„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ von Milan Kundera – Wohlformulierte Tristesse

Buch: „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ (2016)

Autor: Milan Kundera

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 140 Seiten

Der Autor: Milan Kundera ist ein 1929 in Brünn geborener tschechisch-französischer Schriftsteller. Bereits seit den 50er-Jahren betätigt sich Kundera literarisch. 1975 verließ er sein Heimatland, wanderte nach Frankreich aus und wurde dort Dozent an der Universität Rennes.

1984 erschien der Roman, der Kundera weltberühmt machen sollte: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Über 14 Jahre nach seinem letzten Roman „Die Unwissenheit“ erschien nun „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“.

Das Buch: Vier Freunde treffen sich bei einer Pariser Party wieder. Dort plaudern sie über Gott und die Welt, über Stalins Witze, junge Frauen, den Tod und das Vergessen, über Kaliningrad, Kant, Hegel und Schopenhauer.

„Was bleibt von uns, wenn wir mal tot sind, fragen sich die Freunde und stoßen auf die Bedeutungslosigkeit des Seins an“. (Klappentext)

Fazit: Milan Kundera war mir, das gebe ich peinlich berührt zu, bislang kein Begriff. Natürlich hatte ich schon mal etwas von „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gehört, aber sowohl der Roman als auch die entsprechende Verfilmung gingen bislang immer an mir vorbei. So konnte ich also völlig unbelastet zu diesem schmalen Bändchen greifen. Die Last, die fühlte ich erst nach der Lektüre…

„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ nennt sich selbst einen Roman, obwohl es vom Umfang her eher eine Novelle darstellt. Ich appelliere daher an alle Literaturwissenschaftler der Welt, in Zukunft alle weiteren Kriterien, die für die Bestimmung eines Textes als Novelle oder Roman wichtig sind, zu streichen, und Texte, die eine Wortzahl unterhalb von x haben, nicht mehr als Roman zu bezeichnen. Ein Roman ist Roman ist ein Roman! „Das Fest der Bedeutungslosigkeiten“ ist eher eine Aneinanderreihung von blitzlichtartig beleuchteten Szenen überschaubaren Umfangs. Sei´s drum, fangen wir beim Anfang an.

Zu Beginn des Buches treffen sich Ramon, einer der oben erwähnten vier Freunde, und d´Alambert, ein ehemaliger Arbeitskollege, durch Zufall im Park. Und schon dort wird deutlich, mit welch seltsamen Figuren Kundera seine Leser konfrontiert. D´Alambert behauptet von sich, an Krebs erkrankt zu sein und ergötzt sich an der Sorge seines Gegenübers köstlich. „Die Betretenheit auf dem Gesicht seines Gegenübers gefiel ihm (…)“ heißt es da auf Seite 18. „Ohne es zu wissen, warum, freute ihn sein erfundener Krebs.“ (Seite 20) Na, Prost Mahlzeit!

Auch die anderen Charaktere sind eher unkonventionell, so beschäftigt sich Alain zum Beispiel intensiv mit der erotischen Bedeutung der Zuschaustellung des Nabels junger Mädchens mittels bauchfreier Bekleidung. Ich gebe zu, das ist ein Bestandteil des Buches, den ich auch jetzt noch nicht begriffen habe!

Aber kommen wir weg von den Charakteren, mit denen sich der Autor auf gerade einmal 140 Seiten ohnehin nicht intensiver beschäftigen kann. (Gerade geht mir durch den Kopf: 140 Seiten; man könnte sagen, „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ ist die Twitter-Version eines Romans… – egal)

Auch die Handlung des Buches ist naturgemäß überschaubar, darauf kommt es hier aber auch überhaupt nicht an. Es gibt unzählige gute Bücher oder Filme, deren Handlung alles andere als abendfüllend ist. Man nehme nur einmal den Film“Before sunrise“ – Ethan Hawke und Julie Delpy reden, fertig ist die Handlung. Grandios ist der Film dennoch!

Dass „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ alles andere als grandios ist, liegt eher daran dass es bewusst schwermütig und zynisch ist. Es wirkt, als habe sich ein erfolgreicher aber mittlerweile schwer verbitterter Schriftsteller im Herbst seines Lebens hingesetzt, um eine Abrechnung mit den Menschen und dem Leben zu schreiben, die man auch hätte nennen können: „Und wenn schon! Ist doch eh alles egal!“ Ich weiß nicht, ob das tatsächlich die Intention des Autors war, weil ich ihn nicht persönlich kenne und das daher weder beurteilen kann oder will. Ich kann nur beschreiben, welchen Eindruck, das Buch bei mir hinterlässt.

Auf diese „egal“-Erkenntnis läuft es in Kunderas Buch heraus, wenn seine Charaktere behaupten: „Wir haben seit langem begriffen, dass es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten.“ (Seite 94) . Es klingt auch nicht positiver, wenn sie behaupten: „Der Mensch ist nichts als Einsamkeit. (…) Eine von Einsamkeiten umgebene Einsamkeit.“ (Seite 79) Letztlich gipfelt das Ganze in: „(…) die Bedeutungslosigkeit, mein Freund, ist die Essenz der Existenz.  Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Greueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück.“ (Seite 137)

Würde ich zur Polemik neigen, würde ich den Vorschlag machen, dass Kundera doch mal die Menschen in Aleppo persönlich vor Ort fragt, ob sie ihr dortiges Leben und Sterben als bedeutungslos empfinden…

Einzig positiv hervorzuheben ist der Stil des Buches, letztlich auch ein Verdienst der Übersetzerin Uli Aumüller, der dafür ein Lob gebührt.

Natürlich möchte ich, wie immer, nicht ausschließen, dass ich das Buch und die Intention des Autors schlicht nicht begriffen habe, aber…

…wissen Sie was, Herr Kundera? Es ist doch völlig bedeutungslos, ob ich Ihr Buch verstanden habe oder nicht. Es ist auch völlig bedeutungslos, ob es mir gefällt. Es ist sogar bedeutungslos, ob ich diese Rezension weiterführe, oder etwa nicht!? Also belasse ich es doch einfach dabei!

Wertung:

Handlung: 5 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Anspruch:  7 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6, 5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Falls ich morgen früh nicht einfach im Bett bleibe und das bei meinem Chef damit begründe, dass meine Anwesenheit ohnehin bedeutungslos sei, dann gibt es hier bald „Loney“ von Andrew Michael Hurley. Vorher werde ich mir noch etwas aus den Fingern saugen aber noch einen fundierten, durchdachten, komplexen und literarisch anspruchsvollen Beitrag für die 3. Runde der „Seppo Blog-Auszeichnung 2016“ verfassen, um die in Bälde – in zu baldiger Bälde, meiner Meinung nach – ablaufende Teilnahmefrist nicht zu verpassen.

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9 Kommentare zu „„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ von Milan Kundera – Wohlformulierte Tristesse

  1. Interessant, deine Rezension, so wie immer…

    Noooch kenne ich das Buch nicht, aber ich werde es noch lesen, befindet es sich doch in meiner Lese-Pipeline, und habe ich längst alle seine tollen Werke davor schon gelesen…

    Klar hat der über Achtzigjährige Kundera seinen Zenit überschritten, die meisten Menschen erreichen ja nicht mal dieses Alter,

    aber möchte ich mindestens drei Bücher von ihm niemals mehr missen:
    – das Leben ist anderswo
    – der Scherz
    und natürlich sein Opus Magnum
    – die unerträgliche Leichtigkeit
    das ich sicherlich schon dreimal mit Begeisterung las (und auch die Verfilmung ist gut)…

    Liebe Septembergrüße vom Lu

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    1. Da bin ich doch mal sehr gespannt, wie Deine Meinung dazu ausfällt.

      Es mag sein, dass seine anderen Bücher sehr lesenswert sind, das kann ich halt nicht beurteilen. Der Einstieg in sein Werk jedenfall schreckt mich zumindest mal vorübergehend von weiteren Büchern ab. 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Mir geht es wie Dir in Bezug auf die „unerträgliche Leichtigkeit etc.“, mal was von gehört, aber keine Veranlassung gehabt da mal tiefer nachzuforschen bzw. das zu lesen. Und wenn ich mir die Buchbeurteilung von diesem Stück des Autors durchlese, werde ich es auch dabei belassen, zu wissen, dass es einen Autor mit diesem Namen gibt und gut ist es. Wertvolle Zeit gespart für besseres.

    Gefällt 2 Personen

    1. Na, wenn ich dazu beigetragen habe, Dich davon abzuhalten, wertvolle Lebenszeit zu verschwenden, dann betrachte ich das als meine gute Tat für heute! 😉

      Glücklicherweise konnte man dieses Büchlein schnell durchlesen, so dass sich der Umfang der verschwendeten Zeit in Grenzen hielt. 🙂

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  3. Mhm … Ehrlich gesagt, ein Stück Weltliteratur, mit dem ich noch nie in Berührung gekommen bin, der Herr Kundera. Bzgl. der Klassifikation als Roman aber noch eine Anmerkung: Da gibt es halt zwei Kriterien. Eine Geschichte ist dann ein Roman, wenn entweder
    a) die literaturwissenschaftlichen Kriterien dafür erfüllt werden
    oder
    b) der Verlag es drauf druckt

    Denn ehrlich gesagt hätte auch so manche Autobiographie das Label „Roman“ verdient. Wenn nun a) maßgeblich wäre, wo würden wir denn in dieser Gesellschaft hinkommen? Die Wissenschaft als Entscheidungsinstanz? Am Ende gar promovierte Physiker*innen als Regierungschefs … Oh …

    Gefällt 2 Personen

  4. Der letzte Fazit-Abschnitt ist klasse 🙂 (Oder, wahlweise, auch wieder egal …)
    Schade, dass sich Kundera offenbar eine gewisse Alterstristess eingefangen hat, denn die Bücher damals habe ich wirklich sehr gern gelesen (und anempfehle sie hier weiter).
    Liebe Grüße!

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank! Und – in aller Bescheidenheit – ich finde den letzten Abschnitt auch gut. 🙂

      Ja, genau diese Alterstristesse hat mir das Buch verleidet. Ich schätze, was das restliche Werk angeht, habe ich jetzt erstmal Berührungsängste! 🙂

      Schaun mer mal.

      Liebe Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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