„Butcher´s Crossing“ von John Williams – Entschleunigung

Buch: „Butcher´s Crossing“ (2016)

Autor: John Williams

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 365 Seiten

Der Autor:  John Williams war ein 1922 in Clarksville, Texas, geborener amerikanischer Autor und Herausgeber.Er wuchs im ländlichen Texas auf, seine Großeltern waren Farmer.

Williams meldete sich 1942 freiwillig zum Militär. In den folgenden zweieinhalb Jahren, die er in Indien und Burma verbrachte, entstand sein erster Roman „Nothing But the Night“, der 1948 veröffentlicht wurde.Im Folgejahr erschien der Gedichtband „The Broken Landscape“.

Im Anschluss an den Krieg schloss Williams ein Studium der Englischen Literatur ab, promovierte 1954 und erhielt ein Jahr später eine Assistenzprofessur an der Universität Denver. Dort lehrte er 30 Jahre lang.

Nach einem zweiten Gedichtband erschien 1965 sein College-Roman „Stoner“. Den größten literarischen Erfolg hatte Williams jedoch mit seinem nächsten und letzten Roman „Augustus“, welcher 1973 den „National Book Award“ für Belletristik erhielt.

Die letzten 35 Jahre seines Lebens war Williams mit seiner vierten Ehefrau verheiratet.

Er starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

Das Buch: USA, um 1870: Der 23 Jahre alte Will Andrews fühlt sich vom Trubel, den Menschen und der Enge in seiner Heimatstadt Boston zunehmend gestört. Daher entscheidet sich der Harvard-Student, eine Reise gen Westen zu beginnen und Kontakt zu einem ehemaligen Bekannten seines Vaters aufzunehmen. Diesen findet er nach einiger Suche in der kleinen Stadt Butcher´s Crossing in Kansas.

Nach kurzer Eingewöhnungszeit in dem beschaulichen Städtchen, fasst Andrews den Entschluss, an der Seite des Büffeljägers Miller nach Colorado aufzubrechen und dort auf Büffeljagd zu gehen. Fred Schneider, der für das Häuten der erlegten Büffel zuständig ist, sowie Charley Hoge, eine Art „Mädchen für alles“, komplettieren die Vierergruppe, die schließlich nach Westen aufbricht.

Es beginnen eine Reise und ein Abenteuer, die den jungen Will für immer verändern werden.

Fazit: Es gibt Bücher, die liest man genau zur richtigen Zeit. „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ soll ja angeblich ein chinesischer Fluch sein, der auf irgendeinen britischen Botschafter mit schwierigem Namen zurückgeht. Und wenn man das tut, also, „in interessanten Zeiten leben“, dann ist „Butcher´s Crossing“ genau die richtige Lektüre. Jedenfalls die erste Hälfte des Buches, denn die wirkt durchaus beruhigend und entschleunigend, ohne langweilig zu sein. Die zweite Hälfte hat andere Qualitäten.

Zu Beginn des Buches erfährt der Leser einiges über die Person Will Andrews und über seine Motivation, nach Butcher´s Crossing zu kommen. Der junge Mann ist gestresst – so würde man das heute nennen – von der hektischen Lebensart in seiner Heimatstadt und hat den diffusen Gedanken, dass da doch irgendwie noch mehr sein muss im Leben. Was auch immer dieses „mehr“ bedeuten mag. Inspiriert von Gemälden in seinem Elternhaus, die die unberührten Weiten des Westens zeigen, bricht der junge Mann schließlich voller Motivation auf.

Und man kann ihn gern haben, den jungen Andrews, denn von der zunehmenden Hektik des Lebens hat sich wohl fast jeder schon mal überfordert gefühlt und ebenso irgendwann mal morgens nach dem Aufwachen den Gedanken gehabt: „Geht das jetzt immer so weiter?“ So geht es Andrews eben auch. Will Andrews ist nachvollziehbar gestaltet und vor allem führt Williams dem Leser die persönliche Entwicklung seines Protagonisten derart gekonnt vor Augen, dass es eine Freude ist.

Überhaupt besticht „Butcher´s Crossing“ durch eine gelungene Charakterzeichnung. Dadurch dass sich Williams auf – im Wesentlichen – nur vier Personen beschränkt, fällt das vielleicht auch leichter. So fiel mir gelegentlich die Widersprüchlichkeit des fanatischen Jägers Miller auf, der zwar einerseits unzählige Büffel ohne mit der Wimper zu zucken erschießt, der aber andererseits beklagt, was mit den Überresten der erlegten Büffel passiert, nämlich dass „die Weißen“ sich die Knochen schnappen würden, „nur“ um daraus Dünger zu machen, während die Indianer – und da ließ sich eine gewisse Wertschätzung herauslesen – wenigstens das ganze Tier verarbeiten und daraus eine Fülle von Gegenständen herstellen. An anderer Stelle wieder urteilt er über „Flussindianer“, es lohne sich nicht mal, sie über den Haufen zu schießen…

Ebenfalls gefallen hat mir Charley Hoge, auch wenn ich während des ganzen Buches vor meinem inneren Auge eine Art Sam Hawkens hatte, nur mit weniger Humor, dafür aber mit Whiskey und Bibel.

Ich habe bereits bei „Stoner“ den Stil von John Williams gelobt und tue es bei „Butcher´s Crossing“ gerne wieder, denn Williams scheint immer einen Stil zu finden, der zur jeweiligen Handlung passt. War „Stoner“ eher in einem zur Hauptfigur passenden zurückhaltenden und unkomplizierten Stil gehalten, so besticht der Stil in „Butcher´s Crossing“ – vor allem in der ersten Hälfte – durch wirklich schöne Beschreibungen der Vegetation, der Lichtstimmungen, der Natur im allgemeinen Halt. Und das vermittelt eben genau diesen beruhigenden Effekt, den Andrews sich von seiner Reise verspricht.

In der zweiten Hälfte fällt das ein wenig weg, dafür kommt aber deutlich Bewegung in die Handlung.

Überhaupt: die Handlung! Williams beschreibt die Geschehnisse um den kleinen Jagdtrupp sehr eindrücklich. So wird auch die Büffeljagd in allen unästhetischen Details geschildert. Das lässt sich relativ gut verkraften, aber für Tierschützer und arg Zartbesaitete ist das eher nichts. Zumal zwischendurch auch noch eher derbe Rituale nach dem Ausweiden eines Büffels beschrieben werden, die an die Ernährungsgewohnheiten von Hannibal Lecter erinnern – nur ohne Chianti!

Es mag sein, dass „Butcher´s Crossing“ keinen immens hohen Spannungsbogen oder nervenaufreibenden Action-Anteil hat – obwohl ich dieser Einschätzung deutlich widersprechen würde – aber im Zentrum der Handlung steht halt einfach die persönliche Entwicklung des Protagonisten. Und die ist, ich erwähnte es, hervorragend wiedergegeben.

„Williams´ schmales Werk erlangte erst postum Weltruhm“ heißt es in der Verlagsinformation. Und das ist wirklich sehr, sehr schade. Die Entscheidung vergangener Lesegenerationen, seine Bücher zu seinen Lebzeiten weitgehend zu verschmähen, war meiner Meinung nach ähnlich weise, wie die Entscheidung von „Decca Records“, die Beatles abzulehnen!

Wenn Holger Kreitling in seiner Rezension zu „Butcher´s Crossing“ in „Die Welt“ schreibt: „Go Buchladen, junger Leser, go Buchladen!“, dann empfinde ich das zwar als sprachlichen Fehdehandschuh mir gegenüber, aber Unrecht hat der Mann nicht! Ein wirklich tolles Buch!

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „“Good as gone“ von Any Gentry.

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5 Kommentare zu „„Butcher´s Crossing“ von John Williams – Entschleunigung

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