„Der Sündenfall von Wilmslow“ von David Lagercrantz – Ungreifbarer Alan

Buch: „Der Sündenfall von Wilmslow“

Autor: David Lagercrantz

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 464 Seiten

Der Autor: David Lagercrantz, geboren 1962, ist ein anerkannter schwedischer Autor und Journalist, der dokumentargeschichtliche Romane und Biografien über schwedische Erfinder und andere gesellschaftliche Größen verfasst hat, bevor er sich der Belletristik zugewandt hat. »Der Sündenfall von Wilmslow« wurde von der schwedischen Kritik überschwänglich aufgenommen. Deutschen Lesern ist Lagercrantz durch die Biografie „Ich bin Zlatan“ ein Begriff. Lagercrantz macht zurzeit als Autor des vierten Teils von Stieg Larssons „Millenium“-Serie Furore. (Quelle: Piper)

Das Buch: England, 1954, der kalte Krieg hält die Welt in seinem eisernen Griff – und im kleinen Städtchen Wilmslow wird ein Mann tot aufgefunden. Es ist der Mathematiker Alan Turing, neben seinem Bett liegt ein mit Zyankali versetzter Apfel, alles deutet auf Selbstmord hin. Hat Turing die Repressionen nicht mehr ertragen, unter denen er als Homosexueller zu leiden hatte? Oder hat sein Tod doch etwas mit seiner Arbeit für den Geheimdienst während des Zweiten Weltkriegs zu tun? Der junge Detective Sergeant Leonard Corell, selbst einst ein vielversprechender Mathematiker, hegt den Verdacht, dass höhere Mächte ihre Finger im Spiel haben. Gegen Widerstände beginnt er, die Teile eines Puzzles zusammenzusetzen, das vielleicht eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Kriegs offenbart. (Quelle: Piper)

Fazit: Vor einigen Wochen ergab sich für mich die Gelegenheit, den Film „The Imitation Game“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Ich bin nicht der Welt größter Kinogänger, weswegen ich in schöner Regelmäßigkeit Filme im Kino verpasse, die mich eigentlich interessiert hätten. Aus diesem und anderen Gründen: Ein Hoch auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen! 🙂

Da mir der Film und dessen Thema außerordentlich gut gefiel, war ich umso erfreuter, als mir in der Buchhandlung meines Vertrauens „Der Sündenfall von Wilmslow“ in die Hände fiel. So ganz wollte der Funke aber leider nicht überspringen.

Das Positive zuerst: Mit Detective Sergeant Leonard Corell ist Lagercrantz ein in jeder Hinsicht überzeugender Protagonist gelungen. Zwar wirkt auch er ähnlich frustriert und desillusioniert, wie so mancher Ermittler in skandinavischen Krimis, die ich häufig genau dafür kritisiere. Aber in Corells Fall hat seine Frustration Gründe. Und diese legt der Autor dem Leser auch detailiert dar. So hasst der Detective Sergeant seinen Job eigentlich abgrundtief, hatte er doch ursprünglich ganz andere Ambitionen. Ähnlich wie Turing selbst hatte Corell in seiner Jugendzeit ein großes Talent zur Mathematik. In diesem Bereich sah er auch seine Zukunft. Dann jedoch kam alles anders. Warum es anders kam, und welche Auswirkungen das auf die Zukunft des jungen Mannes hatte, das erklärt der Autor in Rückblicken auf Corells Kindheit und Jugend. Diese detaillierte Art der Darstellung wünschte ich mir öfter.

Daraus, dass sich Lagercrantz so viel mit seinem Protagonisten beschäftigt sowie aus der Ausgangssituation des Romans entsteht aber ein ganz anderes Problem. Der eigentliche Hauptdarsteller des Buches ist ja Alan Turing, nur ist dieser zu Beginn des Romans bereits tot. Der Versuch einer Charakterisierung des Wissenschaftlers erfolgt daher in Gesprächen zwischen Corell und einigen von Turings Weggefährten. Dabei gelingt aber eben nicht das, was beispielsweise Regisseur Morten Tyldum bzw. insbesondere Benedict Cumberbatch in „The Imitation Game“ gelingt, nämlich, mir das Gefühl zu vermitteln, was für eine Person Turing war – auch wenn Vergleiche zwischen Büchern und Filmen grundsätzlich hinken. In „Der Sündenfall von Wilmslow“ dagegen bleibt die eigentliche Hauptperson Alan Turing seltsam konturlos, irgendwie diffus. Besser wäre es meiner Meinung nach gewesen, den berühmten Mathematiker selbst auftreten zu lassen. Aber der ist ja nun, wir erinnern uns, bereits auf Seite eins tot. Lagercrantz hat sich zu diesem anderen Ansatz ganz bewusst entschieden, denn, wie er im Nachwort schreibt: „Ich fand bedauerlich wenig über sein Seelenleben. Im Unterschied zu so vielen Autoren hatte er seine Gefühle nicht in langen Briefen verströmt. Er blieb eine schwer zu greifende Gestalt (…) „ich benötigte einen Doktor Watson, der ihn von außen sah(…)“ (Seite 453).So verständlich dieser Ansatz auch ist: Auch durch den Einsatz seines Doktor Watson in Person von Detective Sergeant Corell, bleibt Turing für mich auch nach diesem Roman das, was er für Lagercrantz vorher schon war: „eine schwer zu greifende Gestalt“.

Auch inhaltlich überzeugt der Roman nicht vollständig. Der Autor hat hier das Problem, das man immer hat, wenn man Romane schreibt, die auf tatsächlichen Ereignissen beruhen: Wie erzeuge ich Spannung für die Leser, die sich mit der Materie bereits auskennen? Robert Harris zum Beispiel gelingt das in Büchern wie „Enigma“ oder ganz besonders „Intrige“ wirklich hervorragend. Selbst wenn einem die historischen Begebenheiten im Detail geläufig sind, ist Harris in der Lage, für ausreichend Spannung zu sorgen, um den Leser nicht zu langweilen. Lagercrantz gelingt das leider nicht. Auf Dauer ist es sogar irgendwann störend, wenn Corell versucht, Turings Rolle im Bletchley Park während des Zweiten Weltkriegs zu recherchieren. Seine Fortschritte macht er dabei mit der Geschwindigkeit einer Kontinentalplatte, was für den Leser ermüdender ist, als für den Protagonisten selbst.

Dass dieser Haupthandlungsstrang nicht zündet, ist umso ärgerlicher, als dass „Der Sündenfall von Wilmslow“ über ein, zwei wirklich überzeugende Nebenhandlungen verfügt. Zum Einen sei da nochmal die oben erwähnte Lebensgeschichte des Ermittlers genannt, zum Anderen das Thema des Umgangs mit Homosexualität in den 50ern, die zu dieser Zeit noch strafbar war und „therapiert“ werden musste. So hat man im Fall Turing „gnädigerweise“ von einer Gefängnisstrafe abgesehen, wenn er sich einer Hormontherapie unterzieht. Die Folgen daraus: Turing wächst der Ansatz einer weiblichen Brust, mögliche weitere Folgen sind seine schweren Depressionen, die möglicherweise zum Selbstmord geführt haben. Zur Homosexualität hat Corell eine Einstellung, die kaum von der seiner Zeitgenossen abweicht. Dass sich seine diesbezügliche Haltung im Verlauf der Handlung ein wenig ändert, wird zwar erklärt, allerdings ein wenig zu plakativ, da hätte ich mir seitens des Autors weniger klischeehafte Ideen gewünscht. Insgesamt weiß aber auch dieser Handlungsstrang leider mehr zu überzeugen als die eigentliche Haupthandlung.

Auch in stilistischer Hinsicht wurde ich mit dem Roman nicht warm. „Sperrig“ und „spröde“ sind zwei Begriffe, die den Stil des Buches über weite Strecken gut beschreiben würden.

Abschließend kann ich also für mich festhalten, dass ich auf weitere Bücher des Schriftstellers verzichten werde. Wer sich aber mit dem Gedanken trägt, einmal etwas von ihm zu lesen und wer vielleicht noch dazu die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson kennt, dem sei gesagt, dass die Taschenbuchausgabe seines Romans „Verschwörung“ am 14.08.2017 erscheint.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das böse Buch“ von Kai Erik. Ich habe mich beim Buchkauf für das Buch mit dem dümmsten verfügbaren Titel entschieden.

Bis es soweit ist, werde ich mich erstmal damit beschäftigen, meinen Schreibtisch zu desinfizieren, abzuschleifen und mit Leinöl zu imprägnieren. Ich war nämlich eben gezwungen, ein Waldeidechsenweibchen einzufangen, dass es sich zwischen Monitor, Schreibtischlampe und externer Festplatte gemütlich gemacht hatte! Als ich seiner ansichtig wurde, reagierte ich mit der mir innewohnenden Souveränität: Ich rief laut „Wuäääh“ und rollte mit dem Schreibtischstuhl reflexartig etwa 478 Meter nach hinten. Kurz hatte ich die Hoffnung, dass sich jemand einen Spaß mit mir erlaubt hätte, und mir so ein Scherzartikel-Gummi-Gecko-Ding dorthin gelegt hat. Bei näherer Betrachtung des possierlichen Tierchens schlug dieses jedoch die Augen auf. Scherzartikel tun so etwas nicht. Nun, wie auch immer, jetzt ist das Tierchen wieder in Freiheit und ich habe das dringende Bedürfnis, mich abzukärchern! Die geneigte Leserschaft erkennt: Eidechsen, eigentlich Reptilien im Allgemeinen, sind nicht so meins! 🙂

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9 Kommentare zu „„Der Sündenfall von Wilmslow“ von David Lagercrantz – Ungreifbarer Alan

  1. Hihi ich sehe die Situation vor mir. Hätte ich gar nicht gedacht, dass Du da so ängstlich bist. Zumindest sollten solche Tierchen Mücken und Fliegen fressen. Was sie aber meistens zu meinem Bedauern auch nicht tun.
    LG Kenia

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    1. Ich bin nicht „ängstlich“, ich habe nur Respekt! 😉

      Nein, mal im Ernst, ich mag dieses Getier einfach nicht. Alles, was Schuppen hat und kein Fisch ist, wird von mir misstrauisch beäugt. 🙂

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      1. Naja in der Beziehung würden wir gut zusammen passen. Solche Tiere machen mit gar nichts aus, dafür aber die Spitznasen mit den langen nackten Schwänzen *grusel*. Da bekomme ich fast einen hysterischen Anfall.

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    1. Wie ich auf Spinnen reagiere, werde ich beschreiben, wenn es so weit ist. 🙂

      So lange sie nicht sehr, sehr groß sind – oder ich den Eindruck habe, sie könnten lebensgefährlich sein – bin ich den Tierchen gegenüber etwas entspannter. Natürlich, ohne sie zu mögen! Aber man sieht sie halt öfter. Eidechsen auf dem Schreibtisch hatte ich dagegen bisher noch nicht. 🙂

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  2. „lol“ Herrlich! Ein Waldeidechsenweibchen. So genau hast Du Dir das possierliche Tierchen angesehen? Da können Reptilien ja eigentlich gar nicht soooo böse sein. ;D
    Zur Buchbewertung: Bücher mit diesem Thema interessieren mich rein prinzipiell nicht und nein, Filme auch nicht. Aber Verschwörung habe ich bereits zuhause stehen, daher bin ich gespannt. Auch auf die Rezension zum letztgenannten Titel. Bin neugierig, was sich dahinter verbirgt.

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    1. Das ergab sich halt so. Das possierliche Tierchen hatte es sich im Strom der Abwärme meines Rechners gemütlich gemacht, und machte keinerlei Anstalten, sich auch nur ansatzweise bewegen zu wollen. Ich wiederum verharrte in einer Art Schockstarre, während ich verzweifelt über eine Lösung für das Problem nachdachte. Das ermöglichte eine genauere – wenn auch nur so semi-freiwillige – Betrachtung. Und die anschließende Google-Recherche ergab eben: Waldeidechsenweibchen! 😉

      Dass Reptilien per se nicht soooo böse sind, würde ich nicht zwingend unterschreiben. Das kommt eindeutig auf den Einzelfall an. Schließlich hätte auf meinem Schreibtisch auch ein Salzwasserkrokodil – größtes Reptil der Welt, sagt Google – mit 5 Metern Länge liegen können… 😉

      Auf „Verschwörung“ bin ich schon deshalb nicht so erpicht, weil ich bereits die Millenium-Trilogie zwar ganz okay fand, den Hype darum aber nie so wirklich verstanden habe.

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      1. Ich habe die Bücher zwar, aber noch keins davon gelesen. Daher lasse ich das irgendwann auf mich zukommen. Denn ehrlicherweise komme ich kaum zum Lesen und es gibt so viele tolle und spannende Bücher und jeden Tag kommen neue dazu! Bis zur Rente ist es einfach noch weit, aber dann! ;D
        Woher bitte sollte eigentlich in Deinen Breiten ein 5-m-Salzwasserkrokodil auftauchen? Ok, es gibt Nachbarn….. hm…

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