„Der Schneegänger“ von Elisabeth Herrmann – Ein Vergleich

Buch: „Der Schneegänger“

Autorin: Elisabeth Herrmann

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 447 Seiten

Die Autorin: Elisabeth Herrmann, geboren 1959 in Marburg an der Lahn, ist Schriftstellerin sowie Drehbuch- und Hörspielautorin. Bereits mit ihrem ersten Roman „Das Kindermädchen“ aus dem Jahr 2005 gewann sie Auszeichnungen. Seitdem veröffentlichte Herrmann zwei historische Romane und mehrere Krimis, u. a. die mit Jan Josef Liefers verfilmte Reihe um den Berliner Anwalt Joachim Vernau. Elisabeth Herrmann lebt mit ihrer Tochter in Berlin.

Das Buch: Während eines eisigen Winters wird in einem Waldstück nahe Berlin das Skelett eines kleinen Jungen gefunden. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um ein vor einigen Jahren vermisst gemeldetes Kind handelt. Die Polizei konnte den Fall damals nicht lösen.

Nun unternimmt Hauptkommissar Lutz Gehring einen neuen Versuch. Zur Unterstützung holt er sich die junge Sanela Beara an seine Seite.

Das Duo ermittelt im familiären Umfeld des Kindes. Ist der Vater, der in einer abgelegenen Wolfsstation Brandenburgs arbeitet, wirklich unschuldig? Und was hat es mit der Familie Reinartz auf sich, für die die Mutter des Jungen gearbeitet hat  – und in die sie mittlerweile eingeheiratet hat?

Sanela Beara sieht zur Lösung des Falles nur eine Möglichkeit: Sie muss sich unter falscher Identität in den Haushalt der Familie Reinartz einschleusen. Damit begibt sie sich in große Gefahr.

Fazit: Ende des Jahres 2014 war „Das Dorf der Mörder“ von Elisabeth Herrmann – der erste Fall der jungen Polizistin Sanela Beara – eine meiner ersten Rezensionen in diesem Blog. Der Vorgänger von „Der Schneegänger“ gefiel mir seinerzeit recht gut, insofern war ich guten Mutes, dass das auch diesmal wieder der Fall sein wird.

Leider kann der Nachfolgeroman rund um die junge Polizistin Sanela Beara es nicht ganz mit dem ersten Krimi aufnehmen – wohlgemerkt, ohne deswegen gleich ein schlechtes Buch zu sein. Die Erzählweise von Elisabeth Herrmann kann man auch diesmal nicht groß kritisieren, sie erzählt temporeich, auch die Dialoge haben mir gut gefallen.

Die Handlung wiederum hat sowohl Vor- als auch Nachteile im Vergleich zu „Das Dorf der Mörder“. Den ersten Roman habe ich damals als teilweise „bedrückend“ empfunden, phasenweise als „grenzwertig widerlich“, beispielsweise in der Beschreibung eines Mordes. Aber vor allem diese bedrückende Atmosphäre war es auch, die die Qualität des Buches zu großen Teilen ausgemacht hat.

Davon ist „Der Schneegänger“ durchaus ein gutes Stückchen entfernt. Es fließt weniger Blut, wogegen ich nie etwas einzuwenden habe, aber trotz des eigentlich bedrückenden Themas rund um den Tod eines Jungen kommt keine so recht dazu passende Stimmung auf. Lange Zeit war mir nicht so ganz klar, woran das denn nun liegt, denn „Die Schneegänger“ bietet durchaus eine spannende Handlung, die erfreulich unvorhersehbar ist. Rückblickend denke ich, dass daran – und das hatte ich irgendwie befürchtet – einmal mehr die Hauptfigur schuld ist.

Schon im ersten Krimi habe ich die „Herr-Lehrer-ich-weiß-was-Art“ von Sanela Beara kritisiert. Damals bekam sie im Laufe der Handlung glücklicherweise rechteitig die Kurve, um noch als sympathisch durchzugehen – diesmal leider nicht.

Die junge Polizistin hat es nach den Begebenheiten des Vorgänger-Krimis vorgezogen, die Uniform vorerst wieder in den Schrank zu hängen und stattdessen die Uni zu besuchen, um anschließend im Gehobenen Polizeivollzugsdienst arbeiten zu können.

Ich gehe davon aus, dass man Beara im Rahmen ihres Studiums also deutlich erklärt hat, was sie in ihrer Tätigkeit als Beamte tun darf und was eher nicht. Allerdings scheint ihr das vollkommen schnurzpiepegal zu sein. Regelmäßig übertritt sie die erlaubten Grenzen der Ermittlungsarbeit, kritisiert diese Grenzen und fühlt sich dabei auch noch vollkommen im Recht. Man hat als Leser den Eindruck, die junge Frau ist von sich dermaßen überzeugt, dass sie sicher ist, nur sie könne die Ermittlungen zu einem guten Ende führen und alle anderen seien inkompetent. Mit ihrer Art und dieser Haltung liegt sie irgendwo zwischen arg klugscheißerisch und dem Gipfel der Egozentrik.

Nun ist man als Leser aus amerikanischen Krimis ja gewöhnt, dass die dortigen Ermittler „am Rande der Legalität“ oder „auf eigene Faust“ oder beides ermitteln, insofern könnte ich darüber eigentlich hinwegsehen. Nur, es ist halt einfach kein amerikanischer Krimi und der Alleingang Bearas passt hier so gar nicht hin. Wenigstens die weiteren Personen sind etwas besser gelungen.

Geblieben ist letztlich der Eindruck, einen soliden Krimi gelesen zu haben, der den Leser zwar nicht in atemlose Spannung versetzt, der aber gut unterhalten kann und der unter einer nervtötenden bis indiskutablen Protagonistin leidet. Wer über Letzteres hinwegsehen kann, macht mit „Der Schneegänger“ erstmal nicht viel verkehrt.

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Anatomie des Teufels“ von Jordi Llobregat.

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4 Gedanken zu “„Der Schneegänger“ von Elisabeth Herrmann – Ein Vergleich

  1. Frau Hermann gehört eigentlich zu meinen Lieblings Krimi Autoren. Allerdings muß ich zugeben, an den Schneegänger erinnere ich mich nicht mehr, an das Dorf der Mörder hingegen schon. Ich mag ganz gern die Reihe um den Anwalt Joachim Vernau, hier ganz besonders „Das Kindermädchen“ und „Versunkene Gräber“. Ich mag ihren Erzählstil.
    Aber das letzte Buch „Die Mühle“ das ich von ihr gelesen habe, war so grottenschlecht, so an sämtlichen Haaren herbei gezerrt, dass ich mich beim Lesen fremdgeschämt habe. Es gehört in Herrmanns Kategorie „Jugend Thriller“ – aber das ist keine Entschuldigung dafür, Mist zu fabrizieren

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  2. Der Schneegänger war mein erstes Hörbuch und somit auch mein erstes „Buch“ von E. Herrmann. Als Hörbuch gefiel es mir ganz gut, diese Polizistin fiel aber tatsächlich auf, so wie Du sagst, trotz Konzentration auf den Verkehrsfluss, denn Hörbücher höre ich grundsätzlich nur während einer Autofahrt. Tatsächlich liebäugele ich aber dennoch mit einer Fortsetzung, denn Grenzgänger auch im deutschen Krimi sind durch Kommissar Zorn mittlerweile hinlänglich bekannt und ich kann damit gut leben.

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