„Welt in Flammen“ von Benjamin Montferat – (K)ein historischer Roman

Buch: „Welt in Flammen“ (2015)

Autor: Benjamin Montferat

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 765 Seiten

Der Autor: Benjamin Montferat ist das Pseudonym des deutschen Autors Stephan M. Rother. Rother, 1968 in Wittingen geboren, studierte in Göttingen Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie. 1997 erfolgte seine Graduierung zum Magister Artium. Seit Mitte der Neunziger trat Rother als “Magister Rother – Deutschlands erster, bester und einziger Standup Historian” auf den Bühnen Deutschlands auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich Rother auf das Schreiben verlegt, seither hat er 14 Romane veröffentlicht, die häufig im Mittelalter spielen. Der Autor lebt, nach eigener Aussage, mit seiner Frau und fünf Katzen “am Rande des Wahnsinns und der Lüneburger Heide”.

Im August 2016 erscheint mit „Der Turm der Welt“ der zweite Roman des Autors unter seinem Pseudonym.

Das Buch: Mai 1940: Der Krieg tobt in Europa, die Deutschen sind in Frankreich einmarschiert, das kurz vor der Kapitulation steht. Hitlers Plan sieht unter anderem vor, dass die Franzosen die bedingungslose Kapitulation in genau dem Eisenbahn-Salonwagen unterzeichnen sollen, in dem 1918 Deutschland die Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnen musste, womit der Erste Weltkrieg beendet wurde.

Diesen zusätzlichen Triumph wollen die Franzosen Hitler aber nicht gönnen. Getreu der alten Fußballer-Weisheit „Wenn wir schon nicht gewinnen können, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“ wird der historische Salonwagen von damals gegen einen anderen ausgetauscht. Das Original geht als einer von mehreren Wagen des Simplon Orient Express auf die Reise in die Türkei.

An Bord des Zuges sind Fahrgäste unterschiedlicher Nationen, die alle ihre eigenen Gründe haben, diesen noch zu erreichen, dürfte es doch die letzte Fahrt des Orient-Express vor der französischen Kapitulation sein; so zum Beispiel Carol von Carpathien, König im Exil, dessen Mätresse Eva Heilmann sowie ein Seitenzweig der Zarenfamilie Romanow.

Die Fahrgäste begegeben sich auf eine gefährliche Reise, denn jeder Grenzübertritt kann der letzte sein, sollte der Zug dort unter dem Einfluss Hitlers gestoppt werden. Und auch einige der Fahrgäste beschwören Gefahr herauf.

Fazit: Benjamin Montferat – ich bleibe der Einfachheit halber bei dem Pseudonym – weist in der Nachbemerkung des Buches darauf hin, „Welt in Flammen“ sei „kein historischer Roman, was allerdings nicht verhindern wird, dass man ihn als solchen wahrnimmt.“ Nun, ohne diese Klarstellung hätte ich das Buch sicherlich auch in den Bereich des historischen Romans eingeordnet. Aber, in Ordnung, es ist also kein historischer Roman, sondern schleicht ein…Roman. Aber was für einer!

Montferat schreibt in kurzen Kapiteln und wechselt dauernd zwischen den zahlreichen Hauptpersonen. Das sorgt allerdings nicht für Verwirrung beim Leser sondern für ein Erzähltempo, das ähnlich rasant ist wie das Tempo des Zuges gen Istanbul. Diese Erzählweise ist gut gewählt, beschreibt die Handlung doch einen Zeitraum von gerade mal 51 Stunden – von den letzten zwei, drei Kapiteln mal abgesehen. Durch den permanenten Wechsel der Figuren erfährt der Leser erst nach und nach die Beweggründe der einzelnen Personen, die Reise anzutreten und erkennt ebenso erst die teilweise herrschenden Beziehungen der Fahrgäste untereinander.

Montferats Figuren machen dabei leider manchmal den Eindruck von Stereotypen. Dennoch schafft es der Autor, dass der Leser mit ihnen mitfiebert, mitleidet oder Tod und Teufel an den Hals wünscht. Auch die eine oder andere liebenswürdige Eigenheit weisen sie auf, so fällt König Carol von Carpathien beim Anblick kleinster Blutmengen umgehend und überall in Ohnmacht. Neben dem teilweise stereotypen Auftreten, das vielleicht sogar gewollt ist und das ich deshalb gut ignorieren kann, gibt es für mich im Bereich der Charaktere nur noch einen größeren Kritikpunkt: Einige der Personen machen im Laufe der gut zwei Tage dauernden Handlung eine Wandlung durch, von persönlicher Natur bis hin zur Änderung des Weltbildes, die mir in dieser Form etwas überzogen erscheint.

Stilistisch punktet der Autor deutlich mehr. Montferats Art des Erzählens sorgt für Atmosphäre. Und die empfinde ich als umso wichtiger, wenn man eine Geschichte erzählt die auf räumlich arg begrenztem Raum spielt. Der sprachgewaltige Stil, bei dem jedes Wort an der richtigen Stelle zu stehen scheint, trägt dazu bei, dass man den Beginn des Buches, in dem die Handlung – ähnlich wie der Zug – noch Fahrt aufnehmen muss, trotzdem zügig lesen kann. Und „zügig“ war kein Wortwitz. Mich hätte es bereits nach ein paar Seiten nicht gestört, wäre der Orient Express auf 4.000 weiteren Seiten bis nach Kuala Lumpur weitergefahren und hätte die Handlung ausschließlich aus angeregten Unterhaltungen der Fahrgäste über Kunstrasen bestanden – durch Montferats Stil hätte ich auch dieses Szenario begeistert gelesen.

Die Handlung selbst kommt nach einiger Anlaufzeit ebenfalls gut in Schwung. Liebe, Verrat, Intrigen, Verschwörung und eine gehörige Portion Action sind nur einige Zutaten dieses prallvollen Romans.

„Welt in Flammen“ ist ein Buch, bei dem ich erstmals nach langer Zeit mal wieder eine gewisse Unruhe gespürt habe, wenn ich mich irgendwo befunden habe, wo das Weiterlesen nicht möglich war. Deshalb freue ich mich auch schon sehr auf den August, wenn „Der Turm der Welt“ erscheint.

Klare Leseempfehlung!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,0 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Hand Gottes“ von Philip Kerr.Ein Fußball-Krimi. Ja, ich weiß, Fußball…

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2 Kommentare zu „„Welt in Flammen“ von Benjamin Montferat – (K)ein historischer Roman

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