„Nullnummer“ von Umberto Eco – Ein Hoch auf die Pressefreiheit

Buch: „Nullnummer“

Autor: Umberto Eco

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 231 Seiten

Der Autor: Umberto Eco war ein 1932 in, im Piemont gelegenen, Alessandria geborener Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph, Medienwissenschaftler und Semiotiker.

Er wuchs in einer kleinbürgerlichen Familie als Sohn eines Buchhalters auf und begann 1948 ein Studium der Philosophie und Literaturgeschichte, wiewohl ihn sein Vater gerne als Rechtsanwalt gesehen hätte. Sein erstes Buch, bei dem es sich um eine erweiterte Fassung seiner Dissertation handelte, erschien im Jahr 1956. Während dieser Zeit war Eco für den italienischen Fernsehsender RAI tätig.

Weltweit bekannt wurde Eco jedoch erst mit dem 1982 erschienenen „Der Name der Rose“. Auch die folgenden Romane wurden in der Mehrzahl Bestseller, so dass es nicht verwundert, dass Eco der weltweiten Leserschaft in erster Linie wegen seiner Romane im Gedächtnis geblieben ist, obwohl der Italiener auch zahlreiche philosophische, literatur- oder kulturkritische Schriften verfasste.

Eco erhielt seine 39. und letzte Ehrendoktorwürde im Jahr 2014 und verstarb am 19. Februar 2016 in Mailand.

Das Buch: Italien, 1992: Der Commendatore Vimercate möchte eine Zeitung produzieren und beauftragt den Journalisten Simei mit der Umsetzung dieses Wunsches. Der einzige Haken an der Sache: Diese Zeitung soll nie erscheinen, sondern nur Testexemplare, sogenannte „Nullnummern“ erstellen. Mit diesen Nullnummern, die teils pikante Details, teils bloße Mutmaßungen über Mitglieder der gehobenen Gesellschaft enthalten, möchte Vimercate Druck auf diese gehobene Gesellschaft ausüben, zu der er gerne Zutritt hätte.

Simei wiederum beauftragt den Journalisten Colonna, über die auf ein Jahr angelegte Tätigkeit ein Buch zu schreiben, für das er Colonna fürstlich entlohnen will und das ihn, Simei, als redlichen, strebsamen Journalisten darstellen soll, der am Nichterscheinen der Zeitung keine Schuld trägt und für den wahrheitsgetreuer Journalismus an oberster Stelle steht.

Colonna nimmt den Auftrag an, nicht ahnend, dass er sich damit in Gefahr begibt.

Fazit: Meine Erfahrungen mit den Romanen von Umberto Eco sind unterschiedlichster Natur. So habe ich – das muss ich zu meiner Schande eingestehen – niemals „Der Name der Rose“ gelesen, bin an „Das Foucaultsche Pendel“ auf die schlimmstmögliche Art gescheitert, hatte dafür aber meinen Spaß mit „Baudolino“ und empfehle „Der Friedhof in Prag“ heute noch jedem, der es nicht wissen will.

Insofern war ich gespannt, wie mir der neueste, und tragischerweise letzte, Roman von Eco gefallen würde. Viel Licht und nur wenig Schatten, könnte ich sagen, würde ich mich kurz fassen wollen. Ich gehe dann aber doch noch ein wenig ins Detail.

Eco schafft es auf überzeugende Weise, eine spannende Krimihandlung – die teilweise etwas abstrus wirkt, was aber gewollt ist – mit einer bitterbösen Medienkritik zu verbinden. Die Krimihandlung befasst sich in erster Linie mit der Aufdeckung der „stay behind“-Organisation „Gladio“ im Jahr 1990, die Colonnas Zeitungskollege Braggadocio mit einer wilden Verschörungstheorie über das mögliche Überleben Mussolinis nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung bringt.

Die Verschörungstheorie ist nicht neu, wird aber von Braggadocio in sich schlüssig dargestellt und sorgte nur selten für Kopfschütteln, Lächeln oder ein Hochziehen der Augenbrauen meinerseits. Und das lag dann zugegebenermaßen wohl meistens an der Tatsache, dass ich generell kein Fan von Verschwörungstheorien bin.

Die Geschehnisse um „Gladio“ wiederum sorgten bei mir für verstärktes googlen, weil ich einerseits zum Zeitpunkt der Aufdeckung dieser Angelegenheit in einem Alter war, in dem man sich eher weniger mit italienischer Politk beschäftigt – obwohl ich da ganz dunkel noch etwas im Hinterkopf hatte – und weil ich andererseits gerne weiß, ob historische Begebenheiten gut recherchiert sind. Sie sind es, meiner Meinung nach. Unfassbar, dass man von den damaligen Begebenheiten heute kaum noch etwas mitbekommt!

Die oben erwähnte Medienkritik kommt in erster Linie, natürlich, durch die Schilderung der Entstehung der Nullnummern zum Vorschein. Da wird die in den Zeitungsartikeln verwendete Sprache soweit heruntergebrochen, dass sie auch der größte Depp verstehen kann, da werden Dossiers mit pikanten Informationen über Prominente angelegt, um im richtigen Augenblick damit Druck auf diese Prominenten auszuüben und sie vielleicht doch zu einem Interview zu überzeugen, und da werden Sachverhalte sehr tendenziös dargestellt.

Dieser Handlungsstrang bereitete mir ähnlich viel Vergnügen, habe ich mir doch mal sagen lassen, dass man auch in deutschen Boulevardblättern – vorzugsweise in dem von mir gerne als „Rohstoffverschwendung“ bezeichneten mit den vier großen Buchstaben – auf erschreckend ähnliche Weise verfährt, und das nicht erst seit gestern. Ich bin aber weit entfernt davon, das als Tatsache zu bezeichnen, ich habe das nur gehört… 😉

Diese Handlungsstränge füllt Eco mit einer Reihe Charaktere, die zwar nicht umwerfend detailliert geschildert sind – wie auch, auf gerade mal 231 Seiten – die man aber alle eigentlich sehr gerne haben muss. Also, vom Commendatore Vimercate mal abgesehen, der in der eigentlichen Handlung gar nicht persönlich auftaucht, und mit dem Eco niemand anderen als Berlusconi gemeint haben wird.

Aber Colonna zum Beispiel, der sich und sein bisheriges Schaffen eigentlich als gescheitert ansieht, ist ein ziemlich guter Protagonist. Auch wenn seine Meinung über den Kollegen Simei eher negativ ist, wenn er über ihn behauptet: „In seinem Genre ist er ein Gott. Und sein Genre ist Scheiße.“ (S.58) 🙂 Auch besagter Simei oder Colonnas spätere Freundin Maia sind gut getroffen.

Der für mich überzeugendste Charakter ist aber der Verschwörungstheoretiker Braggadocio, der von sich behauptet: „Wenn man der einzige ist, der die Wahrheit erfasst hat, kann sich einem der Kopf drehen.“ Ich persönlich bin ja der Meinung, dass man, wenn man der Meinung ist, zu einem Sachverhalt als einziger die volle, unumstößliche Wahrheit zu kennen, zu einem guten Arzt gehen sollte.

Abseits der der Handlung und der Chraktere ist auch der Stil überzeugend. Man merkt, dass man einen Eco liest. Das geht mir nur bei ganz wenigen Autoren so und das ist sicherlich auch ein Verdienst des Übersetzers Burkhart Kroeber, dem an dieser Stelle ein Lob dafür gebührt.

Inwieweit es sinnvoll war, in Zeiten, in denen es hierzulande immer mehr gesellschaftsfähig erscheint, „Lügenpresse“ zu brüllen, einen Roman über die manipulativen Möglichkeiten der Medien zu schreiben, sei mal dahingestellt. Auch wenn sich Eco mit seiner Kritik naturgemäß auf Italien beschränkt.

Lesenswert ist „Nullnummer“ dennoch in jeder Hinsicht. Wer sich bisher nicht an das Werk des großen italienischen Schriftstellers herangewagt hat, findet mit „Nullnummer“ einen überzeugenden Einsteiger.Und irgendwann lese ich dann auch noch einmal „Das Foucaultsche Pendel“, ohne daran zu scheitern, versprochen…

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die letzten Tage der Nacht“ von Graham Moore.

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