„Die Knochenuhren“ von David Mitchell – Cloud Atlas 2.0?

Buch: „Die Knochenuhren“ (2016)

Autor: David Mitchell

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Gebunden, 810 Seiten

Der Autor: David Mitchell ist ein 1969 in Southport, Lancaster, geborener britischer Schriftsteller. Er studierte an der University of Kent Englisch und Amerikanische Literatur und und erhielt den M.A. in Komparatistik. Nach seinem Studium war er unter anderem als Lehrer auf Sizilien und an der Universität Hiroshima in Japan tätig.

Mitchell begann seine literarische Karriere mit seinem 1999 erschienen Erstlingsroman „Ghostwritten“. Im Jahr 2004 erschien sein bislang wohl bekanntester Roman „Cloud Atlas“ (dt. „Der Wolkenatlas“). Dieser wurde im Jahr 2012 von Tom Tykwer und Lana und Lilly Wachowski verfilmt.

Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im irischen Clonakilty.

Das Buch: 1984: Die 15 Jahre alte Holly Sykes hat sich unsterblich in den 24-jährigen Vinny verliebt. Ihre Mutter ist von der Liason ihrer Tochter naturgemäß nur wenig begeistert. Es kommt zum Streit und schließlich beschließt Holly, ihre Sachen zu packen und zu Vinny zu ziehen.

Dort angekommen erwischt sie ihn mit ihrer besten Freundin Stella im Bett. Holly ist am Boden zerstört und weiß nicht, wo sie hin soll. Nur eines steht für sie fest: Sie kann nicht in ihr Elternhaus zurück, diese Genugtuung gönnt sie ihrer Mutter nicht.

Auf ihrem ziellosen Streifzug trifft sie auf die Anglerin Esther Little, eine folgenschwere Begegnung für Holly. Denn bereits kurz danach hört sie die mittlerweile vergessenen Stimmen ihrer Kindheit wieder und sie hat Visionen und Halluzinationen. Erst Jahrezehnte später versteht Holly, dass sie durch diese Begegnung zu einer wichtigen Figur im Machtkampf zwischen zwei Gruppen Unsterblicher geworden ist…

Fazit: Sollte der bayrische Verfassungsschutz irgendwann einmal den Beschluss fassen, mich angesichts meiner immer wiederkehrenden Kritik an führenden CSU-Politikern auf einer einsamen Insel auszusetzten, damit der Seehofer Horst seine Ruhe vor mir hat, und sollte besagter Verfassungsschutz mir die Gnade gewähren, mir genau eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller auszusuchen, von dem ich das Gesamtwerk mit auf die Insel nehmen dürfte – ich würde mich vermutlich für David Michell entscheiden. Bei keinem anderen mir bekannten Schriftsteller ist der „Wiederlesewert“ der Bücher meiner Meinung nach so hoch wie bei Mitchell. Bücher wie „Cloud Atlas“ oder eben „Die Knochenuhren“ kann man wahrscheinlich viele Male lesen und würde immer wieder etwas Neues in ihnen entdecken.

Allerdings führt Mitchells Erzählstruktur auch dazu, dass eine Rezension seiner Bücher für mich ähnlich schwierig ist, als würde man mich bitten, eine sinnvolle Zusammenfassung von „Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft“ zu schreiben: „And now for something completely different..:“ Ich versuche es dennoch.

Wie bereits erwähnt, lernt der Leser zu Beginn die 15-jährige Holly Sykes kennen. Und er verfolgt Holly Leben in sechs großen Kapiteln bis hin ins Jahr 2043. Diese sechs Kapitel erzählen alle ihre eigene Geschichte – z.B. über Hollys Ehemann und seine Zeit als Kriegberichterstatter im Irak – und sind trotzdem im Rahmen der Handlung miteinander verknüpft, mit Holly als tragenden verbindenden Element.

Eine ähnliche Art der Erzählstruktur kennt der geneigte Leser bereits von „Cloud Atlas“. Und diese Struktur erfordert vom Leser große Aufmerksamkeit, denn immer wieder werden Ereignisse und Personen aus früheren Kapiteln wieder erwähnt und wer nicht aufpasst, der verliert dann vielleicht schon mal den Zusammenhang aus den Augen. Unter anderem deshalb haben Mitchells Bücher für mich auch einen so hohen Wiederlesewert, denn was man beim ersten Lesen übersehen hat, erschließt sich einem dann eben beim zweiten Durchgang. Wie in „Cloud Atlas“ schafft es der Autor also auch in „Die Knochenuhren“, ein filigranes und weitläufiges Handlungsgebilde zu errichten. Und nicht nur das: Er schafft es auch, Figuren aus seinem im Jahr 1799 spielenden Roman „Die 1000 Herbste des Jakob de Zoet“ in seinen aktuellen Roman einzubauen!

Bezüglich des Aufbaus des Romans kann man Mitchell also keinerlei Vorwürfe machen. Selbst wenn man den Eindruck hat, das alles so schon zu kennen, macht es Spaß zu lesen, wie im Laufe der Kapitel ein Handlungsrädchen ins andere greift.

Auch stilistisch ist der Autor meiner Meinung nach über jeden Zweifel erhaben. Seine Protagonisten der einzelnen Kapitel haben jeweils ihre ganz eigenen Erzählart, lediglich zwei davon ähneln sich meiner Meinung nach zu sehr. Auch wenn das schon fast wieder passt, denn auch charakterlich sind sie sich recht ähnlich. Darüber hinaus erfreut Mitchell den Leser in regelmäßigen Abständen mit Sätzen wie: „Bis zum letzten Satz hatte er sich wacker geschlagen, aber wenn du einem rachgierigen Einhorn den blanken Arsch präsentierst, reduziert sich die Anzahl der möglichen Szenarien auf eins.“ (S. 149) Ich find´s komisch! 😉 Also, kurz gesagt, auch Mitchells Stil ist einer der Gründe, warum man ein Buch wie „Die Knochenuhren“ mit einem Umfang von immerhin gut 800 Seiten durchgehend mit Freude lesen kann.

Eigentlich gibt es in diesem Roman nur eine Sache, die ich massiv zu kritisieren habe: Mitchell hat neben seinen einzelnen Kapitelhandlungen, die unter anderen solche Dinge wie den Irakkrieg, die britische Politik der Thatcher-Ära oder die ökologische und politische Entwicklung auf Mutter Erde in der nahen Zukunft zum Thema haben, den Entschluss gefasst, eine in den Fantasy-Bereich abdriftende Handlung rund um zwei konkurrierende Gruppen von Unsterblichen zu entwickeln. Ganze vier Kapitel taucht diese Handlung aber eigentlich immer nur am Rande auf, der Leser wird mit kryptischen Andeutungen konfrontiert, die erst mal keinen Sinn ergeben. Erst in Kapitel fünf beschließt der Autor, den Leser vollumfänglich aufzuklären, was es mit dieser ganzen Unsterblichkeitsangelegenheit auf sich hat, inklusive eines actionreichen Showdowns. Eine bessere Verteilung dieses Handlungsstranges hätte mir als Leser besser gefallen. Noch besser hätte mir gefallen, er hätte diesen ganzen Fantasy-Kappes weg gelassen. So entsteht der Eindruck, als habe Mitchell eigentlich zwei verschiedene Bücher schreiben wollen, die aber beide für sich genommen nicht ausreichend getragen hätten und sich deshalb entschlossen, beide zusammenzuführen. Ein meiner Meinung nach nicht wirklich guter Entschluss.

Dennoch ist „Die Knochenuhren“ letztlich (fast) genau das, was ich mir von Mitchells neuem Roman versprochen habe: Ein angenehm zu lesender Roman mit vielschichtiger Handlung, den man immer und immer wieder lesen kann.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ein Buchladen zum Verlieben“ von Katarina Bivald.

 

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4 Kommentare zu „„Die Knochenuhren“ von David Mitchell – Cloud Atlas 2.0?

    1. Ja, das Problem mit dem SuB kenne ich auch zur Genüge! 😉

      Ich hoffe, dass es Dir gefällt, solltest Du es irgendwann lesen. Ich fand es ja ziemlich gut, muss zugegebenermaßen aber auch eingestehen, dass ich bekennender David-Mitchell-Fan bin! 🙂

      Gefällt 1 Person

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