„Wohin der Wind uns weht“João Ricardo Pedro – Literarischer Fado

Buch: „Wohin der Wind uns weht“ (2014)

Autor: João Ricardo Pedro

Verlag: Suhrkamp

Ausgabe: Hardcover, 229 Seiten

Der Autor: João Ricardo Pedro ist ein 1973 in der Nähe von Lissabon geborener portugiesischer Autor. Nach seinem Ingenieursstudium war er einige Zeit in der Telekommunikationsbranche tätig und verlor schließlich im Zuge der Wirtschaftskrise seinen Arbeitsplatz.

Pedro machte aus der Not eine Tugend und nutzte die ihm nun zur Verfügung stehende Zeit, um sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen und mit dem Schreiben zu beginnen. Sein erster Roman „Wohin der Wind uns weht“, erschien im portugiesischen Original bereits 2012 und wurde ein Überraschungserfolg, der unter anderem den „Prémio LeYa“ bekam, eine der einflussreichsten Literaturauszeichnungen Portugals.

Das Buch: „Dem Pianisten Duarte fallen die vergilbten Briefe seines Großvaters in die Hände. Und was mit der zaghaften Lektüre der eigenen Familiengeschichte beginnt, verwandelt sich augenblicklich in Duartes drängende Suche nach einer Heimat – für sich, seine Musik und seine Erinnerungen.“ So jedenfalls die Inhaltsangabe auf dem Buchrrücken…

Fazit: „Wohin der Wind uns weht“ fand seinen Weg zu mir über die liebe Steffi, ihrerseits verantwortlich für den Blog „Nur Lesen ist schöner“. Bei ihr fand das Buch keinen Anklang und drohte, ausgemustert zu werden und vor einer ungewissen Zukunft zu stehen. Also habe ich mich ganz selbstlos bereit erklärt, Pedros Erstlingswerk bei mir aufzunehmen. 😉 Zusätzlich zum Buch gab es noch eine Postkarte und ein putziges Leseezeichen dazu. Vielen lieben Dank, Steffi! Und nun, in medias res.

Manchmal bin ich mir nicht so ganz sicher, ob die Menschen, die in den Verlagen für die Ausarbeitung der Inhaltsangaben zuständig sind, die betreffenden Bücher auch wirklich gelesen haben. In diesem Fall erschien mir das eher nicht so. Und unpassende Inhaltsangaben gehören – neben der Eigenschaft der Verlage, die meisten Bücher anzupreisen als handele es sich um den Heiligen Gral der Literaturgeschichte – eher zu den größeren Ärgernissen, denen man sich beim Buchkauf ausgesetzt sieht. Aber sei´s drum.

Fado, so habe ich mal an anderer Stelle sinngemäßg gelesen, Fado sei der in Tonleitern gepresste Weltschmerz Portugals. Wenn man diese Definition auf Bücher überträgt, dann ist „Wohin der Wind uns weht“ eine Art literarischer Fado. Pedro beschreibt die Geschehnisse einer Familie über drei Generationen hinweg. Dabei schadet es übrigens nicht, sich ein wenig mit der Geschichte Portugals der letzten Jahrzehnte auszukennen. Wer das, so wie ich, nicht tut, dem bleibt vielleicht der eine oder andere Zusammenhang verschlossen oder offene Fragen unbeantwortet. Aber immerhin hatte das bei mir den Effekt, dass ich im Anschluss an die Lektüre meine Lücken bezüglich solcher Dinge wie der „Nelkenrevolution“ umgehend geschlossen habe. 🙂

Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht der junge Duarte, Sohn von Antonio Mendes und Enkel von Doktor Augusto Mendes. Der Leser begleitet den jungen Duarte, seines Zeichens ein begnadeter Pianist, durch verschiedene Stationen und Begebenheiten seines Lebens. Die einzelnen Episoden werden zwar durchaus chronologisch fortlaufend erzählt, eine eigentliche Handlung im herkömmlichen Sinne ist daraus allerdings nur schwer abzuleiten. Auf Seite 172 schreibt der Autor über ein Bild von Bruegel: „Es war ein Bild, dessen größte Schwierigkeit für den Betrachter (…) darin lag, entscheiden zu müssen, wo er hinsah oder wo er bei den vielen abgebildeten scheinbar unzusammenhängenden Situationen zu sehen anfing. Natürlich konnte man auch nur eine Gesamtidee bei der Betrachtung suchen, den sogenannten plastischen Effekt. Doch dann hätte man sicherlich ein Werk ohne jede Bedeutung oder, noch bedauerlicher, ein Werk ohne jeglichen erzählbaren Inhalt vor sich gehabt.“ Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor an dieser Stelle nicht nur besagtes Bild, sondern auch seinen ganzen Roman beschrieben hat, und das übrigens besser, als ich das je könnte.

An der Seite Duartes erfährt der Leser Details über seine, Duartes, Familie und deren Schicksale. Und dabei geht es nur selten wirklich fröhlich zu. Und wenn doch, dann nur, um anschließend noch größeres Unglück folgen zu lassen. „Wohin der Wind uns weht“ ist dabei in einem stilistisch herausragenden und dennoch durchgehend melancholischen Ton gehalten. Nur selten blitzt so etwas wie Humor durch, etwa wenn sich Augusto Mendes und sein Freund Policarpo während einer Autofahrt unterhalten: „Soll das Europa sein, Augusto? Das zivilisierte Europa Newtons, Laviosiers und Descartes?“ Woraufhin Duartes Großvater antwortete: „Den Straßen nach zu urteilen ist es höchstens das von Kaiser Augustus.“ (S. 44). Oder etwa, wenn beschrieben wird, welcher Art die Gäste eines Hotels sind: „(…) hinkende Fußballspieler, Prostituierte ohne Kunden, feige Stierkämpfer, taube Musiker, bankrotte Bankiers, farbenblinde Maler, Schriftsteller.“ (S.51) Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen… 😉

Abseits dieser wenigen Stellen ist Pedros Erstlingswerk allerdings, wie beschrieben, durchgehend schwermütig. Das gilt, neben der Handlung, auch für die Figuren des Romans. Duartes Mutter ist überzeugte Kommunistin und sieht Ende der 80er ihre Ideale in Gefahr. Sein Vater war Soldat im Portugiesischen Kolonialkrieg und brachte aus Angola in erster Linie ein ausgewachsenes Trauma mit nach Hause, das nie wirklich aufgearbeitet wurde. Und auch Duarte selbst ist kein wirklich fröhlicher Zeitgenosse. So hat er zwar ein einmaliges Talent zum Klavier spielen, schränkt sich aber in der Wahl der von ihm gespielten Komponisten immer weiter ein und hört irgendwann ganz mit dem Klavier spielen auf. Warum, bleibt auch am Ende des Buches weitgehend unbeantwortet.

Die Tragik in der Handlung und den Figuren verhinderten aber nicht, dass „Wohin der Wind uns weht“ einen wirklichen Lesegenuss für mich darstellte. Nach kurzer Zeit hatte ich mich darauf eingestellt, dass es sich bei Pedros Erstling nicht um ein Wohlfühlbuch handelt und konnte mich vollständig auf das einlassen, was mir der Autor erzählen wollte. Dazu trägt sicherlich auch der beeindruckende Stil des Autor bei. Auch wenn Textstellen, an denen er detailliert dutzendfach die erworbenen Produkte nach einem Einkauf aufzählt, sicherlich irgendwie befremdlich wirken. Ich bin mir sicher, dass der Autor mir damit etwas sagen will, ich weiß nur noch nicht, was. 😉

Kurz: „Wohin der Wind uns weht“ ist sicherlich nicht für jeden Leser geeignet. Wer sich von schwermütigen Handlungen, die Gewalt, Krankheiten und sehr häufig den Tod thematisieren, eher runterziehen lässt, sollte Pedro vielleicht meiden. Wer aber keinen konkreten Spannungsbogen und Handlungsverlauf an sich braucht, und bereit ist, sich auf Stil und Inhalt einzulassen, dem dürfte das Buch gefallen.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Anspruch: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Demnächst gibt es hier die Rezension zu „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau, wahrscheinlich noch vor dem Buchdate. Sonst halt eben erst die Rezension zum Buchdate #3, am 01.03.2017. Darüber hinaus habe ich vom geschätzten Random Randomsen unlängst ein Stöckchen zugeworfen bekommen, mit dem ich mich zeitnah auseinandersetzen werde. Also: Schaun mer mal!

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7 Kommentare zu „„Wohin der Wind uns weht“João Ricardo Pedro – Literarischer Fado

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