„Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau – Szenen einer Ehe

Buch: „Die Glücklichen“ (2017)

Autorin: Kristine Bilkau

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 301 Seiten

Die Autorin: Kristine Bilkau, 1974 geboren, ist eine deutsche Autorin.  Sie war 2008 Finalistin des Literaturwettbewerbs Open Mike in Berlin und 2009 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. 2010 erhielt sie das Stipendium des Künstlerdorfes Schöppingen und 2013 nahm sie an der Bayerischen Akademie des Schreibens des Literaturhauses München teil.

Sie arbeitet als Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Ihr erster Roman „Die Glücklichen“ wurde vom Feuilleton gefeiert und mit dem Franz-Tumler-Preis, dem Klaus-Michael-Kühne-Preis und dem Hamburg Förderpreis für Literatur ausgezeichnet.

(Quelle: btb Verlag, Klappentext)

Das Buch: Isabell und ihr Mann Georg leben zusammen mit dem wenigen Monate alten Sohn Matti ein zufriedenes Leben. Isabell verdient ihr Geld als Cellistin in einem kleinen Orchester, Georg ist Journalist.

Dann aber tauchen dunkle Wolken am Ehehimmel auf: In einer Atmosphäre von Stress und Überforderung beginnen Isabells Hände beim Cello spielen zu zittern. Ihr Spiel wird ungenauer, schließlich fällt das auch den Kollegen auf. Da sich trotz aller Bemühungen keine Besserung einstellen will, steht schließlich ihre berufliche Zukunft als Musikerin auf der Kippe.

Und auch Georg bleibt nicht vom Schicksal verschont. Die Krise der Print-Medien ereilt auch seine Zeitung. Sie wird an einen ausländischen Investor verkauft und Georg verliert seinen Job. Das vor kurzem noch gutsituierte Paar muss nun sehen, wie sie über die Runden kommen. Das wirkt sich auch auf ihr gemeinsames Zusammenleben aus.

Fazit: Der Einstieg in diesen Debütroman fiel mir aus im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbaren Gründen recht schwer. Wie gut, dass ich dann doch noch hinein gefunden habe, denn „Die Glücklichen“ wird eine ganze Weile bei mir nachklingen.

Kristin Bilkau entwirft das Portrait zweier Menschen, sie in den Dreißigern, er 42 Jahre alt, die sich innerhalb kurzer Zeit zweimal mit einer gänzlich neuen Lebenssituation zurecht finden müssen. Erst wird der Sohn Matti geboren und der Alltag der beiden berufstätigen Menschen muss generalstabsmäßg geplant werden: Sobald Georg von der Arbeit kommt, ist er für den kleinen Matti zuständig, weil Isabell sich dann für die abendlichen Konzerte fertig machen muss. Nach einiger Eingewöhnungszeit – und der einen oder anderen Fluchtphantasie von Isabell – klappt das ganz gut.

Dann jedoch bricht auch noch das wirtschaftliche Fundament weg, auf dem die beiden mit ihrem Sohn ihr Leben eingerichtet haben. Und das führt zu Problemen. Denn einerseits haben beide ganz unterschiedliche Arten, mit der Situation umzugehen und das Problem zu lösen und andererseits sind sie beide jetzt plötzlich den ganzen Tag zu Hause – und beginnen, sich auf den Geist zu gehen.

Das Umfeld in dem sich das junge Paar üblicherweise befindet, tut sein Übriges, um die Situation zu verschärfen, haben sowohl Isabell als auch Georg doch das Gefühl, mitleidig beäugt zu werden, angesichts dessen, was sie für ihr eigenes Scheitern halten. „Auf dem Heimweg schaut er wieder in die Fenster der anderen. Regalwände voller Bücher, offene Küchen, die bunten Vorhänge der Kinderzimmer. Das eigene Leben in den fremden Wohnzimmern erkennen. Doch die gesicherten Existenzen mit ihren geschmackvollen Wandfarben sage alle: Wir können, du nicht.“, heißt es da zum Beispiel.

Mit Isabell und Georg hat Bilkau zwei komplexe Charaktere geschaffen, die im Gedächtnis bleiben, und die man als Leser oftmals einfach nur mal am Kragen schütteln will, weil sie aneinander vorbei reden. Oder noch schlimmer: Weil sie gar nicht reden, sondern sich fälschlicherweise einbilden, zu wissen, was der jeweils andere über sie denkt! Denn viele der Schwierigkeiten, denen sich das junge Paar ausgesetzt sieht, resultieren schlicht aus mangelnder Kommunikation.

Bilkaus Schreibstil mag anfangs gewöhnungsbedüftig wirken, so ist der Einstieg in das Buch relativ dialogarm, die Sätze manchmal recht lang. Wenn man sich aber erst einmal daran gewöhnt hat, dann weiß „Die Glücklichen“ stilistisch voll zu überzeugen, denn der Schreibstil ist vielleicht gewöhnungbedürftig, aber eben auch schön.

Kristine Bilkau hat mit „Die Glücklichen“ ein Buch über die Generation geschrieben, über die Martin Schulz kürzlich sinngemäß gesagt hat, sie sei die Generation, die sich einerseits um ihre noch im Elternhaus lebenden Kinder kümmern müsse und andererseits bereits um die in die Jahre gekommenen Eltern. Über eine Generation, die vor allem eines nicht darf: Scheitern! Eine Generation, deren Vertreter in der Grundschule schon Druck vermittelt bekamen, damit sie später aufs Gymnasium gehen können. Eine Generation, für die der Druck dort weiterging, damit sie später auch einen Studienplatz bekommen. Eine Generation, die sich mit verkürzten Studiengängen und den entsprechenden Auswirkungen in physischer und psychischer Hinsicht auseinandersetzen musste. Eine Generation, deren Vertreter dann schließlich auf dem Arbeitsmarkt landeten, in dem es vor prekären Arbeitsverhältnissen nur so wimmelt und von denen sie, wenn sie Glück hatten, eines ergattern konnten. Andernfalls gehörten sie von da an eben zur Generation Praktikum.

Bilkau tut das alles ohne erhobenen Zeigefinger. Sie wertet nicht, sie beschreibt nur. Und genau das ist es wohl, was die starke Wirkung des Buches ausmacht. Ein sehr gelungener Debütroman!

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Anspruch: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Ich schwanke noch zwischen „Untreue“ von Paulo Coelho und „Inselgrab“ von Johan Theorin. Eines davon wird es wohl werden.

 

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