„Die Hand Gottes“ von Philip Kerr – Knapp daneben ist auch vorbei

Buch: „Die Hand Gottes“ (2016)

Autor: Philip Kerr

Verlag: Klett-Cotta

Ausgabe: Broschiert, 397 Seiten

Der Autor: Philip Kerr, 1956 in Edinburgh/Schottland geboren, ist ein britischer Thriller-, Krimi- und Fantasy-Autor. Er studierte in Birmingham Jura und Rechtsphilosophie. Anschließend war er in einer Werbeagentur tätig und schrieb während dieser Zeit an seinen ersten Romanen.

1989 erschien mit „March Violets“ sein erster Krimi um den deutschen Privatdetektiv Bernhardt Gunther, der im Berlin der NS-Zeit ermittelt. Der große Erfolg des Buches führte dazu, dass Kerr einerseits seinen Werbeagentur-Job an den Nagel hängen konnte und andererseits in der Lage war, seinem Debüt weitere Krimis folgen zu lassen. Mittlerweile umfasst die Bernhard-Gunther-Reihe 12 Bände.

Neben dieser Reihe hat Kerr über ein Dutzend weitere Krimis und Thriller sowie den siebenteiligen Fantasy-Zyklus „Children of the Lamp“ verfasst.

Zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Jane Thynne, und seinen drei Kindern lebt der Autor in London.

Das Buch: Scott Manson ist Trainer des englischen Fußball-Erstligisten London City. Bereits zu seiner Zeit als Co-Trainer des Vereins wurde Manson zum Ermittler wider Willen, um ein Verbrechen im Umfeld des Clubs aufzuklären. Nun ist seine Spürnase erneut gefragt.

Im Rahmen der Champions-League-Qualifikation muss Scott mit seinem Team beim griechischen Erstligisten Panathinaikos Athen antreten. Und beim Spiel im Karaiskakis-Stadion passiert dann das Unfassbare: Bekim Develi, einer der Star-Spieler von London City, bricht während des Spiels vor laufender Kamera zusammen und stirbt.

Die Mannschaft ist entsetzt. Und als wäre das nicht schlimm genug, taucht kurz danach die griechische Polizei auf und verbietet dem Team die Ausreise nach England, denn: Im Hafenbecken von Piräus wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Fundsachen bei der Toten bringen sie in Verbindung mit dem eben verstorbenen Bekim Develi. Es werden Mordermittlungen in Bewegung gesetzt, die Mannschaft sitzt bis auf Weiteres in Griechenland fest.

Scott Manson versucht, die Unschuld seines toten Spielers zu beweisen und ermittelt im Umfeld des griechischen Fußball-Geschäfts.

Fazit: „…und ich dachte, es gäbe keine guten Fußball-Thriller“, wird Fußballkommentator Marcel Reif auf der Rückseite des Buches zitiert. Auf welchen Fußball-Thriller er sich dabei bezieht, bleibt im Unklaren, aber „Die Hand Gottes“ kann er nicht gemeint haben.

Wobei das jetzt böser als beabsichtigt klingt, denn das Buch hat durchaus so seine Momente. So erlaubt Kerr durch seine Hauptfigur Scott Manson intensive und interessante Einblicke in das europäische Fußball-Geschäft, die auch dem passionierten Fan so nicht unbedingt geläufig sind. Allerdings soll es ja Menschen geben – auch wenn ich dieser Einstellung mit vollständigem und im Übrigen auch vollkommen berechtigtem Unverständnis gegenüberstehe – die mit dem schönen Fußballsport als solchem nicht so viel anfangen können. Für diesen Teil der Leserschaft dürfte „Die Hand Gottes“ leider eine Enttäuschung sein.

Denn abseits des vorherrschenden Fußball-Themas bleibt eben „nur“ die Mordermittlung, die man im allerbesten Fall als „überschaubar“ beschreiben kann. In diesem Bereich fehlt dem Buch ein elementarer Bestandteil des Thriller-Genres: Die Spannung! Das Mordopfer ist (logischerweise!) tot, der mutmaßliche Täter ebenso. Es herrscht keinerlei Bedrohungszenario, keine weiteren Personen schweben in Lebensgefahr, ob Scott Manson den Fall löst oder doch die griechische Polizei, hat allenfalls Auswirkungen darauf, ob die Kicker schon früher oder erst später wieder in ihre Heimat dürfen. Auch und gerade aufgrund dieser fehlenden Spannung ist „Die Hand Gottes“ alles, nur kein Thriller, so wie es auf dem Cover steht.

Nicht erst seit der Lektüre einiger Bände der Bernhard-Gunther-Reihe weiß ich, dass Philip Kerr in der Lage ist, überdurchschnittlich gute, atmosphärisch dichte Bücher zu schreiben. Leider lässt er dieses Talent in diesem Nicht-Thriller zu selten aufblitzen. Gefallen hat mir der humorvolle Ton, mit dem Kerr vor allem den fuballlastigen Teil der Handlung beschreibt. So sitzt Protagonist Manson z. B. zur Vorbereitung auf das eigene Spiel in einem griechischen Stadion und wird Zeuge, wie ein Spieler von Olympiakos einen Elfmeter verschießt, woraufhin dieser von den eigenen Fans auf übelste Weise beschimpft und auf gotteslästerlichste Art verflucht wird, woraufhin Scott Manson vor sich hin sinniert:“Ich hatte mich schon oft gefragt, warum Sokrates den Schierlingsbecher trank; wahrscheinlich hatte auch er einen Elfmeter für Olypiakos verschossen.“ (S.74). Ich fand´s witzig! 😉

An anderer Stelle des fußballlastigen Teils schießt Kerr dann wieder über das Ziel hinaus, indem er seinen Protagonisten eine Traineransprache an seine Jungs halten lässt, in denen er etwas über Ajax, Perseus, Theseus, Jason und Orpheus schwafeln lässt. Nun,… viele, aber sicherlich nicht alle Fußballer sind so große Rhetoriker wie der heute Abend möglicherweise im Einsatz befindliche Jérôme B., und dementsprechend in der griechischen Mythologie geschult… Jedenfalls, meines Wissens fallen in einer Fußballkabine andere Begriffe, wenn man versucht, seine Mannen zu motivieren. Sei´s drum.

Letzten Endes ist „Die Hand Gottes“ ein nettes Buch für fußballbegeisterte Leser, mit erfreulich guten Charakteren, das mir leider stilistisch nicht durchgehend gefällt und vor allem unter der mangelnden Spannung leidet.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Spannung: 4 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Bittersweet“ von Miranda Beverly-Whittemore.

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5 Kommentare zu „„Die Hand Gottes“ von Philip Kerr – Knapp daneben ist auch vorbei

    1. Hallo Mion,

      ja, sicher könnte man den Kickern ellenlang etwas von den Helden der griechischen Mythologie erzählen, beispielsweise von Hektor, oder so. Nur leider hat man bei einer Manschaftsansprache relativ wenig Zeit. Und bis man dem großen Rhetoriker Jérôme B. erklärt hat, wer dieser Hektor ist, ist die Zeit um… 😉

      Viele Grüße

      Gefällt 1 Person

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