„Das Buch der Spiegel“ von E. O. Chirovici – Falsche Fährten

Buch: „Das Buch der Spiegel“ (2017)

Autor: E. O. Chirovici

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Hardcover, 382 Seiten

Der Autor: E. O. Chirovici stammt aus einer Familie rumänischer, ungarischer und deutscher Herkunft. Er wuchs im kleinen rumänischen Städtchen Fagaras an der Grenze zu den Karpaten auf. Bereits im Alter von zehn Jahren schrieb Chirovici erste Geschichten.

Im Jahr 1989 wurde seine erste Kurzgeschichte veröffentlicht, 1991 erschien sein Debütroman „Masacrul“. Chirovicis Erstlingswerk wurde in Rumänien ein großer Erfolg, dem er kurz darauf den Politthriller „Comando pentru general“ folgen ließ.

Nach 15 in Rumänien veröffentlichten Büchern verließ der Autor seine Heimat und ging ins Ausland.

Seit 2013 ist er hauptberuflich als Autor tätig und lebt abwechselnd in Reading und New York. „Das Buch der Spiegel“ ist Chirovicis erster Roman, den er in englischer Sprache verfasste.

Das Buch: Der Literaturagent Peter Katz bekommt unaufgefordert ein Manuskript des Autors Richard Flynn zugeschickt. Darin schildert Flynn die Ereignisse rund um die Ermordung des Psychologie-Professors Joseph Wieder in den 80er-Jahren. Der Mord wurde nie aufgklärt.

Flynn deutet in seinem Manuskript an, die Hintergründe der Bluttat aufzudecken und den Täter zu nennen. Der Text bricht jedoch viel früher ab.

Der Literaturagent Katz ist begeistert von Flynns Manuskript und versucht – leider erfolglos – ihn zu kontaktieren. Kurz darauf erfährt er, dass der Autor einem Krebsleiden erlegen ist.

Katz jedoch möchte die Chance auf einen Bestseller nicht so einfach aufgeben und beginnt, sich auf die Suche nach dem restlichen Manuskript sowie den darin erwähnten Personen zu machen. Kurz darauf verstrickt er sich in einem Dschungel gegensätzlicher Behauptungen, Darstellungen und Sichtweisen.

Fazit: Ursprünglich wollte ich ja als nächstes „Untreu“ von Paulo Coelho rezensieren, aber aus aktuellem Anlass – will sagen: weil mir dieses Buch in der Buchhandlung ins Auge sprang – habe ich doch erst „Das Buch der Spiegel“ vorgezogen. Angesichts einer Fülle von Neuerscheinungen der Marke „Pflichtkauf“ in den letzten Tagen (Chirovici, Heitz, Fitzek, Ruiz Zafón – unfassbar!), wird sich Herr Coelho vielleicht auch noch ein Weilchen gedulden müssen. Mal sehen, jetzt aber erst mal zu „Das Buch der Spiegel“:

E.O. Chirovici hat seinen Roman sowohl hinsichtlich des Stils als auch bezüglich der äußeren Form gut aufgebaut. Die Handlung von „Das Buch der Spiegel“ ist in vier Abschnitte unterteilt. Im ersten erfährt der Leser den Inhalt des Manuskripts von Richard Flynn sowie etwas über die Bemühungen des Literaturagenten Katz, an weitere Informationen zu kommen. Teil zwei wird aus der Sicht von John Keller erzählt, einem Journalisten, der von Katz mit weiteren Recherchen beauftragt wurde. Protagonist des dritten Teils ist der Ex-Polizist Roy Freeman, der damals mit den Ermittlungen im Mordfall Wieder betraut war. Die Handlung schließt mit einem kurzen Epilog.

Alle diese Abschnitte weisen ausreichend sprachliche Unterschiede auf, um die Unterteilung auch in dieser Hinsicht für den Leser deutlich zu machen.

Der Stil des Buches erinnerte mich irgendwie an „typisch amerikanische“ Romane, ohne jetzt detailiert begründen zu können, woher der Eindruck stammt, oder womit sich Chrirovicis Roman vergleichen ließe. Jedenfalls schafft es der Autor, den Leser bereits mit dem auf der ersten Seite beginnenden Anschreiben, das Flynns Text beigefügt war, in seinen Bann zu ziehen, verrät es doch bereits viel über die Person Richard Flynn. Und spätestens bei der Lektüre des eigentlichen Manuskripts ist der Leser ähnlich begeistert wie der Literaturagent und ähnlich ärgerlich, als dieses fast mittendrin abbricht.

Chirovici hält sich nicht übermäßig mit der Schilderung seiner Charaktere auf, er wählt den viel besseren Weg, seine handelnden Personen durch andere Charaktere schildern zu lassen. So werden beispielsweise im Rahmen der Handlung zwei damalige Kollegen des Psychologie-Professors Wieder befragt und beide zeichnen ein völlig gegensätzliches Bild von ihm. Auch bei den übrigen handelnden Personen ist man sich bezüglich ihres Wesens nie wirklich sicher, ob der Eindruck, den man sich als Leser von ihnen gemacht hat, nun so stimmt, oder nicht.

Dieses Muster der gegensätzlichen Schilderung der Charaktere behält der Autor auch hinsichtlich der Handlung bei. Da widersprechen sich beispielsweise die Aussagen von Zeugen quasi diametral.  Da werden durch Chirovici Fährten gelegt, die der Leser hoffnungsvoll verfolgt, nur um irgendwann zu bemerken, dass diese im Nichts versanden. Regelmäßig hat man als Leser das Gefühl: „Ja, jetzt habe ich die Lösung!“, nur um kurz darauf festzustellen, dass die folgenden Informationen so gar nicht zu dieser Lösung passen wollen und einzugestehen: „Na gut, ich habe die Lösung nicht!“

E.O. Chirovici ist mit „Das Buch der Spiegel“ ein ausgesprochen gut konstruierter Spannungsroman gelungen. Und „konstruiert“ hat in diesem Zusammenhang keine negative Bedeutung. Auch abseits der Geschehnisse hinsichtlich des Manuskripts und des Mordes bietet der Roman dem Leser genügend Ansätze, sich noch längere Zeit gedanklich damit zu beschäftigen, so z. B mit der im Roman thematisierten Frage, inwieweit wir unseren Erinnerungen vertrauen können bzw. wie diese manipulierbar sind.

Ich für meinen Teil hoffe, dass der Autor diesem Roman möglichst bald weitere folgen lässt!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Spannung: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz. Es sei denn, ich schiebe Paulo Coelho doch noch dazwischen. Also, sein Buch.

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