„Vergiftet“ von Thomas Enger – Ein Königreich für die Olsen-Bande

Buch: „Vergiftet“ (2013)

Autor: Thomas Enger

Verlag: blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 456 Seiten

Der Autor: Thomas Enger ist ein 1973 in Oslo geborener norwegischer Schriftsteller. Als Kind einer Physiotherapeutin und eines Lehrers für Englisch und Französisch wurde ihm beigebracht, Körper und Geist in gutem Zustand zu halten. Also verbrachte er seine Kindheit und Jugend mit lesen und einer Leidenschaft für Fußball, die ihn als aktiven Spieler immerhin bis in die dritte norwegische Liga brachte.

Nach seinem Schulabschluss und dem Militärdienst – den Enger nach eigenen Angaben größtenteils damit verbrachte, im Dienstzimmer Metallica zu hören- studierte er Sport und Geschichte, bevor er für Nettavisen tätig wurde, eine seit 1997 bestehende norwegische Internetzeitung.

Im Anschluss an diese Tätigkeit fand Enger endlich die Zeit, seinen langgehegten Wunsch, ein Buch zu schreiben, in die Tat umzusetzen. Im Jahr 2011 erschien „Sterblich“ und wurde zu einem großen Erfolg, der in über 20 Länder verkauft wurde. Daher setzte Enger die seine Serie um den Journalisten Henning Juul mit „Vergiftet“ und „Verleumdet“ fort. Letztlich soll die Serie sechs Teile umfassen.

Enger lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Oslo.

Das Buch: Tore Pulli hat ein Problem. Als er spätabends am vereinbarten Treffpunkt zu einem klärenden Gespräch mit Jocke Brolenius eintrifft, ist Brolenius schon vor Ort – allerdings liegt er mausetot in einer Blutlache! Neben dem Toten findet Pulli seinen eigenen Schlagring, den er in seinen Zeiten als Geldeintreiber als Arbeitsgerät benutzt hat, nun aber schon seit geraumer Zeit im Wortsinne an den Nagel gehängt hat, an der Wand in seinem Büro. Will ihm irgendjemand einen Mord anhängen?

Tore Pulli ruft die Polizei, schließlich hat er nichts getan und ist davon überzeugt, dass die Polizeibeamten das auch so sehen. Sehen sie nicht – und wenig später wird Pulli wegen Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Währenddessen versucht der Online-Journalist Henning Juul, langsam wieder zurück ins normale Leben zu finden. Vor einigen Jahren gab es in Juuls Wohnung einen Brand. Im Feuer kam Juuls kleiner Sohn Jonas um Leben. Seitdem hat Henning den diffusen Verdacht, bei dem Feuer könnte es sich nicht um einen Unfall, sondern um Brandstiftung gehandelt haben. Schon mehr als einmal war er mit seinen Recherchen maßgeblich daran beteiligt, den einen oder anderen Verbecher hinter Gitter zu schicken. Wollte sich einer dieser Kriminellen an ihm rächen? Henning Juul stellt Nachforschungen an, bleibt aber ohne Erfolg.

Dann bekommt er einen Telefonanruf. Am anderen Ende der Leitung ist Tore Pulli. Dieser behauptet trotz seiner Verurteilung weiterhin standhaft, unschuldig zu sein und macht Juul ein verlockendes Angebot: Juul soll für Pulli herausfinden, wer ihn hereingelegt hat und dafür verantwortlich ist, dass er nun im Knast sitzt. Als Gegenleistung würde Pulli ihm alles verraten, was er über den Brand in Juuls Wohnung weiß. Und er weiß angeblich viel!

Ohne noch groß darüber nachzudenken, beginnt Henning mit Nachforschungen im Umfeld des Inhaftierten. Und bringt sich damit in tödliche Gefahr.

Fazit: Tja, skandinavische Krimis und ich, wir werden einfach keine Freunde mehr, fürchte ich. Wobei – das klingt jetzt schon wieder negativer als es soll. „Vergiftet“ hat durchaus seine guten Seiten.

Die Geschichte hinter der Geschichte , nämlich Juuls Ermittlungen rund um den Brand und den Tod seines kleinen Sohnes, zieht sich schon seit Teil eins durch die Serie von Thomas Enger und hat durchaus ihren Reiz. Diese Hintergrundgeschichte ist allerdings auch schon fast der einzige Aspekt, der mich dazu bringen würde, die anderen Teile auch zu lesen. Die Ermittlung im Fall Tore Pulli dagegen, die ja eigentlich im Vordergrund steht, bietet dagegen eher durchschnittliche Krimi-Hausmannskost. Dem aufmerksamen Leser erschließt sich die Lösung des Falles sehr viel früher als Henning Juul, was auf lange Sicht etwas nervtötend wird.

Die durchschnittliche Krimi-Hausmannskost zeigt sich auch bei den Charakteren – mit einer rühmlichen Ausnahme. Thorleif Brenden wird von bösen Buben erpresst und gezwungen, eine Straftat zu begehen, andernfalls würde seiner Familie etwas geschehen. Der Zwiespalt in dem sich Brenden befindet, sein moralisches Dilemma, seine Verzweiflung und Angst, all das wird sehr anschaulich und nachvollziehbar dargestellt. Für den Rest der Charaktere gilt allerdings das eingangs Gesagte.

Diesen nur teilweise vorhandenen Stärken stehen aber einige Dinge gegenüber, die das Buch zwischenzeitlich zum Ärgernis machten. Da werden Zeitungsartikel wiedergegeben, die den Eindruck erwecken, als hätte Thomas Enger nie einen solchen Artikel gelesen oder gar geschrieben. Und das als ehemaliger Online-Jounalist. Zum Beispiel wird über die kriminelle Vergangenheit Pullis berichtet und ein ganzer Absatz beschäftigt sich damit, dass er besonders bekannt war für seine Angewohnheit, seinen Kontrahenten den Kiefer zu brechen, bekannt als „Pulli-Bruch“…Also, ich weiß ja nicht… Das wäre so, als hätte man irgendwo über Frank Hanebuth ganze Absätze darüber gelesen, dass der zu seinen Hells-Angels-Zeiten gerne den linken Jab geschlagen hätte! Okay, der „Pulli-Bruch“ ist gewissermaßen relevant für die Geschichte, aber das hätte man irgendwie ungekünstelter einbringen können.

Oder die Stelle an der Henning Juul in den vor Jahren ausrangierten Schreibtischen der Redaktion etwas sucht. Praktischerweise wurden die nach der letzten Renovierung alle im Keller gelagert, mit alten PCs und sonstigem Bürokram. Wird das in euren Büros auch so gemacht? Klar, wer hat bei einem defekten PC an seinem Arbeitsplatz nicht schon mal gedacht: „Ha, ich wusste doch, dass es sich lohnen würde, den 286er von 1990 auszubewahren!“? Also, meiner Meinung nach wird altes Mobiliar entweder verschrottet oder verkauft, aber…

Eine ganz besondere Freude für mich waren die polizeilichen Ermittlungen. Ohne zu viel zu verraten, aber: Es gerät jemand in Verdacht, weil am Ort eines Verbrechens ein Fußabdruck der Größe X in einem Blumenbeet gefunden wird. Vor der Wohnungstür des Verdächtigen finden die Ermittler Erde und der Verdächtige hat die Schuhgröße X. Also, wird er verhaftet! Ja, nee, is klar! Man könnte natürlich auch Abgüsse der Fußspuren machen, um Dinge wie Profil oder ähnliches zu vergleichen. Oder gar eine chemische Analyse der Erde im Blumenbeet und der vor der Wohnungstür. Ohne diese Dinge wäre im Grunde genommen jeder Norweger verdächtig, der Schuhgröße X hat und gerade mit Gartenarbeit beschäftigt war. Das wäre das selbe als würde man bei Ermittlungen sagen:

„Gut, Fakt ist, dass das Opfer vor drei Tagen von einem roten VW Golf überfahren wurde…!

„Da! Da hinten fährt ein roter Golf!“

„Dass muss er sein! Ihm nach!“

Oder die mutmaßliche Tatwaffe: Der Verdächtige besitzt eine Waffe gleichen Kalibers, die „vermutlich am Vortag abgefeuert“ wurde. Ballistische Tests? Verlgeiche mit den Projektilen am Tatort? Fehlanzeige! Also, sollte jemand Kriminaltechniker und Experte im Bereich der Ballistik sein, würde ich das berufliche Umfeld nicht nach Norwegen verlegen. Dort verzichtet man auf solche Nebensächlichkeiten!

Sehr lange nachgedacht habe ich übrigens über eine Textstelle, in der über einen Kriminellen behauptet wird, „er vergisst auch nie, das Unvorhersehbare einzuplanen.“ Ist das tiefgründig oder Unfug? Ich bin für Letzteres! Ich bin kein Experte in Sachen Logik, aber wenn etwas unvorhersehbar ist, dann kann ich es nicht einplanen. Alles was ich einplanen kann hingegen, ist dagegen per se nicht unvorhersehbar.

Nun, die oben angeführten Beispiele – es hätte noch weitere gegeben – haben mir die Lektüre des Buches phasenweise mächtig verdorben. Falls ich doch nochmal über ein Buch von Enger stolpere, dann lese ich es nur wegen der Hintergrundgeschichte.

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Stil: 6 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Fermats letzter Satz“ von Simon Singh. Eigentlich mehr ein Sachbuch als ein Roman. Es geht um Mathematik. Jaaahaa, Mathematik! Wer mich kennt, der wird sich jetzt entweder die Augen reiben oder lachen. Vielleicht auch beides nacheinander.  😉

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