„Rapunzelgrab“ von Judith Merchant – Märchenmord

Buch: „Rapunzelgrab“ (2015)

Autorin: Judith Merchant

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 409 Seiten

Die Autorin: Judith Merchant ist eine 1976 in Bonn geborene Krimi-Autorin. Merchant studierte Literaturwissenschaft an den Universitäten Bonn und Münster. Bereits während der Vorbereitung ihrer Doktorarbeit verfasste sie erste Kurzgeschichten und wurde dafür zweimal mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.

Ihre Krimi-Reihe rund um den Polizisten Jan Seidel begann 2011 mit „Nibelungenmord“ und wurde 2012 mit „Loreley singt nicht mehr“ fortgesetzt. „Rapunzelgrab“ ist der dritte Teil dieser Serie.

Im Jahr 2014 erschien ihr erster psychologischer Spannungsroman „Die Lügen jener Nacht“.

Merchant arbeitet an der Universität Bonn als Dozentin für Literaturwissenschaft und lebt in Königswinter bei Bonn.

Das Buch: Der Bestsellerautor und Shooting-Star der deutschen Literaturszene, Niklas Schreck, liest im Hexenturm von Rheinbach aus seinem Roman „Rapunzelmord“ vor.

Am Morgen nach der Lesung wird am Fuße des Turmes die 25 Jahre alte Liane Riefers tot aufgefunden. Der Kopf der jungen Frau ist kahlgeschoren, sie trägt eine Perücke mit langen blonden Zöpfen. Der ermittelnde Komissar Jan Seidel fühlt sich an das Märchen Rapunzel erinnert. Er beginnt, zusammen mit seiner Kollegin Elena Vogt, im Umfeld der Ermordeten zu ermitteln.

Und an Verdächtigen mangelt es nicht: Lianes Ex-Freund Benedict käme in Frage, ist allerdings spurlos verschwunden. Ihre Mutter erscheint den Ermittlern ebenfalls suspekt, nimmt sie den Verlust ihrer Tochter doch so teilnahmslos entgegen. Oder ist Lianes Mörder vielleicht im Umfeld des Rheinbacher Literaturzirkels zu finden, einer Vereinigung Literaturbegeisterter, der auch Liane und ihr Ex-Freund angehörte und die die Lesung organisiert hat?

Vielleicht Ruth Grosche, Leiterin des Literaturzirkels und einziges Mitglied, das nicht selbst Text verfasst? Oder die Krimi-Autorin Nessi? Vielleicht aber auch der Deutschlehrer Johannes?

Oder hat gar der Bestseller-Autor Schreck selbst, oder sein Agent Walli, etwas mit der Bluttat zu tun?

Um den Fall zu lösen, müssen sich die Beamten intensiv mit Liane Riefers´ Vergangenheit beschäftigen.

Fazit: Es gibt gleich drei Gründe, die aus meiner Sicht dafür sprachen, mich mit „Rapunzelgrab“ auseinanderzusetzen.

Erstens war ich der Meinung, dass mir ein Ausflug ins Krimi-Genre mal wieder ganz gut tun würde, gehörten einige der zuletzt von mir renzensierten Bücher schließlich doch eher zu der Kategorie“ schwer zugänglich“. Zweitens urteilt der Berliner Kurier, dieses Buch beinhalte „Hochspannung, die ohne blutiges Gemetzel und Haudrauf auskommt!“. Und wer öfter etwas von mir liest, weiß, dass mir die stetig ansteigende Gewaltspirale in der aktuellen Spannungsliteratur, in der immer bizarrere Serienmörder auf immer blutigere Art und Weise töten, ziemlich zuwider ist.

Und drittens hat eine wirklich ganz zauberhafte Person und sehr geschätzte Leserin meines Blogs eine hohe Affinität zu Märchen. Und Rapunzel passt in dem Zusammenhang auch irgendwie gerade. Insofern hatte ich also keinen guten Grund, an diesem Buch einfach so vorbeizugehen, was im Nachhinein ein guter Entschluss war.

Über „Rapunzelgrab“ kann ich eigentlich nur Gutes sagen. Da ist zum Einen der Schreibstil. Mal recht elegant, mal bissig, aber immer flüssig und gut zu lesen. Darüber hinaus schafft es die Autorin, dass es für den Leser nicht den geringsten Nachteil bedeutet, die zwei ersten Romane ihrer Reihe nicht gelesen zu haben.

Auch die Charaktere konnten mich durch die Bank überzeugen. Als besonders wohltuend empfand ich es, mal einen recht jungen Komissar mit ungewöhnlicher Lebenssituation als Protagonisten zu haben. Meine Meinung über desillusionierte und alkoholkranke Ermittler aus skandinavischen Krimis habe ich anderer Stelle ja schon zur Genüge geäußert…

Auf Seiten der Verdächtigen finden sich ganz wunderbare skurrile Figuren, seien es der Deutschlehrer Johannes, der eigentlich eine, seiner Meinung nach, ganz großartige Idee für einen Roman hat, der aber Angst vor der eigenen Courage – und ein bisschen vor seiner Frau – hat, wenn es an dessen Umsetzung geht. Oder Lianes Ex-Freund, der zu Hause zur Körperertüchtigung mit einem Bat´leth herumfuchtelt. Für die Nicht-Trekkies unter Euch: Ein klingonisches Schwert. Oder eben auch der Bestsellerautor Schreck, der dermaßen egozentrisch und manipulativ ist, dass er so richtig schön unsympathisch wirkt. Ich meine, hey, dieser Mann bekommt einen Tobsuchtsanfall, mit anschließendem Alkoholexzess, als ihm auffällt, dass er – nach 60 Wochen wohlgemerkt – nicht mehr in der Spiegel-Bestsellerliste vertreten ist!

Auch inhaltlich bietet „Rapunzelgrab“ einiges. Die Autorin legt raffinierte falsche Fährten aus, was dem Leser das Mitraten erheblich und erfreulich erschwert. Ich jedenfalls lag weit daneben und hatte deshalb bei der Auflösung so ein Gefühl von: „Nein!“ „Doch!“ „Ooooh!“ 😉 Neben der eigentlichen Krimihandlung beinhaltet das Buch außerdem einen interessanten Einblick, sowie den ein oder anderen Seitenhieb, in bzw. auf den modernen Literaturbetrieb. Nach der Schilderung des Hauens und Stechens und der Ellbogenmentalität in diesem Geschäft hätte ich meine literarischen Ambitionen wohl frustiert ad acta gelegt, so ich denn je welche gehabt hätte.

Abschließend gesagt, wer Krimis mit nicht ganz stromlinienförmigen Figuren mag, die inhaltlich ein wenig über simple Mörderhatz hinausgehen, dürfte bei „Rapunzelmord“ bestens bedient sein. Auch wenn das namensgebende Märchen inhaltlich eher weniger vorkommt.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der dunkle Wächter“ von Carlos Ruiz Zafón. Zafón geht immer! 😉

 

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Ein Kommentar zu „„Rapunzelgrab“ von Judith Merchant – Märchenmord

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