„Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz – Body Count´s in the house

Buch: „Des Teufels Gebetbuch“ (2017)

Autor: Markus Heitz

Verlag: Knaur

Ausgabe: Broschiert, 672 Seiten

Der Autor: Markus Heitz ist ein 1971 in Homburg/Saar geborener deutscher Schriftsteller. Nach seinem Abitur an einer katholischen Privatschule und dem anschließenden Wehrdienst, studierte Heitz Germanistik und Geschichte auf Magisterabschluss.

Nach seinem Studium war er als freier Journalist bei der Saarbrücker Zeitung tätig, bevor im Jahr 2002 sein erstes Buch „Die dunkle Zeit – Schatten über Ulldart 1“ erschien. Dafür erhielt Heitz den Deutschen Phantastik-Preis für das beste Romandebüt. Besagten Preis gewann er in verschiedensten Kategorien auch in den Jahren 2005 – 2007 sowie 2009 – 2012.

Seit seinem großen Erfolg mit seinem Buch „Die Zwerge“ ist Heitz ausschließlich als freier Autor tätig.

Das Buch: Tadeus Boch ist ein ehemaliger Profi-Kartenspieler. Nach einer Zeit voller Ruhm und Reichtum folgt der Absturz. Boch versinkt in einem Sumpf aus Alkohol und Drogen. Heute ist er stark verschuldet und arbeitet – ausgerechnet – beim Sicherheitsdienst eines Casinos in Baden-Baden.

Durch Zufall gerät er in den Besitz einer Spielkarte aus dem 18. Jahrhundert. Kurz darauf sieht er sich mit gefährlichen Gegners konfrontiert, die ebenfalls in den Besitz dieser Karte kommen wollen. An der Seite der Ärztin Hyun Poe, deren Ehemann bei einer Partie des Kartenspiels Supérior ums Leben kam, macht sich Boch auf, hinter das Geheimnis der Karte zu kommen. Wer hat sie erschaffen? Gibt es noch weitere? Und wie ist der dunkle Einfluss zu erklären, den sie auf Thadeus Boch ausübt?

Fazit: Wir schreiben das Jahr 1993. Israel und der Heilige Stuhl  beschließen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Das Space Shuttle „Endeavour“ startet, um die erste Wartung des Hubble-Teleskops durchzuführen. Das deutsche Tennis-Team gewinnt durch Siege von Michael Stich und Marc-Kevin Goellner den Davis Cup gegen Australien. Und ich sitze mit ein paar Freunden im Kino, um mir den Film „Demolition Man“ mit Sylvester Stallone und Sandra Bullock anzusehen.

Jene Sandra Bullock hat für diesen Film übrigens eine Nominierung für die „Goldene Himbeere“ als schlechteste Nebendarstellerin erhalten. Diese Nominierung verstehe ich nach wie vor als Fehdehandschuh der dafür verantwortlichen, selbsternannten Verteidiger des guten Filmgeschmacks mir gegenüber. Selbigen retourniere ich allerdings mit Freuden, indem ich lapidar darauf hinweise bzw. der/dem geneigten Leser/in ins Gedächtnis rufe, dass im Jahr 1993 doch gaaanz andere Filme die Leinwände unsicher machten, die für eine solche „Auszeichnung“ vielleicht eher in Frage gekommen wären. So  erschien in diesem Jahr beispielsweise der CGI-Knaller „Carnosaur“, der Martial-Arts-Meilenstein „Best of the Best 2 – Der Unbesiegbare“ oder auch der Horror-Klassiker „Return of the Living Dead III“. Nur, einen Sly-Stallone-Film zu bashen, hat dem Komitee sicherlich mehr Vergnügen bereitet. Aber ich schweife ab…

Wir sitzen also im Kino, als jemand aus der Runde (wahrscheinlich in Erinnerung an diverse Rambo-Filme) auf die Idee kommt, man könne ja mal zählen, wie viele Gegner Sly Stallone nun diesmal in den folgenden 110 Minuten so beseitigt. Ja, eine möglicherweise seltsame Idee…

…die aber über 20 Jahre später tatsächlich doch noch einmal zur Anwedung kommt. Denn als mir nach den ersten Seiten von „Des Teufels Gebetbuch“ auffällt, dass bis dahin schon bemerkenswert viele Nebenfiguren – meist gänzlich ohne Sprechrolle – das Zeitliche gesegnet haben, fange ich eben auch wieder an, zu zählen. Das damalige Ergebnis ist so wie das aktuelle statistischen Ungenauigkeiten unterworfen. Im Kino u.a. verursacht durch Sandra Bullock, die mir, das gebe ich gerne zu, aufmerksames Zählen unmöglich machte. Im vorliegenden Buch verursacht durch akute und wiederholt auftretende Müdigkeitsattacken.

Der langen Rede kurzer Sinn: Heitz schafft es, auf gut 670 Seiten mindestens 85 seiner Haupt-, Neben- und sonstigen Figuren in die literarischen Jagdgründe zu schreiben. Und das ist ist auch gleichzeitig einer der größten Kritikpunkte meinerseits. Das ist einfach zu viel! Man hat das Gefühl, wann immer Heitz mit der Handlung nicht weiterwusste, mussten ein paar Nebencharaktere dran glauben. Dabei ist das Ganze noch nicht einmal mit sonderlich gewalttätigen Schilderungen verbunden, nein, aber nervt einfach nur, erfüllt es in den meisten Fällen doch noch nicht mal einen nachvollziehbaren Zweck. Das kann man machen, wenn sich Milla „Alice“ Jovovich in „Resident Evil“ durch Horden von Zombies ballert, hier allerdings wirkt das irgendwie albern.

Dabei hätte „Des Teufels Gebetbuch“ durchaus Potenzial gehabt, ein gutes Buch zu sein. Dass Heitz gute Bücher schreiben kann, ist hinlänglich erwiesen und auch sein neuestes Werk ist in einem für ihn typischen und sehr gefälligen Stil gehalten. Darüber hinaus ist das Thema ein erfrischend Unverbrauchtes, ich jedenfalls kann mich nicht daran erinnern, schon mal ein Buch über historische Spielkarten gelesen zu haben.

Aber die Handlung sowie die Charaktere haben die Lektüre von „Des Teufels Gebetbuch“ für mich zu einer sehr zähen Angelegenheit gemacht. Heitz gliedert die Handlung in zwei Teile bzw. Zeitstränge auf. In einem erfährt der Leser alles über die Entstehung der Karten in Leipzig im 18 Jahrhundert. Und hätte sich der Autor auf diesen Teil der Handlung beschränkt, wäre „Des Teufels Gebetbuch“ wahrscheinlich ein lesenswerter Historischer Roman aus dem Bereich „magischer Realismus“ á la Kai Meyer geworden. Aber da gibt es ja eben noch den zweiten in der Gegenwart spielenden Handlungsstrang. Und in dem wiederum dreht Heitz so häufig an der Action- und Gewalt-Schraube, dass es mich wirklich genervt hat.

Erschwerend hinzu kommen seine Charaktere. Ich gebe zu, ich hatte auch früher schon in regelmäßigen Abständen Schwierigkeiten mit den Charakteren des Autors, aber selten so massive wie hier. Ich möchte mich da mal auf die beiden Protagonisten beschränken. Hyun Poe ist Ärztin, koreanischer Abstammung, und (fast) eine Mudang. Also, eine Art koreanische Schamanin. Als solche hat sie auch geradezu übersinnliche Fähigkeiten. Darüber hinaus hat sie Modellmaße, beherrscht Kampfsport und handelt vollkommen rational, als sie vom Tod ihres Mannes hört, den sie nicht für einen Unfall hält, wie die offizielle Todesursache lautet. Sie handelt so, wie jede normale Frau es tun würde: Sie stürmt mit einer Wumme in die Spielhöhle des Löwen…

Während Hyun Poe nur zu ausgiebigem Stirnrunzeln Anlass gab, war bei Tadeus Boch jedoch ausgiebiges Ärgern angesagt. Boch entspricht eins-zu-eins den anderen unkaputtbaren Helden, die es in vielen seiner früheren Bücher schon so häufig gab. Da hilft es auch nichts, wenn der Autor regelmäßig auf Knie- oder sonstige Schmerzen seines Protagonisten hinweist. Im Zweifelsfall setzt sich Boch eben doch wieder auf eine Art durch, die den jungen Jackie Chan neidvoll erblassen ließe. Auch darüber hinaus ist Boch ein ganz harter Hund. Er trinkt dreifachen Espresso. Er schluckt Schmerzmittel wie ein Großer. Und wenn es was zu feiern gibt, greift er auch mal zum Bierchen. Als Charakter, dem man eine Suchtproblematik andichten möchte, ist das eine eher unübliche Handlungsweise, finde ich. Am allerschlimmsten finde ich noch, dass Boch eine Reihe verschiedener Sprachen fließend spricht. Und das, ohne zu wissen, warum eigentlich! Er schiebt es auf seine Zeit im Alkohol- und Drogenrausch, mehrere Jahre hat Boch mehr oder weniger vergessen. Aber dennoch muss er diese Sprachen ja in dieser Zeit irgendwie gelernt haben. Heitz hatte über 670 Seiten die Gelegenheit, mir zu sagen, was dahinter steckt. Er hat es nicht getan. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass Boch über einige Jahre dauernd hackedicht am PC vor babbel.com gesessen hat. Aber vielleicht funktioniert das ja. Obwohl ich noch nie in der Kneipe von Leuten nach ihrem zehnten Bier so etwas gehört habe wie:
„Ich muss jetzt nach Hause, Jungs!“
„Na, gibt es sonst Stress mit Deiner Freundin?“
„Nein, aber ich möchte noch ein bisschen finnisch lernen…“

Kurz: Wer auf actionlastige Handlung steht, wer auch mit früheren Büchern von Heitz schon Spaß hatte, wer vor allem nicht dazu neigt, überflüssige Fragen zu stellen, der dürfte mit „Des Teufels Gebetbuch“ seinen Spaß haben. Und offensichtlich haben den viele, wie ich nicht verschweigen möchte. Denn die von mir gelesenen Rezensionen waren zum größten Teil recht positiv. Ich allerdings warte lieber ab, bis der Autor eine Fortsetzung von „Wédora“, „Die Zwerge“ oder „Ulldart“ veröffentlicht, da weiß ich, was ich bekomme!

Übrigens: Witzigerweise kam ich bei der Lektüre, als in meinem Kopf diese gesamte obige „Demolition-Man“-Einleitung schon fertig war, an eine Stelle, an der Heitz tatsächlich kurz diesen Film anspricht. Ein wirklich lustiger Moment! Gut, man muss dabei gewesen sein…

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Charaktere: 3 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 5,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Auf unerklärliche Weise hat sich der neue Roman von John Katzenbach, „Die Grausamen“ heute in meinen Besitz geschlichen. Alles andere wird daher warten müssen.

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13 Kommentare zu „„Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz – Body Count´s in the house

    1. Der Dank ist ganz meinerseits! Dass jemand gespannt erwartet, was ich schreibe, kommt nicht jeden Tag vor. 🙂

      Eigentlich ist der Teil mit den historischen Bezügen ja sogar noch recht gut gelungen, auch wenn die Einbindung Goethes etwas gezwungen wirkt, aber der Rest….

      Also, nein, diesen Heitz musst Du nicht lesen. Er hat schon deutlich bessere Bücher geschrieben.

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  1. Danke für die herrliche Rezi inklusiver Ausflüge in die Kinos der Vergangenheit 🙂 Komisch, dass Heitz abseits seiner Fantasy-Routine so wenig auf die Reihe bekommt, obwohl er wirklich gut schreiben und auch gut Geschichten erzählen kann. Aber (wiederum: von den Fantasy-Büchern abgesehen) mit seinen Action-Romanen komme ich gar nicht zurecht – schon allein aufgrund der von Dir ja auch betonten Charakterschwächen. Insofern: Dank für die Warnung. Und liebe Grüße. Und hoffentlich nicht mehr zu viele Tote beim Lesen 🙂

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    1. Vielen herzlichen Dank, sehr gerne! 🙂

      Ja, ich weiß auch nicht, woher dieser Unterschied zwischen seinen „klassischen“ Fantasy-Romanen und seinem Action-Gedöns kommt. Wenn ich aus diesen Erfahrungen wenigstens klug werden würde, aber beim nächsten Buch, auf dem „Heitz“ steht, greife ich ja eh wieder zu. 🙂

      Und falls der neue Katzenbach-Roman ähnlich viele Tote enthält, vergrabe ich meinen SuB im Garten und stelle das Lesen für alle Zeiten ein! 😉

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