter zwar aus unerfindlichen Gründen seltsam kalt. Andererseits ist Bendix gut gelungen, seine Verzweiflung angesichts einer Situation, in der man einfach mal so gar nichts Sinnvolles tun kann, wird nachvollziehbar rübergebracht. Und mittels einer Reihe von Rückblenden wird auch plausibel erklärt, warum die oben genannte Rothaarige mit dem schlimmen Schaden eben diesen schlimmen Schaden hat. Auch der kleine Lewe überzeugt wenigstens insoweit, dass man als Leser mit ihm mitfiebern und – leiden kann.

Auf die Handlung und dadurch unmittelbar auf die Spannung des Thrillers wirkt sich allerdings leider die eingangs erwähnte Schwäche des Buches aus, nämlich der Prolog. In diesem wird leider schon so viel verraten, dass man sich die Handlung, wenn man schon mal in der Bibel das 1. Buch der Könige und dort wiederum im Kapitel drei die Verse 16 – 28 gelesen hat – und ja, das musste ich googeln -, wenigstens in groben Zügen vorstellen kann. Entsprechende Spannung oder Aha-Momente, wenn man beispielsweise mittels der Rückblenden neue Informationen über die Charaktere bekommt, bleiben somit leider weitgehend aus, weil man sich das alles so oder so ähnlich schon gedacht hat. Dass der Prolog so viel verrät, ist umso bemerkenswerter, da er gerade mal aus 88 Wörtern besteht. Und ja, das habe ich  gezählt. Und ja, ich habe zu viel Zeit. Ich lese schließlich weniger, da bietet sich schon mal die Gelegenheit, stattdessen Wörter zu zählen…

Abschließend kann man also sagen, dass Anja Goerz kein schlechtes Buch geschrieben hat, das aber deutlich besser sein könnte, wenn sie den Prolog weggelassen hätte. Auch, weil er eigentlich noch nicht mal relevant für das Buch ist, „Wenn ich Dich hole“ wäre also auch sehr gut ohne ihn ausgekommen. Den wesentlich wichtigeren Epilog hätte man dann eben einfach als normales, wenn auch sehr kurzes, letztes Kapitel einbinden können. Schade!

So, und bevor ich mir nachher in aller Ruhe den Sieg der Washington Redskins ansehe, werde ich jetzt versuchen, mich doch noch ein bisschen den Herren Nesser und/oder Dorn zu widmen. Das kann doch nicht so schwer sein…

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Der Fall Kallmann“ von Hakan Nesser oooder „Die Kinder“ von Wulf Dorn. Wenn ich eins von beiden dann doch mal irgendwann schaffe. „Demnächst“ kann also diesmal ein dehnbarer Begriff sein…

2 Kommentare zu „„Wenn ich Dich hole“ von Anja Goerz – Folgenschwerer Einstieg

  1. Und wenn man nun einfach den Prolog überblättern würde? Das müßte dann doch – vorausgesetzt man käme ansonsten zu ähnlichen Leseergebnissen wie du – zu einer besseren Note im Fach Spannung führen. Ich tu mir das Buch mal auf die Merkliste und danke für diese unterhaltsame Rezi 😀

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