„Auerhaus“ von Bov Bjerg – Wohldosierte Nostalgie

Buch: „Auerhaus“

Autor: Bov Bjerg

Verlag: atb

Ausgabe: Taschenbuch, 236 Seiten

Der Autor: Bov Bjerg ist ein 1965 in Heiningen geborener deutscher Schriftsteller und Kabarettist. Bjerg studierte Politik- und Literaturwissenschaften sowie Linguistik in Berlin, Amsterdam und Leipzig.

1989 war er Mitgründer der Literaturzeitschrift Salbader. Darüber hinaus war er Initiator mehrerer Berliner Lesebühnen, darunter Dr. Seltsams Frühschoppen und Mittwochsfazit.

Bjerg veröffentlichte bislang zwei Romane, sowie die Geschichtensammlung „Die Modernisierung meiner Mutter“ und mehrere Tonträger. Für sein kabarettistisches und literarisches Schaffen wurde der Autor mehrfach ausgezeichnet, so erhielt er unter anderem im Jahre 2002 den Deutschen Kabarettpreis sowie  – ich zitiere – bereits 1975 eine „Lobende Erwähnung beim Lego-Wettbewerb der Kreissparkasse Göppingen“.

Das Buch: Deutschland, irgendwo in der Gegend um Stuttgart, Mitte bis Ende der 80er-Jahre. Der junge Höppner besucht die Oberstufe am Gymnasium und bereitet sich auf das Abitur vor. Vor allem auf die Zeit danach. Immer an seiner Seite: Sein bester Freund Frieder, der eigentlich irgendwie schon immer da war.

Dann jedoch unternimmt Frieder einen Selbstmordversuch. Er überlebt und muss einen Klinikaufenthalt über sich ergehen lassen. Dort rät man ihm, nach Ende des Aufenthaltes nicht wieder zu seinen Eltern zurückzuziehen. Eine Alternative ist schnell gefunden: Frieder zieht in das leerstehende Haus seines verstorbenen Großvaters ein. Und das tut er nicht allein, denn Höppner kommt mit. Der wiederum möchte seine Freundin Vera mitnehmen. Da die nicht allein zu den Jungen ziehen darf, zieht auch Cäcilie mit ein. Später komplettieren der homosexuelle Elektriker und Dealer Harry und die pyromanisch veranlagte Pauline die WG. Kurz darauf bekommt ihr neues Domizil von den Nachbarn den Namen „Auerhaus“, da sich die jungen Leute permanent mit „Our house“ von „Madness“ beschallen.

Anfangs in beständiger Sorge um Frieder, lebt das skurrile Sextett schließlich exzessiv gegen das Erwachsenwerden und einen Lebenslauf nach dem Schema „birth, school, work, death“ an – wohlwissend, dass das „Auerhaus“, in dem sie leben, nur eine Übergangsstation sein kann.

Fazit: Bei Erscheinen wurde „Auerhaus“ allenthalben landauf, landab gefeiert. Und zwar vollkommen zu Recht, wie ich finde!

Das beginnt schon mit der skurrilen Sechsergruppe, die Bjerg da geschaffen hat. Höppner, den der Autor als Erzähler der Ereignisse agieren lässt, arbeitet neben der Schule in einem Geflügelzuchtbetrieb und hat eigentlich, neben Frieder, nur zwei Sorgen: Wie soll er durchs Abi kommen und, vor allem, wie umgeht er den Wehrdienst!? Sowohl dem Abi als auch dem Wehrdienst steht nämlich Höppners Einstellung entgegen. „Ich konnte mich nicht entscheiden, auf welches Prüfungsfach ich zuerst nicht lernen sollte.“ (S. 138) Und mit der Bundeswehr bzw. dem Gebrauch eines Gewehrs hätte er ja eigentlich keine Probleme – nur eben nicht auf Befehl!

Frieder, um den sich die Geschehnisse in „Auerhaus“ eigentlich drehen, ist ein einerseits sehr intelligenter, andererseits sehr introvertierter Charakter. Die hinsichtlich seines Selbstmordversuchs von Höppner gestellte Frage nach dem „warum“ beantwortet er nie zufriedenstellend und lässt sich höchstens zu der Aussage hinreißen: „Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied.“ (S. 65)

Hinsichtlich der Charaktere ist vor allem interessant, was man gerade nicht über sie erfährt. Und damit sind wir gleich beim Stil angelangt, in dem „Auerhaus“ geschrieben ist. Denn Bov Bjerg ist ein Meister der Auslassungen. Vieles – zum Beispiel über Höppners Familienverhältnisse – erfährt man nur in Nebensätzen oder Andeutungen. Es wird zwar deutlich gesagt, dass seine Mutter mit einem neuen Freund zusammenlebt, mit dem Höppner nicht gut auskommt, und dass sie sich im Einzelhandel kaputt schuftet. Was mit Höppners Vater passiert ist, sowie die Tatsache, dass es da auch mal einen Bruder gegeben haben muss, das muss man als Leser erahnen, erlesen, schlussfolgern.

Diese Auslassungen kann man auch auf andere Charaktere, inbesondere Frieder, übertragen. Ich persönlich fand die Art des Erzählens ganz hervorragend und bin sicher, bei einem erneuten Durchlesen von „Auerhaus“ würden mir weitere Details auffallen.

Wie erwähnt, tritt Höppner als Erzähler der Begebenheiten in Erscheinung. Und er bedient sich dabei nicht gerade eines elaborierten Codes. Man kann das bemängeln, schließlich handelt es sich bei ihm ja um einen angehenden Abiturienten, der sich sprachlich vielleicht gewählter ausdrücken könnte. Aber Höppner schreibt ja keinen Aufsatz, er erzählt. Und da bedient man sich eben schon mal, je nach Umfeld und Anlass, einer gewissen Umgangssprache. Mir persönlich hat auch das gut gefallen.

Womit wir bei der Handlung wären. Bjerg gibt dem Leser anhand einzelner Erlebnisse einen Überblick über das Zusammenleben der WG kurz vor und nach deren Abitur. Da reihen sich Episoden über eine Art Diebstahl-Training, welche mich mit dem Kopf schütteln ließ oder auch über eine sehr skurril verlaufende Musterung, welche mich laut auflachen ließ – was mir beim Lesen ansonsten höchst selten passiert – aneinander.

Das Ganze umfasst ein übergeordneter Handlungsbogen, über den ich mich wegen der latenten Spoilergefahr jetzt aber ausschweigen muss. Aus genau diesem Grund habe ich auch auf weitere Einlassungen bezüglich der oben erwähnten Auslassungen verzichtet und kann leider auch nicht auf einen oder zwei weitere Kritikpunkte eingehen, die ich in anderen Rezensionen gelesen habe.

Kurz gesagt: Ein Buch, das derartig gut konstruiert ist und durch seine Art zu erzählen eine so hohe Spoilergefahr hat, muss man eigentlich selbst lesen!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Nullnummer“ von Umberto Eco oder „Das Geheimnis des Poeten“ von Guido Dieckmann. Bevor ich mich aber mit einem der beiden Bücher auseinandersetze, klopfe ich mir jetzt nochmal kurz wegen der Formulierung mit den Ein- und Auslassungen auf die Schulter. 🙂

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