„Der Rabe“ von Lionel Davidson – Der Spion, der in die Kälte ging

Buch: „Der Rabe“

Autor: Lionel Davidson

Verlag: Penguin

Ausgabe: Taschenbuch, 670 Seiten

Der Autor: Lionel Davidson war ein 1922 im englischen Hull geborener britischer Schriftsteller. Nach dem Abruch seiner Schullaufbahn arbeitete er als Laufbursche für „The Spectator“, später beim Pressedienst Keystone.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Davidson in der U-Boot-Marine diente, schlug er eine Laufbahn als selbständiger Berichterstatter ein, die ihn quer durch Europa führte. Bei diesen Reisen kam dem Schriftsteller zum ersten Mal der Gedanke, Bücher zu schreiben.

1960 erschien sein erster Spionageroman „Die Nacht des Wenzel“. Im Laufe seines weiteren Schaffens schrieb er noch einen Abenteuerroman, zwei Kinderbücher und eine Reihe weiterer Spionageromane, die ihm insgesamt dreimal den „Gold Dagger“ einbrachten.

2001 erhielt er den „Diamond Dagger“ für sein Lebenswerk. Am 21. Oktober 2009 verstarb Davidson in London.

Das Buch: In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts leitet der Forscher Rogatschow eine streng geheime Forschungsstation in den eisigen Weiten Sibiriens. Niemand, der dort arbeitet, darf die Station je wieder verlassen.

Schließlich jedoch sieht Rogatschow ein, dass die Welt von dem, was in der Forschungsstation vor sich geht, und von den dortigen Forschungen erfahren muss. Also schickt er verschlüsselte Botschaften an einen Mann, dem er zutraut, ihm helfen zu können: Dr. Johnny Porter, Mikrobiologe und Sprachgenie. Der junge Mann macht sich auf die gefährliche Reise nach Sibirien.

Fazit: Eigentlich wollte ich als Überschrift ein Zitat aus „Der Rabe“ von Edgar Allan Poe nehmen: Deep into the darkness peering, long I stood there, wondering, fearing,…“. Denn obwohl Poes „Der Rabe“ mit dem von Davidson sonst nicht das Geringste gemein hat, lässt sich mit dieser Zeile, die sich ungefähr übersetzen lässt mit „Düster in das Dunkel schauend stand ich lange starr und grauend …“, in etwa das, ähm, Wohlbefinden beschreiben, das ich bei der Lektüre des Buches empfand.

Schon seit längerer Zeit lag kein Buch mehr so weit entfernt von meinen Erwartungen wie dieses. Als ich die Inhaltsangabe las, dachte ich, bei „Der Rabe“ handele es sich um eine Art Wissenschaftsthriller im Stile von Tanja Kinkels „Götterdämmerung“ – ein sehr lesenswertes Buch, übrigens, wenn auch schon älter, oder vielleicht auch um eine Geschichte, die an Justin Cronins „Der Übergang“ erinnert. Vielleicht auch an den Film „Outbreak“, oder von mir aus, wenn es sein muss, „Alien vs. Predator“. Irgendwie sowas eben. Weit gefehlt. Davidson geht andere Wege. Und er geht sie seeehr, seeehr langsam.

Das Buch beginnt mit den o.g. Hilferufen des Wissenschaftlers Rogatschow. Daraufhin beginnt der Geheimdienst zu ermitteln. Und Davidson beschreibt diese Ermittlungen sehr detailliert. Und er tut das sehr, sehr langsam! Die Herkunft des Zigarettenpapiers, auf dem die Botschaften eingraviert sind, wird ermittelt, und die Art und Weise, wie es in die sibirische Forschungsstation gelangt und wieder herausgekommen sein könnte. Es werden ewig lang Schifffahrtrouten abgeglichen. Seitenweise beschäftigt man sich mit den Aufbauten eines Trampschiffs und dem darauf befindlichen Derrick. Nein, das hat nichts mit Horst Tappert und Fritz Wepper zu tun! Ein Derrick ist so etwas wie ein Schwergutkran, glaube ich. Diese Information habe ich mir zu einem Zeitpunkt ergoogelt, als mich „Der Rabe“ schon nicht mehr im Geringsten interessiert hat…

Nachdem die Ermittlungen größtenteils abgeschlossen sind, wird der Mann kontaktiert, an den Rogatschows Botschaften gerichtet sind: Dr. Johnny Porter. Ein junger Mikrobiologe indianischer Abstammung, der ein absolutes Sprachgenie ist und sogar diverse Idiome der unterschiedlichen sibirischen Stämme beherrscht. Oder sie mal eben in wenigen Wochen lernt. Wahlweise auch koreanische Dialekte. Zu Johnny komme ich noch…

Jener Dr. Porter jedenfalls wird also losgeschickt und Davidson beschreibt die Reise. Und er tut das sehr, sehr langsam! Der langen Rede kurzer Sinn: Erst auf Seite 382, nach über der Hälfte des Buches, betritt Dr. Porter erstmals den Boden der geheimen Station und man hat als Leser Hoffnung, dass man nun endlich erfährt, was denn da nun los ist. Dumm nur, dass mich das zu diesem Zeitpunkt eben nicht mehr interessierte.

Nach nicht mal 100 Seiten hat Johnny die Station auch schon wieder verlassen, und macht sich auf den Weg quer durch Sibirien. Und Lionel Davidson beschreibt auch diese Phase des Buches sehr detailiert. Und sehr, sehr,… na, ihr wisst schon!

Kurz gesagt, die gesamte Handlung verläuft auf arg überschaubarem Niveau und erinnert phasenweise mehr an einen Reisebericht als einen Thriller.

Die Protagonisten, einerseits Dr. Johnny Porter, andererseits die Sanitätsoffizierin Tanja, mit der Porter ein Verhältnis beginnt, enttäuschen mich ebenso auf ganzer Linie. Porter kann alles, tut alles, hat niemals größere Zweifel an seinem Handeln. Und seine Palette an Emotionen ist ungefähr so abwechslungsreich wie das Testbild nach der Nationalhymne (die Älteren werden sich erinnern). Auf über 600 Seiten erfährt der Leser wirklich null über das Seelenleben der Dr. Porter! Man nehme Ivan Drago und denke sich dessen Humor weg, fertig ist Dr. Johnny Porter…

Seine Freundin Tanja könnte noch ganz glaubhaft, sogar sympathisch, erscheinen, wäre da nicht ihre spätere Entwicklung. Über einen langen Zeitraum lässt Tanja angesichts ihrer dienstlichen Stellung die Männer vor Ort nach ihrer Pfeife tanzen. Diese selbstbewusste starke Frau, die sich in einer rauhen Umgebung und einem männerdominierten Arbeitsumfeld durchbeisst, verkommt aber später zu einem labilen, schwachen Liebchen, das sich an ihren großen, starken, ach so maskulinen Begleiter hängt.

Seite 509:

„Wenn Du schon fort sein solltest – lässt Du mir ein Zeichen zurück?“

„Ja, ich lasse Dir ein Zeichen.“

„Lieblings, liebster Schatz, sag, dass es kein Abschied für immer ist!“

„Kein Abschied für immer.“

„Ich liebe Dich für immer und alle Zeiten, mein wunderbarer Geliebter. Weißt Du das? Sag, dass Du es weißt.“

 

Nun, während ich mich übergebe, könnt ihr zwischenzeitlich raten, wer in dieser Szene Johnny und wer Tanja war. 😉

Wieder da! 🙂 Tja, mit solchen Szenen schaffen es Tanja und ihr Schöpfer Lionel Davidson spielend, Jahrezehnte der Emanzipation mit Füßen zu treten.

Aber da ich mich, auch bei Büchern, die mich so ärgern, wie das hier vorliegende, eigentlich immer bemühe, auch die positiven Aspekte herauszustellen, möchte ich das natürlich auch in diesem Fall tun. So bleibt der Schreibstil Davidsons als positiver Aspekt. So belanglos und langatmig ich die Handlung auch fand, wenigstens ist sie gut geschrieben. Und bei „Der Rabe“ handelt es sich um eine Neuauflage eines Buches, das bereits im Jahr 1994 erschienen ist. Es kann sein, dass man Spionageromane damals eben so unaufgeregt erzählt hat, ich kann mich nicht erinnern. Ich könnte jetzt alte Bücher von Tom Clancy oder John le Carré herauskramen und Vergleiche anstellen, werde das allerdings sicherlich nicht tun. 😉

Überhaupt erinnert das gesamte Buch, der Stil, die Charaktere, letztlich auch die Handlung an die Spionageromane solcher Autoren wie John le Carré, Tom Clancy oder Frederick Forsyth. Wer an diesem Genre Spaß hat, der wird sicherlich auch mit „Der Rabe“ Spaß haben und den möchte ich ihm auch gar nicht nehmen. Ich allerdings hatte keinen.

Vielleicht kommt das ja noch im Nachhinein!? Wenn auch sehr, sehr langsam. Wer weiß?

Wertung:

Handlung: 4 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Spannung: 3 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog:

„Die Rückkehr“ von Peter Georgas-Frey

 

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2 Kommentare zu „„Der Rabe“ von Lionel Davidson – Der Spion, der in die Kälte ging

    1. Guten Morgen, Kenia!

      Ja, das war wirklich, wirklich, wirklich langweilig. Aber immerhin habe ich bis zum Ende durchgehalten. 😉

      Ich bin aber guten Mutes, dass die nächsten Bücher wieder etwas ansprechender sein werden.

      Ich wünsche Dir auch einen schönen kommenden 3. Advent!

      Bis bald!

      Fraggle

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