„Niemandsland“ von Philip Dröge – Wenn zwei sich streiten,…

Buch: „Niemandsland“

Autor: Philip Dröge

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 285 Seiten

Der Autor: Philip Dröge ist ein niederländischer Autor von historischen Büchern. Er schreibt für verschiedene Zeitungen und tritt regelmäßig im Radio und im Fernsehen auf in Diskussionsrunden zu geschichtlichen und geographischen Themen. Seine Bücher über den Vulkan Tambora und das Miniaturland Moresnet waren Bestseller in den Niederlanden. (Quelle: Piper)

Das Buch: Europa nach den Napoleonischen Kriegen. Vertreter aus allen möglichen europäischen Ländern treffen sich ihn Wien, um die Grenzen der europäischen Staaten nach der Niederlage Napoleons neu zu verhandeln. Dabei soll auch die Grenze zwischen den Niederlanden und Preußen eindeutig geklärt werden.

Nach Unterzeichnung der Schlussakte machen sich Landvermesser beider Staaten zusammen auf den Weg, um die verhandelte Grenze metergenau zu ziehen. Dabei stoßen sie auf Ungereimtheiten. So entspricht die in den Unterlagen festgehaltene Westgrenze Preußens in der Nähe von Aachen nicht der Ostgrenze der Niederlande, was dort eigentlich der Fall sein müsste. Auf diese Weise entsteht ein 3,4 Km² großes Stück Land, das nun offiziell weder zu Preußen noch zu den Niederlanden gehört.

Eigentlich wäre dieses Versehen wohl reicht leicht zu beseitigen. Allerdings befindet sich auf diesem kleinen Gebiet eine ertragreiche Zinkmine. Und auf diese wollen die Niederländer nicht verzichten, die Preußen hätten sie aber ebenfalls gerne.

Bis auf Weiteres wird eine Entscheidung über den Landstrich auf Eis gelegt, er bekommt eine gemeinsame Verwaltung und die Bezeichnung „Neutral-Moresnet“. Dieses Gebiet mit seinem ungeklärten Status sollte über 100 Jahre Bestand haben.

Fazit: Ich lese eigentlich relativ selten Sachbücher, musste in diesem Fall aber einfach eine Ausnahme machen, weil mich das skurrile Thema ansprach. Ich behaupte, durchaus geschichtlich interessiert zu sein, aber von Neutral-Moresnet hatte ich trotzdem noch nie etwas gehört. „Ein staatenloses Gebiet in der Nähe von Aachen, das über 100 Jahre Bestand gehabt haben soll?“, dachte ich. „Davon hätte ich doch gehört!“, dachte ich weiter. „Kann es so etwas geben?“

Ja, kann es, denn Philip Dröge beschränkt sich in seinem Buch ausschließlich auf historische Tatsachen, die nur in selten Fällen behutsam dramatisiert wurden, wenn es notwendig erschien. Dabei sind – soweit ich das beurteilen kann – die Hintergründe für „Niemandsland“ sehr gut recherchiert worden.

In einzelnen Anekdoten führt der Autor den Leser durch die etwa 100-jährige Geschichte des kleinen Landstrichs. Anhand dieser Anekdoten wird die Geschichte Neu-Moresnets erläutert aber auch auf die einzelnen Probleme eingegangen, die durch eine solche Staatenlosigkeit auftreten: Welches Zahlungsmittel hat man? Welche Steuern werden erhoben? Und nicht zuletzt, wie sieht es mit der Gesetzgebung aus? In letzter Frage hat man sich beispielsweise für die Einführung des „Code Napoleon“ aus dem Jahre 1815 entschieden. Dass diese Gesetzgebung unverändert über fast 100 Jahre angewendet wurde, führte im Laufe der Zeit zu weiteren Problemen.

Sachbüchern wird ja häufig nachgesagt, dass sie eher trocken seien. Hiervon bildet „Niemandsland“ eine wohltuende Ausnahme. Die Erzählweise anhand einzelner Begebenheiten in der Geschichte Neutral-Moresnets verleiht dem Buch etwas romanhaftes und trägt sehr zur Lesbarkeit bei. Auch das erzählerische Augenzwinkern, dass der Autor angesichts der Unfähigkeit oder des Unwillens zweier Staaten, einen unhaltbaren Zustand zu beenden, immer wieder einfließen lässt, gefällt sehr.

Wer an skurrilen Episoden der Weltgeschichte seine Freude hat oder allgemein historisch interessiert ist, der wird sich von „Niemandsland“ gut unterhalten fühlen.

Und nun bitte ich, mich zu entschuldigen, ich muss mal eben in die obere Etage, um dort vom Fenster aus die erneute Unabhängigkeit meines schönen Landkreises zu proklamieren, der immerhin in der Zeit von 1918 bis 1946 ein Freistaat war, jawohl! 😉

Wertung

8,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Genie“ von Klaus Cäsar Zehrer.

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11 Kommentare zu „„Niemandsland“ von Philip Dröge – Wenn zwei sich streiten,…

        1. Eine wilde Mischung! Tolstoi und Solschenizyn wurden da noch gut reinpassen. 🙂

          Simon Sebag Mentefiore sagt mir nichts, ich merke mir den Namen aber mal, vielen Dank für die Info.

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  1. Schöne Rezi, aber kein Buch für mich – historisch und Sachbuch- gruselgraus 😉 aber vielleicht etwas für den werten Herrn Zeilenende …. 🙂 and by the way: dein Lesegeschmack ist wirklich breit gefächert (vielleicht probierst du doch mal die Glitzervampire 😉 ich kann es einfach nicht lassen *lach*

    Gefällt 1 Person

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