„Under Ground“ von S. L. Grey – Der Letzte macht die Tür zu

Buch: „Under Ground“

Autor: S. L. Grey

Verlag: Heyne

Ausgabe: Paperback, 384 Seiten

Der Autor: S. L. Grey ist das gemeinsame Pseudonym der beiden Autoren Sarah Lotz und Louis Greenberg.

Die Drehbuchautorin und Schriftstellerin Sarah Lotz hat eine Vorliebe für das Makabre sowie für Pseudonyme. So schreibt sie neben der Zusammenarbeit mit Greenberg zusammen mit ihrer Tochter unter dem Pseudonym Lily Herne an der „Yound-Adult“ Zombie-Reihe „Deadlands“ sowie schrullige Erotik-Romane als Helena S. Paige, zusammen mit den Autorinnen Helen Moffett und Paige Nick.

Sarah Lotz lebt in Kapstadt, Südafrika.

Louis Greenberg ist ein in Johannesburg geborener Autor und Verleger. Er studierte Geschichtswissenschaften und Englisch und schrieb seine Masterarbeit über „sex and family in modern American vampire fiction“. Später ließ er seine Doktorarbeit zum Thema „post-religious apocalyptic fiction“ folgen. Greenberg war viele Jahre als Buchhändler und Verleger tätig, bevor er sich selbst dem Schreiben widmete. Er lebt derzeit in England.

Zusammen veröffentlichten die beiden Autoren bislang die „Downside-Trilogie“ bestehend aus „The Mall“ – hier veröffentlich unter dem naheliegenden Titel „Labyrinth der Puppen“ – sowie „The Ward“ und „The New Girl“, beide wohl noch nicht auf deutsch erschienen. Anschließend folgten die Romane „Under Ground“ sowie „The Apartment“.

Das Buch: Im asiatischen Raum bricht ein tödliches Virus aus. Rasch verbreitet es sich, und auch in den USA sind bald die ersten Todesopfer zu verzeichnen. Nun schlägt die Stunde von Greg Fuller. In weiser Voraussicht hat Fuller für viel Geld eine in den 80er-Jahren errichtete, aber nie vollendete, unterirdische Atomschutzanlage erworben, sie ausgebaut und verkauft jetzt die einzelnen Wohneinheiten für horrende Preise an die, die sie sich leisten können und auf der Flucht vor dem Virus sind.

Und zu Beginn geht auch alles gut. Die Bewohner reisen an, machen es sich im Rahmen der Möglichkeiten in ihren Unterkünften gemütlich, die Stimmung ist gelöst, die meterdicke, bombensichere Stahltür zur Außenwelt wird geschlossen.

Damit jedoch beginnen die Probleme. Denn kurz darauf wird Greg Fuller tot im untersten Geschoss der Anlage aufgefunden. Er wurde offensichtlich ermordet. Und damit nicht genug. Fuller hat es auch noch versäumt, den Bewohnern den Code mitzuteilen, mit dem sich die schwere Tür nach draußen wieder öffnen lässt. Die Bewohner der Anlage sind also eingeschlossen. Mit begrenzten Lebensmitteln. Und mit dem Mörder von Greg Fuller.

Die anfänglich entspannte Atmosphäre verschärft sich und nach und nach treten die Schattenseiten der Menschen zum Vorschein.

Fazit: Der Einstieg in „Under Ground“ fällt nicht so ganz leicht. Die Autoren lassen die 32 Kapitel ihres Romans durch mehrere der 16 Bewohner der unterirdischen Anlage erzählen. Die Sprünge von Erzähler zu Erzähler, sowie die Tatsache, dass mehr als ein Bewohner als Ich-Erzähler agiert, sorgten bei mir auf den ersten Seiten für leichte Schwierigkeiten.

Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase aber stellte das kein Problem mehr dar, auch weil die Autoren ihre Figuren stilistisch ausreichend voneinander abheben, damit man weiß, wer da jetzt berichtet. Na, und, zugegeben, außerdem tragen die Kapitel jeweils den Namen des Erzählers bzw. der Erzählerin als Überschrift…

Nach diesen leichten Einstiegsschwierigkeiten ging es aber positiv weiter. Ich gewöhnte mich an die Charaktere, wusste irgendwann genau, wer jetzt wer war und zu wem gehörte. Und irgendwann fragte ich mich, ob ich angesichts der Charaktere weinen oder lachen sollte. Denn sie wirken alle sehr, sehr überzeichnet und vor allem wie ein Querschnitt durch die amerikanische Gesellschaft auf maximal möglichem Klischee-Level. So besteht die Gruppe beispielsweise aus religiösen Fundamentalisten, MMO-Nerds asiatischer Abstammung, schießwütigen, patriotischen Rednecks und versnobbten Yuppies. Hm, „Nerds“, „Rednecks“, „versnobbt“, „Yuppies“ – angesichts des letzten Satzes sollte ich meinen Angliszismen-Filter mal neu justieren. Irgendwie ist dessen usability lame! DA! !Es ist schon wieder passiert… Egal!

Nun, jedenfalls kann man diese bewusst überzeichneten Charaktere natürlich kritisieren, aber sie passen so hervorragend in die Geschichte und den Handlungsrahmen von „Under Ground“, dass ich mich dann doch für das Lachen entschieden habe. In einem solchen gewählten Szenario sind solche Figuren die genau richtige Wahl!

Und die Geschichte nimmt im Laufe der Zeit auch Fahrt auf. Nach dem Mord an Fuller macht sich Misstrauen unter den Bewohnern breit, schließlich muss der Mörder noch in der Anlage sein. Trotzdem sind sie gezwungen, halbwegs zusammenzuarbeiten, wenn sie eine Chance haben wollen, den Bunker jemals wieder lebend zu verlassen. Diese ambivalente Situation der Charaktere wird gut herübergebracht und auch die Spannung kommt nicht zu kurz, besonders im späteren Verlauf der Geschichte, über den ich natürlich leider nichts sagen kann, ohne zu spoilern.

„Under Ground“ liest sich wie eine Mischung aus einem Agatha-Christie-Roman wie „Mord im Orientexpress“ und einem dystopischen Thriller mit klaustrophobischer, psychologischer Spannung und einem sehr guten Schluss. Für jeden, der etwas aus der Kategorie „Mal-was-ganz-anderes“ lesen möchte, eine absolute Kaufempfehlung!

Darüber hinaus haben die beiden Autoren meinen Dank verdient, weil sie trotz ihrer Begeisterung für Zombies und Vampire auf beides verzichtet haben – habe ich doch aufgrund der inflationären – und häufig nicht fachgerechten – Verwendung beider Spezies in den letzen Jahren ein Problem mit ihnen. 😉

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Into the Water“ von Paula Hawkins.

 

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9 Kommentare zu „„Under Ground“ von S. L. Grey – Der Letzte macht die Tür zu

  1. Ich habe das Buch vor einigen Monaten auch gelesen, und es hat mir auch ganz gut gefallen. Die klischeehaften Figuren haben mich ein bisschen gestört, zumal sie wenig Tiefe hatten, denn gerade diese zwischenmenschlichen Konflikte während der Eingeschlossenheit hätten viel mehr hergegeben, wenn die Charaktere nicht so flach wären. Trotzdem fand ich es sehr spannend und die klaustrophobische Grundstimmung sehr gelungen.

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    1. Ja, Deine Meinung über die Charaktere kann ich gut verstehen, aber ich finde, sie passten halt gut zu diesem apokalyptischen, leicht trashigen Charme, den das Buch hatte. 🙂

      Vielleicht lag das aber auch an meiner Erwartungshaltung. Ich habe mit dem Buch so ziemlich genau das bekommen, das ich mir erhofft hatte. In einem anderen Buch hätte mich die Charakterzeichnung möglicherweise tatsächlich gestört.

      Gefällt 1 Person

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