„Gefrorener Schrei“ von Tana French – Ein Hoch auf Misanthropie?

Buch: „Gefrorener Schrei“ (2016)

Autor: Tana French

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 653 Seiten

Die Autorin: Tana French, geboren 1973, ist eine amerikanisch-italienische Krimi-Autorin. Sie wuchs in Irland, Italien und Malawi auf. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin absolvierte French eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Dublin. Seit 2008 hat French insgesamt 6 Bücher veröffentlicht, für die sie bereits vielfach ausgezeichnet wurde.

Das Buch: Aislinn Murray ist jung, hübsch – und tot. Zu Hause hatte die junge Frau bereits alles für ein romantisches Abendessen vorbereitet. Kein Wunder also, dass die Polizei schnell von einer Beziehungstat ausgeht. Die beiden Detectives Antoinette Conway und Stephen Moran  – dem kundigen Leser der Tana French-Romane bereits aus „Geheimer Ort“ bekannt – werden auf den Fall angesetzt und sollen die Theorie der Beziehungstat untermauern und den Schuldigen schnellstmöglich verhaften.

Nach kurzer Zeit kommen den beiden jungen Detectives jedoch bereits erste Zweifel. Kann es sich tatsächlich um eine Beziehungstat handeln? Hat sich Aislinn Murray nicht vielleicht doch eher in zwielichtigen Kreisen herumgetrieben, was ihr schließlich zum Verhängnis wurde?

Darüber hinaus wird im Laufe der Ermittlungen immer offensichtlicher, dass jemand innerhalb der Mordkommission die Arbeit der beiden Polizisten behindert. Nur deshalb, weil Conway es als einzige Frau im Team schwer hat, akzeptiert zu werden?

Die Ermittler sehen sich gezwungen, ihren eigenen Weg zu gehen, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Fazit: Tja, das Leben besteht aus Phasen. Derer gibt es gute und weniger gute. Allen gleich ist jedoch die Eigenschaft, dass sie vorbeigehen. Deshalb nennt man sie ja auch Phasen. Abgeleitet übrigens vom altgriechischen φάσις (phásis) für „Erscheinung, Aufgang eines Gestirns“. Nur damit die Nicht-Altgriechen unter euch hier auch was lernen.

Deshalb gehen auch Phasen vorbei, in denen einem das Lesen, das darüber Schreiben, das Leben, das Universum und der ganze Rest als solches relativ sinnfrei erscheinen. Und deshalb wiederum fange ich jetzt auch so langsam wieder mit Rezensionen an. Allerdings mit angepasstem Tempo. Ursprünglich hatte ich mir ja das Ziel von etwa einer Rezension pro Woche gesetzt. Wohin diese Zielsetzung allerdings führt, habe ich vor einiger Zeit bemerkt. Ich weiß jetzt auch, was George R. R. Martin meinte, als er genervt sinngemäß sagte: „Jedes Mal, wenn jemand fragt, wie lange es bis zum neuen Buch dauert, bringe ich einen Stark um!“ 😉 Kurz gesagt: Mein Beitragstempo werde ich ein wenig individualisieren, frei nach dem Motto: „It´s done, when it´s done!“

Nun aber genug von meinen persönlichen Befindlichkeiten, kommen wir zu einer meiner liebsten Autorinnen, zu Tana French:

Im englischen Original heißt Frenchs neues Buch „The Trespasser“, was man seitens des Verlages eher mutig mit „Gefrorener Schrei“ übersetzt hat. Über diese Praxis schimpfe ich regelmäßig, tue es deshalb diesmal nicht, sondern erwähne es nur. Wenigstens war man bei der deutschen Namensgebung konsequent, was bedeutet, dass der Titel „Gefrorener Schrei“ vor dem Hintergrund der Lektüre nicht den geringsten Sinn ergibt!

Im Laufe der Lektüre wurde mir zunehmend deutlich, dass sich „Gefrorener Schrei“ teils deutlich von den früheren Büchern von French unterscheidet, insbesondere von den älteren. Und ich weiß nicht, ob mir diese Entwicklung wirklich zusagt…

Schon öfter war die Ermittlungsarbeit in ihren Büchern eigentlich eher schmückendes Beiwerk. Im Fokus der Autorin standen häufig ihre Figuren und das Milieu in dem sie sich bewegen. Bereits bei „Geheimer Ort“ oder „Totengleich“ – im Übrigen ähnlich schwachsinnige Titelübersetzungen – war das ähnlich, dort jedoch bot die Handlung noch wesentlich mehr Spannung als bei „Gefrorener Schrei“. Selten war die Liste der Verdächtigen so kurz, selten die Ermittlungen so belanglos, selten die Lösung so offensichtlich. Allerdings war ebenso selten zu merken, dass die Autorin offenbar eigentlich gar keine Krimis schreiben möchte. Angeblich hat Tana French in einem Interview mal sinngemäß gesagt: „Ich weiß halt nicht, wie ich die Handlung ins Rollen bringen soll, ohne eine Leiche einzubauen.“ Das merkt man diesem Buch deutlich an.

Aber die große Stärke liegt bei Frenchs Büchern häufig ja ohnehin abseits der Handlung. So bringt der Stil die Atmosphäre des Buches gewohnt gut zur Geltung, allerdings wirken manche Dialoge gewollt lässig und cool. Aber vielleicht reden Polizisten in Irland untereinander so, wer weiß!?

Die Stärke der bisherigen Bücher – die Charaktere – sind in „Gefrorener Schrei“ allerdings tragischerweise der größte Schwachpunkt, was mir die Lektüre gründlichst vermiest hat. Allen voran möchte ich an dieser Stelle Detective Antoinette Conway erwähnen. Die Gute liefert sich mit ihrem Kollegen unterhaltsame Wortgefechte, was aber über den Großteil des Buches der einzige Punkt ist, der sie irgendwie sympathisch wirken lässt. Ansonsten ist die Gute eine misanthropische, egozentrische, kaltherzige, von sich selbst überzeugte  Besserwisserin! Ich habe eine derartige Abneigung gegen diese Figur entwickelt, dass ich seitenweise über sie schreiben könnte. Hier ein paar Beispiele:

Aislinn Murrays Vater verließ die Familie von heute auf morgen, als Aislinn noch ein kleines Kind war. Naturgemäß beschäftigt Aislinn das auch noch im Erwachsenenalter. Conway sagt dazu: „(…) weil sie sechsundzwanzig Jahre alt war und heulend hinter Daddy hergelaufen ist, damit er alles für sie in Ordnung bringt. Das ist erbärmlich. (Seite 261)

Über Aislinns lebenslange Suche nach ihrem Vater sagt sie: „Dann hätte sie ihre Zeit eben nicht so verbringen sollen. Die Detectives haben sie nicht dazu gezwungen. Leg Dir ein Hobby zu. Fang an zu stricken.“ (Seite 293)

Auf Seite 285 sagt sie einfühlsam über das Mordopfer: „Die blöde Kuh hätte es echt nötig gehabt, sich in den Griff zu bekommen.“ und „Ich habe keine Lust, Aislinn für irgendetwas Anerkennung zu zollen oder mich überhaupt für sie zu interessieren(…)“

Und, zu guter Letzt, über den Verdächtigen, der ein Profil bei einem Online-Dating-Portal hat, was Conway offensichtlich missfällt: „Solche Leute kotzen mich an. Wie sie alle auf und abspringen und mit ihren Armen wedeln und fürs Internet mit ihren total süßen kleinen Popos wackeln: Ich, schau mich an, hab mich gern, bitte, oh bitte, begehr´ mich!!!“ (…) „Kein Mensch braucht eine Beziehung!“ (Seite 213)

Zu all diesem Geschwurbsel sage ich : Leck mich, Conway!

Ich habe im Rahmen einer anderen Rezension mal sinngemäß geschrieben, dass mir Charaktere nicht sympathisch sein müssen, sie müssen nur nachvollziehbar sein. Und das stimmt auch weiterhin. Aber Conway ist nicht nur unsympathisch, sind ist auch schwer nachvollziehbar.

Einerseits wirkt sie wie ein 12 Jahre altes frustriertes Ghetto-Kid, dem man den Lutscher weg genommen hat, wofür es jetzt auf die Fresse gibt, weil man ja das härteste, gnadenloseste, stärkste Ghetto-Kid „in da hood“ ist. Andererseits jammert sie dauernd darüber, dass ihr die Kollegen permanent Steine in den Weg legen, ungeachtet der Tatsache, dass diese ewige „Niemand-mag-mich“-Jaulerei alles andere als die Stärke ausstrahlt, die Conway doch so gerne vermitteln möchte. Nein, da passt was nicht.

Ich wäre an Tana Frenchs Stelle dafür, Conway schnellstmöglich wieder in den Streifen-, oder noch besser: Innendienst –  zu versetzen und im nächsten Buch mit einem anderen Team neu durchzustarten – gerne auch mal wieder mit einer spannenderen Kriminalermittlung!

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 3 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 5,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Finderlohn“ von Stephen King.

 

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15 Kommentare zu „„Gefrorener Schrei“ von Tana French – Ein Hoch auf Misanthropie?

  1. Lieber Fraggle, danke für die wieder lustigen Zeilen. Ich lese Dich immer zu gerne. Auch von mir verspätet noch ein gesundes und glückliches neues Jahr. Nach meiner Meinung kann es nur besser werden. Bei mir jedenfalls.
    Auf jeden Fall werde ich auf dieses Buch verzichten, wobei ich Bücher kaufen muss. Alle anderen sind ausgelesen. Da greife ich doch auf ältere Rezensionen zurück.
    Knuddelgruß Kenia

    Gefällt 1 Person

    1. Hey, liebste Kenia!

      Es ist mir doch immer wieder ein ganz besonderes Vergnügen, wenn Du hier vorbeischaust! 🙂

      Auch Dir wünsche ich – mit leichter Verspätung – ein gesundes und glückliches neues Jahr. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass es nur besser werden kann. 2016 war jetzt nicht so der Bringer. 🙂

      Schaun mer mal, ob bei den älteren Rezensionen vielleicht etwas für Dich dabei ist. So ein Zustand ganz ohne Bücher darf nicht zum Dauerzustand werden! 😉

      Lieben Knuddelgruß zurück!
      F.

      Gefällt mir

  2. Du wirst lachen … Ich habe jetzt spontan Lust, den Roman zu lesen, weil Conway in all ihrer Misanthropie mir ziemlich realistisch gezeichnet scheint. Menschenhass ist in 99% der Fälle Selbstschutz. Das 1% Ausnahme bin ich, ich mag sie wirklich nicht. *gg* Und ein Krimi, wo der Krimi Nebensache ist, klingt auch wie etwas, das ich als Krimi zur Abwechslung mal goutieren könnte. Also vielen Dank. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Na, dann mach mal! Aber komm anschließend nicht zu mir und sage, ich hätte Dich nicht gewarnt! 🙂

      Davon abgesehen: Auch in Conways Fall ist das zum großen Teil Selbstschutz. Und das verstehe ich ja auch ein Stück weit. Trotzdem ist diese „Ich-bin-die-tollste-Person-die-je-auf-Gottes-weiter-Erde-gewandelt-ist-während-alle-anderen-erbärmlich-sind“-Attitüde unsagbar anstrengend, weil übertrieben! Ich mag solche Menschen einfach nicht!

      Gegen Misanthropie in ihrer reinsten Form – einfach, weil man Menschen nicht mag – ist dagegen natürlich nicht das Geringste einzuwenden. 😉

      Gefällt 1 Person

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