„Das böse Buch“ von Kai Erik – Alles, nur nicht böse!

Buch: „Das böse Buch“

Autor: Kai Erik

Verlag: Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 383 Seiten

Der Autor: Kai Erik ist ein 1982 im finnischen Esse geborener Schriftsteller, Comedian und Kolumnist. „Das böse Buch“ ist Eriks dritter Roman, mit dem er erstmals auch außerhalb seines Heimatlandes für Aufsehen sorgte.

Das Buch: Kann ein Buch böse sein? Oh ja! Leander Granlunds Gedichte haben bisher jedem Unglück gebracht, der mit ihnen in Berührung kam. Mickel Backman ist daher zu Tode erschrocken, als ihn ein Student in einer Vorlesung auf das ominöse Manuskript anspricht. Es ist offenbar aufgetaucht – und hat den Studenten in eine tiefe Depression gestürzt. Auch Mickel Backmans Leben gerät aus den Fugen, weil die Erinnerung an ein schlimmes Unglück zurückkehrt. Damals, als das Buch von ahnungslosen Menschen gelesen wurde…

(Quelle: Lübbe)

Fazit: Ich habe aus unerfindlichen Gründen eine Vorliebe für Bahnhofsbuchhandlungen. Wann immer sich die Möglichkeit ergibt und ich noch etwas Zeit bis zum Anschlusszug habe, stöbere ich ein wenig in einer solchen. Bei meinem letzten Besuch las ich mich ein bisschen durch die Titel der „Mord-und-Totschlag-Abteilung“, wo sich Bücher fanden wie „Der Tag an dem Du stirbst“, „Und morgen bist Du tot“, „Wenn er mich findet, bin ich tot“, „Die Stille vor dem Tod“ oder auch „Ich töte Dich“. Ich befand mich also offensichtlich im El Dorado des morbiden Literatur-Schwachsinns.

Und da fasste ich einen Entschluss, der da ungefähr lautete: „Ich kaufe jetzt unter diesen ganzen bescheuerten Titeln genau das Buch mit dem für mich bescheuertsten Titel von allen!“ Gesagt – getan, die Wahl fiel auf „Das böse Buch“. Ich war mir ziemlich sicher, hier einen erneuten Übersetzungslapsus seitens des Lübbe-Verlags vor mir zu haben, der dem Versuch geschuldet ist, das Buch für den deutschen Markt kompatibler zu machen, damit es sich besser in o.g. Titel einreiht. Allerdings heißt der Roman im Original „Onda boken“, was, wenn ich richtig liege, ziemlich genau das selbe bedeutet. Sei´s drum.

Zumindest der Klappentext las sich schon einmal gar nicht so schlecht und vermittelte mir den Eindruck, es mit einer Handlung zu tun zu haben, die an den Roman und die dazugehörige Verfilmung „The Ring“ erinnert. Leider täuschte dieser Eindruck auf ganzer Linie.

Dabei gelingt der Einstieg in das Buch sogar recht gut: Während einer Vorlesung an der Uni kommt das Gespräch auf das unveröffentlichte Werk des Schriftstellers Leander Granlund. Der Student Pasi Maars möchte über ihn seine Seminararbeit schreiben. Und nicht nur durch die übernervöse Reaktion des Dozenten Mickel Backman ist sofort die Neugier des Lesers geweckt: Was hat es mit Granlunds Werk und dem ominösen Manuskript auf sich?

Leider verlässt der Autor an dieser Stelle längerfristig diesen Handlungsstrang und beschäftigt sich mit allerlei anderen Dingen. Tatsächlich wird Granlunds Manuskript auf den ersten ungefähr 200 Seiten nur etwa dreimal erwähnt! Stattdessen berichtet Kai Erik in der Zwischenzeit detailliert über die privaten Probleme von Backman. Darüber hinaus begleitet der Leser in dieser Zeit den Studenten Pasi und seinen Kumpel Calle bei diversen Sauftouren und Drogenexzessen. Diese Vorgehensweise ist in erster Linie eines: hochgradig langweilig!

Erst nach etwa zwei Dritteln der Handlung konzentriert sich Kai Erik wieder auf das ursprüngliche Thema, die Handlung zieht deutlich an Tempo an, in Rückblenden werden dem Leser endlich Antworten auf Fragen gegeben, die dieser schon auf Seite 22 hatte. Letztlich führt er das Ganze auch zu einem zufriedenstellenden Ende. Aber bis zu diesem hat „Das böse Buch“ leider eine große Menge Potenzial verschenkt, denn bis zum Schluss wird nicht klar, was es denn nun sein will. Ein Horror-Thriller? Dafür fehlt zu viel. In erster Linie Spannung! Ein Roman über Depressionen und/oder Suizid? Dafür geht er nicht tief genug in die Thematik. Ja, selbst eine Art coming-of-age-Geschichte aus der Sicht des Studenten Calle könnte „Das böse Buch“ sein. Letztlich ist es von allem ein bisschen und nichts davon richtig.

Wenn die Geschichte wenigstens erinnerungswürdige Charaktere hätte. Aber auch da sieht es eher düster aus. Mickel Backman hat im Laufe seines Lebens so einiges durchgemacht und nie geschafft, ein paar Begebenheiten wirklich zu verarbeiten. Das klingt nach tragischem Schicksal, letztlich wirkt Backman aber wie ein rückgratloser Jammerlappen.

Pasi Maars könnte der spannendste Charakter des Buches sein, bleibt aber leider der blasseste. Klar wird, dass seine Beschäftigung mit Granlunds Werk sich nicht positiv auf seine Psyche auswirkt, aber welcher Mensch Pasi vorher war, ob er früher schon Erfahrungen mit Depressionen hatte – oder ob sie weniger im Gegenstand seiner Seminararbeit und mehr in seinem regelmäßigen Drogen- und Alkoholkonsum begründet liegen – all das bleibt im Dunkeln.

Der Student Calle ist unter den wenigen wichtigen Charakteren des Buches noch das größte Ärgernis. Er ist etwa 27 Jahre alt und studiert seit Jahren sinnlos durch die Gegend. Er hat kein Ziel und kann sich einfach nicht für eine Fachrichtung entscheiden. Als ihm aber aufgrund seiner fehlenden Leistungsnachweise – die wiederum ein Resultat seines mangelnden Engagements sind – die finanziellen Leistungen gestrichen werden, da setzt er sich nicht etwa hin und überlegt, in welche Richtung er sein Studium denn nun lenken könnte und wie er schnellstmöglich die geforderten Nachweise nachholen kann. Nein, Calle weist die Schuld an dieser Entwicklung von sich und schiebt sie den bösen Menschen zu, die ihm die Bezüge gestrichen haben: „Aber die Macht hatte ja schon immer gerne die Dinge bestimmt und reguliert, an denen sie selbst keinen Anteil hatte.“ (S. 91). Ach ja, und er beginnt, Bücher aus der Universitätsbibliothek zu stehlen und zu verkaufen! Weil das ja auch viel einfacher ist, als ein ernsthaftes Studium…

Dafür habe ich wenigstens recht wenig am Stil Eriks auszusetzen. Zuweilen rutscht die Sprache in einzelnen Sätzen aber ins Derbe bis Vulgäre ab. Damit hätte ich eigentlich keine Probleme, wenn es sich nahtlos in den restlichen Text einfügen würde. So aber wirkt es ein bisschen arg bemüht. Letztlich ist das aber noch das geringste Problem, das „Das böse Buch“ hat.

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ulldart – Die komplette Saga 1“ von Markus Heitz.

 

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9 Kommentare zu „„Das böse Buch“ von Kai Erik – Alles, nur nicht böse!

  1. Ich vertreibe mir fast immer die Wartezeit auf Züge in der jeweiligen Bahnhofsbuchhandlung. Es sei denn, der Bahnhof ist neben einem Shopping Center, dann gehe ich dort in die Buchhandlung (in der Regel Thalia), da kann man wenigstens sitzen 😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Das ist auch das Beste, was man in dieser Zeit tun kann. 🙂

      Im Gegensatz zu Dir würde ich allerdings niemals freiwillig die Filiale einer Buchhandlungskette betreten, wenn es eine Alternative dazu gäbe. Ich bin da etwas dogmatisch. 😉

      Gefällt 1 Person

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