„Deathbook“ von Andreas Winkelmann – Der Murtagh-Effekt

Buch: „Deathbook“ (2015)

Autor: Andreas Winkelmann

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 447 Seiten

Der Autor: Andreas Winkelmann ist ein 1968 in Niedersachsen geborener Thriller-Autor. Nach seinem Sportstudium in Saarbrücken war Winkelmann vier Jahre lang Soldat. Bevor er sich vollständig dem Schreiben widmete, war er in verschiedenen Berufen tätig, unter anderem als Fitnesslehrer, Versicherungskaufmann, freier Redakteur und Taxifahrer.

Bislang veröffentlichte Winkelmann zehn Bücher, zuletzt erschien in diesem Jahr „Killgame“.

Wenn Winkelmann mal nicht schreibt, betreibt er leidenschaftlich Outdoorsport – früher hat man einfach draußen Sport getrieben. Er überquerte bereits zweimal zu Fuß die Alpen und verbrachte einige Zeit mit Pfeil und Bogen beim Jagen und Fischen in Kanada.

Der Autor lebt mit seiner Frau und einer Tochter in der Nähe von Bremen.

Das Buch: Kathi, die junge Nichte des Schriftstellers Andreas Winkelmann, wird vom Zug erfasst und getötet. Für die Polizei steht sehr bald Selbstmord als Todesursache fest. Winkelmann aber möchte das nicht wahrhaben. Die immer lebenslustige und an allem interssierte Kathi soll sich umgebracht haben? Nein, für Winkelmann steht fest, dass die Polizei einen Fehler gemacht hat.

Er beginnt daher selbst mit Nachforschungen im Umfeld seiner Nichte. Auf ihrem PC findet er Videos, die zeigen, wie Kathi verfolgt wird. Wer ist der Unbekannte, der seiner Nichte da nachstellte? Die Spuren führen ihn auf eine Website namens Deathbook…

Fazit: Dieses Buch habe ich vor einigen Monaten einer ganz zauberhaften Person – auf ausdrücklichen Wunsch – zum Geburtstag geschenkt. Nun habe ich es freundlicherweise als Leihgabe bekommen, um es zu lesen und darüber zu schreiben. Der besagten zauberhaften Person sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt! Und nun, in medias res!

In allen vier Teilen der Filmreihe „Lethal Weapon“ äußert der Schauspieler Danny Glover in seiner Rolle als Sergeant Roger Murtagh immer und immer wieder die selbe revolutionäre Erkenntnis:“Ich bin zu alt für diesen Scheiß!“

Und anscheinend hat tatsächlich ein jegliches seine Zeit, wie es so schön heißt, wenn auch in anderem Zusammenhang: So habe ich früher gerne und häufig historische Romane gelesen. Dann traten Iny Lorenz und die dazugehörige „Wanderhure“ auf den Plan, zusammen mit der offensichtlichen Agenda, das Genre „Historischer Roman“ nachhaltig zu beschädigen – mit, wie ich finde, durchschlagendem Erfolg. Ich klage seitdem immer wieder darüber, dass historische Romane seit der „Wanderhure“ zu etwa 87,3 % im Mittelalter spielen und zu fast 100 % eine Protagonistin haben, die sich die Haare abschneidet, sich in Männergewänder hüllt, gegen die Konventionen ihrer Zeit auflehnt und aufmacht, wahlweise ihr Schicksal oder das der ganzen Welt – manchmal auch beides – zu retten. Und das, obwohl besagte Protagonistin bei realistischer Betrachtung eigentlich etwa auf Seite 17 gestorben wäre…Seitdem hat mein Interesse an historischen Romanen stark nachgelassen und ich bekam die Erkenntnis:“Ich bin zu alt …!“

Oder nehmen wir das Fantasy-Genre, das auch abseits des vielzitierten J.R.R. Tolkien früher erstaunlich viel zu bieten hatte. Dann jedoch erschien Stephenie Meyer mit ihren Vampiren. Seitdem war mein geliebtes Fantasy-Genre biss zum Erbrechen von unzähligen Vampiren durchseucht, von „Dark One“ bis „Black Dagger“. Wer bei Letzterem an Elektro-Werkzeuge denkt, liegt zwar falsch, hat aber dennoch umgehend meine uneingeschränkte Sympathie. Und auch wenn die meisten Vampire in diesen Büchern nicht im Sonnenlicht leuchten und keine Sympathisanten der „Silver Ring Thing“-Bewegung sind und irgendwo versteckt einen „purity ring“ tragen, so wird diese eigentlich interessante Spezies häufig so abwegig dargestellt, dass sich der selige Bram Stoker noch vor der Fertigstellung von „Dracula“ mit den Worten:“Das hab´ ich nicht gewollt!“, freiwillig einen Pflock ins Herz gerammt hätte, wenn er davon gewusst hätte. Und auch wenn ich nach wie vor gerne Fantasy lese, muss ich im Bereich der Vampire sagen: „Ich bin zu alt…!“

So wie in diesen beiden von mir sehr geschätzten Genres verhält es sich in den letzten Jahren auch bei den Thrillern – nur mit dem Unterschied, dass ich keinen unmittelbar Schuldigen ausmachen kann. Dennoch ist meiner Meinung nach zu beobachten, dass man bei den Thrillern weggegangen ist von atmosphärischen Handlungen mit psychologischer Spannung. Diese hat man weitgehend ersetzt durch stumpfe und möglichst blutige Gewaltorgien. Und „Deathbook“ fügt sich in diese Entwicklung nahtlos ein.

Wobei es durchaus Dinge gab, die mir an diesem Buch gefallen haben. Winkelmann hat einen sehr angenehm und flüssig zu lesenden Schreibstil und auch die Handlung ist zumindest semi-spannend, bei aller Kritik, zu der ich nun komme.

Es gibt eine ganze Menge Dinge, die mich an diesem Buch stören. Da wäre zum Einen der fahle Anstrich des Pseudo-Realismus, den Winkelmann seinem Buch gibt, indem er selbst als Hauptfigur agiert. Andere Rezensenten halten diesen Ansatz für innovativ… Njaaa… Mir stellte sich da eher die Frage, warum man so etwas als Autor tut?! Gut, es gibt ihm die Möglichkeit, diverse Male auf seine anderen Werke hinzuweisen, marketingtechnisch klug also. Aber trotzdem…

Darüber hinaus stört mich der oben schon erwähnte Gewaltgrad deutlich. Im Laufe seiner Ermittlungen stößt der Autor Winkelmann auf die Website „Deathbook“ auf der Videos von Menschen bei ihrem realen – und erzwungenen – Ableben zu sehen sind. Diese Videos werden im Detail beschrieben. Da ich nicht unnötig spoilern will nur soviel: Man nehme ein junges Mädchen, einen Eisblock, einen Strick und mehrere helle, Wärme produzierende Scheinwerfer. Den Versuchsaufbau und weiteren Vorgang überlasse ich Eurer Phantasie. Jawohl, mit „ph“!

Die detaillierte Beschreibung dieser Videos würde mich weniger stören, wenn „Deathbook“ etwas anderes hätte, was es dauerhaft trägt. Aber die Handlung ist, wie bereits erwähnt, semi-spannend und besonders neue Erkenntnisse nimmt man aus Winkelmanns Szenario auch nicht mit. Dass das Internet gefährlich sein kann, ist jedem klar, der PC nicht nur mit political correctness in Verbindung bringt und der das Internet allgemein nicht für Neuland hält. Und dass die Justizbehörden den Internetnutzer nicht schützen können, weiß man auch nicht erst, seit man den ungemein souveränen Umgang unseres Justizministers mit Facebook und den dortigen Hasskommentaren gesehen hat. Hasskommentare von Leuten, die sich dann auch noch auf die falsch oder gar nicht verstandene Meinungsfreiheit berufen – aber das ist ein anderes Thema.

Letztlich wird „Deathbook“ das erste und letzte Buch gewesen sein, das ich von Andreas Winkelmann gelesen habe, was ihn hoffentlich genau so wenig stört wie mich. Verschweigen möchte ich aber nicht die Lobeshymnen anderer Rezensenten auf dieses Buch, die mir aber zugegebenermaßen einen Schauer über den Rücken laufen ließen – und keinen wohligen. Sei´s drum, dann stehe mit meiner Meinung also möglicherweise ziemlich alleine da. Ich fühle mich dabei aber ganz wohl, denn: „Ich bin zu alt…!“

Gesamtwertung:

Handlung: 2,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Spannung: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Welt in Flammen“ von Benjamin Montferat.

 

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3 Kommentare zu „„Deathbook“ von Andreas Winkelmann – Der Murtagh-Effekt

  1. Ich habe angefangen, den Beitrag zu überfliegen. Dann las ich was von Protagonist mit Namen des Autors und las genauer. Und bei „Black Dagger“, das du in die Nähe von von Black and Decker rückst, hattest du mich. Es gibt eben nichts schöneres als einen zünftigen Verriss. 🙂 Tut mir leid, dass es so schlecht für dich ausgegangen ist, die Besprechung hat Spaß gemacht.

    P.S.: Ich denke bei Black Dagger ja an Produkte aus Fachgeschäften für Ehehygiene.

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank! Ich halte mich bei solchen Büchern einfach mit der Erkenntnis von J.J. Osborne über Wasser: „Auch das schlechteste Buch hat eine gute Seite – die letzte!“ 😉

      Was für ein fürchterliches Wort ist eigentlich „Ehehygiene“? 😉

      Gefällt 1 Person

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