„Loney“ von Andrew Michael Hurley – Auf der Suche nach der verlorenen Spannung

Buch: „Loney“ (2016)

Autor: Andrew Michael Hurley

Ausgabe: Gebunden, 384 Seiten

Verlag: Ullstein

Der Autor: Andrew Michael Hurley, geboren 1975, ist ein britischer Autor. Er unterrichtet in Lancashire Englische Literatur und Kreatives Schreiben. Er veröffentlichte bereits zwei Erzählungsbände, bevor mit „Loney“ sein erster Roman erschien. Ursprünglich nur in einer sehr kleinen Auflage auf den Markt gebracht, entwickelte sich „Loney“ recht bald zum Geheimtipp und wurde im Januar 2016 mit dem Costa Book Award für das beste Debüt des Jahres ausgezeichnet.

Das Buch: In den 70er Jahren wachsen die beiden Brüder Tonto und Andrew, genannt Hanny, in einem stark christlich geprägten Elternhaus auf. Andrew ist stumm, daher unternimmt die Familie jedes Jahr aufs Neue eine Pilgerfahrt in den Norden Englands, wo es in der Nähe des Strandes „The Loney“ einen Wallfahrtsort mit einem Schrein gibt. Dort bittet die Familie jährlich um Hannys Genesung – bislang ohne Erfolg.

Jahrzehnte später erfährt Tonto aus der Zeitung, dass in den Trümmern eines eingestürzten Hauses in „The Loney“ eine Babyleiche gefunden wurde. Und sofort stehen ihm wieder die Ereignisse des Jahres 1976 vor Augen. Und er beginnt zu erzählen, was damals am unwirtlichen Küstenstreifen Nordenglands passiert ist.

Fazit: Schon nach der Hälfte der Lektüre wurde mir bewusst, dass es mir schwer fallen würde, über „The Loney“ zu schreiben. Denn eigentlich macht Andrew Michael Hurley in seinem Debütroman sehr viel richtig. Wenn aber die „Sunday Times“ urteilt, dieses Buch sei „Eine meisterhafte Exkursion ins Grauen“, dann liegt sie meiner Meinung nach damit eindeutig daneben. Nun, fangen wir erstmal mit den positiven Aspekten des Buches an.

Bereits in den ersten Kapiteln wird deutlich, dass „Loney“ stilistisch hervorragend geschrieben ist. Zu Beginn erfährt man einiges über die kleine religiöse Gemeinde und deren personelle Zusammensetzung, bevor sie in der Gegend um „The Loney“ ankommt. Spätestens dort punktet der Autor nicht nur mit sehr plastischen Beschreibungen der Landschaft und der rauhen klimatischen Bedingungen vor Ort, er baut an diesem Punkt des Romans auch eine düstere und, ja, auch etwas unheimliche Atmosphäre auf und schafft es, diese über die gesamte Länge des Romans beizubehalten. Leider lebt das Buch zu lange fast ausschließlich von dieser Atmosphäre und von der Hoffnung des Lesers, dass da jetzt doch irgendwann mal etwas kommen möge.

Indes, es bleibt bei der Hoffnung. Denn der Autor lässt trotz der düsteren Stimmung, die irgendwo zwischen Edgar Allen Poe und Bram Stoker liegt, keine wirkliche Spannung aufkommen. Stattdessen mäandert die Handlung sich gemächlich durch die Seiten und beschäftigt sich eine lange Zeit mit den Begebenheiten zwischen den wenigen Personen des Romans, wodurch der Roman manchmal etwas kammespielartiges bekommt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das muss nichts Schlechtes sein. Aber von seiner gesamten Aufmachung her erweckt der Roman eher den Eindruck, man habe es mit so etwas wie einer modernen Version des viktorianischen Schauerromans zu tun. Und das stimmt leider nur bedingt.

Die Stärken des Romans liegen eher abseits der Handlung, im Stil und vor allem in den Figuren. Im Laufe der Ereignisse bekommt man ein detailliertes Bild von der „heilen“ Welt der Religionsgemeinschaft: Hannys und Tontos Mutter klammert sich sklavisch an ihren Glauben und vor allem daran, dass alles immer genau so abzulaufen hat wie immer schon. Dabei hat sie sich nie mit der Behinderung ihres jüngeren Sohnes abgefunden und fühlt sich bestraft. Ihr Mann wagt ihr lange Zeit nicht zu widersprechen. Das begleitende Ehepaar Mr und Mrs Belderboss haben gegenseitig Geheimnisse voreinander. Miss Bunce und ihr angehender Ehemann, die die Gruppe komplettieren, wollen eigentlich gar nicht dort sein. Auch Neid und Missgunst gehen um, und man bekommt einen Eindruck, dass eben doch nicht alles so „heil“ ist in dieser Gemeinschaft. Und das unterhielt mich als Leser im Grunde genommen schon, es war nur meilenweit davon entfernt, „eine meisterhafte Exkursion ins Grauen“ zu sein.

Es war eher so, als wenn die Handlung des als Horrorfilms angepriesenen Films „Blairwitch Project“ darin bestanden hätte, dass vier Studenten in unheimlicher Umgebung im Wald am Lagerfeuer sitzen und zwei Stunden lang wohlformulierte Rilke-Gedichte zitieren – während der Zuschauer darauf wartet, dass doch endlich irgendein Irrer im Clownskostüm mit Machete aus dem Gebüsch springt, oder etwas Ähnliches passiert. 😉

Kurz, für mich scheiterte „Loney“ an meiner Erwartungshaltung, ist aber sicherlich kein schlechtes Buch. Wer wohlformulierte Bücher mag, die eine düstere Atmosphäre und detailliert gezeichnete Personen beinhalten und die ohne große Spannungsmomente auskommenn, der dürfte mit Hurleys Debüt zufrieden sein.

Wertung:

Handlung: 5,5 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,1 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Heimkehr“ von Peter Georgas-Frey

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3 Kommentare zu „„Loney“ von Andrew Michael Hurley – Auf der Suche nach der verlorenen Spannung

    1. Nee, „Loney“ muss man nicht gelesen haben!

      Das „Blairwitch“-Beispiel diente aber eher zur Veranschaulichung der Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität, sonst hat das Buch mit dem Film recht wenig gemein. 🙂

      Der Film gefiel mir damals übrigens ausgesprochen gut. Ich habe ihn Jahre nach dem Hype auf DVD gesehen und war wirklich begeistert – obwohl ich das Horrorgenre sonst weitgehend meide. Zumindest war „Blairwitch Project“ damals einer der wenigen Filme, nach denen ich schlecht geschlafen habe! 😉

      Gefällt 1 Person

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