„Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier – Der schwarze Hund

Buch: „Zwei Herren am Strand“ (2014)

Autor: Michael Köhlmeier

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 254 Seiten

Der Autor: Michael Köhlmann ist ein 1949 in Hard, Vorarlberg, geborener österreichischer Schriftsteller.

Bereits während seines Studiums der Politikwissenschaft und Germanistik in Marburg bzw. der Mathematik und Philosophie in Frankfurt am Main wurde er durch Hörspiele im Österreichischen Rundfunk sowie durch kurze Prosatexte bekannt.

Seit Anfang der 70er Jahre entstanden zahlreiche Prosatexte, Theaterstücke, Hörspiele, Hörbücher und Drehbücher. Auch musikalisch betätigt sich der Autor, unter anderem als Texter und – schon seit 1972 – als eine Hälfte des Duos „Bilgeri & Köhlmeier“.

Für sein Werk bekam Köhlmann bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen, so schaffte es sein Roman „Zwei Herren am Strand“ in die Longlist beim „Deutschen Buchpreis“ 2014.

Der Autor lebt als freier Schriftsteller in Hohenems und Wien.

Das Buch: In einer unbekannten deutschen Stadt wächst der Erzähler behütet auf. In seinem fünften Lebensjahr verstirbt jedoch seine Mutter. Sein Vater beginnt daraufhin, unmäßig zu trinken. Erst als das Kind dem Vater nach einem weiteren Alkoholexzess verkündet, es wolle nicht mehr leben, beendet der Vater schlagartig seine Trinkerei und versucht, seinen Kummer anderweitig zu verarbeiten. Er will sich mit der Arbeit an einem großen Projekt ablenken, einer Biografie über Winston Churchill.

In seiner Jugend wollte der Senior eigentlich Geschichte studieren, der Zweite Weltkrieg verhinderte dies. Nun aber, in der Zeit seiner größten Trauer, betätigt er sich begeistert als Freizeit-Historiker.

Nach dem Tod des Vaters gelangt der Sohn in den Besitz eines Briefwechsels zwischen William Knott, seines Zeichens Privatsekretär von Winston Churchill, und seinem Vater. In über 1.000 Briefen schildert Knott unter anderem die Freundschaft zwischen Churchill und Charlie Chaplin. Diese beiden Berühmtheiten des 20. Jahrhunderts trafen sich nach Knotts Informationen regelmäßig, allerdings ausschließlich um über ihre Depressionen und ihre Gedanken zum Suizid zu sprechen.

Nach Knotts Informationen zeichnet der Erzähler den Lebensweg und die Freundschaft der beiden Größen von ihrem ersten Kennenlernen, Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, bis ins Jahr 1940 nach.

Fazit: Nun denn, liebe Leser und Innen, reden war mal über Depressionen! Ha, ich kann förmlich hören, wie meine Leserschaft jetzt den Rechner runterfährt, den Raum verlässt, so etwas sagt wie:“Näää, davon will ich nix wissen! Näää, damit kenne ich mich nicht aus!“ und wie dann die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt. Rumms!

Und in der Tat scheint es heute immer noch ein Problem damit zu geben, angemessen über dieses Thema zu reden. Würde man in einem Gespräch erwähnen,  man sei an der sogenannten „Maul- und Klauenseuche“ erkrankt, dann würde einem gute Besserung gewünscht. Je nach Unwissenheitsgrad des Gesprächspartners würde man vielleicht sogar noch arglos zum Kaffee eingeladen werden… Murmelt man allerdings resigniert irgendwas von „Depression“, setzt beim Gesprächspartner zeitnah der natürliche Fluchtreflex ein.

Diesen Eindruck hat in Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“ auch Winston Churchill. „Er hatte in seinem an Freunden so reichen Leben bisher nicht einen getroffen, mit dem er über dieses Thema hätte sprechen können.“, heißt es da auf Seite 29. Dann jedoch trifft er 1927 auf Charlie Chaplin. Mit ihm kann er reden. „Ich höre Ihnen zu und wenn Sie wünschen, dass ich eine Meinung abgebe, genieren sie sich nicht, es mir zu sagen.“ sagt Chaplin auf Seite 31. Denn auch ihm, Chaplin, ist das Problem der Depression nicht unbekannt. Beide Berühmtheiten überfällt von Zeit zu Zeit „der schwarze Hund“, wie sie die Depression nennen.

Beide schließen den Pakt, sich in Zukunft regelmäßig wieder zu treffen, um über ihre Erkrankung zu sprechen. Darüber hinaus schwören sie sich, dass der Eine sofort alles stehen und liegen lässt und dem Anderen zur Hilfe eilt, sollte der mal wieder unter dem „schwarzen Hund“ leiden.

Nun wäre es vermutlich ein eher schwermütiges Buch geworden, wenn sich Köhlmeier ausschließlich mit diesem Thema befasst hätte. Aber Churchills und Chaplins Probleme mit dem „schwarzen Hund“ bilden eigentlich eher den thematischen Untergrund auf dem der Autor die Lebensgeschichte der beiden über einen Zeitraum von mehr als 13 Jahren schildert. Und er tut das auf eine, wie ich finde, sprachlich und erzählerisch sehr schöne Art und Weise. Manchmal hatte ich als Leser das Gefühl, Herrn Köhlmeier sei zwischenzeitlich der rote Faden abhanden gekommen, aber gut unterhalten hat mich „Zwei Männer am Strand“ durchgehend.

Normalerweise schätze ich es bei historischen Romanen, wenn sich der Autor um eine höchstmögliche historische Korrektheit bemüht und die Fakten nur dann abändert, wenn es seinem Roman dienlich ist. Darüber hinaus lese ich historische Romane gerne unter Dauerverwendung einer Internetsuchmaschine mit G am Anfang, um nachzuvollziehen, inwieweit sich der Autor um besagte historische Korrektheit bemüht hat. Diese Vorgehensweise habe ich bei Köhlmanns „Zwei Männer am Strand“ allerdings schnell wieder aufgegeben, zu sehr vermischt der Autor im Fabulierrausch Wahrheit und Fiktion, als dass es noch Vergnügen bereiten würde, zu überprüfen, wahr und was fiktiv ist. Es ist für die Wirkung des Buches auch unerheblich.

Letztlich habe ich dann beschlossen, das Buch aus diesem Grund auch nicht als historischen Roman anzusehen – das steht auch nicht drauf – sondern als das was es ist: Ein erzählerisch und sprachlich ausgesprochen gelungenes Stück Fabulierkunst.

Nur eines bietet der Roman nicht: Wirkliche Hilfe oder Ratschläge zum Thema Depression und dem Umgang mit selbiger. Nun habe ich das zweifelhafte Glück, dass es, wenn mich der „schwarze Hund“ anfällt – und dieses Drecksbiest taucht mit Vorliebe in Wintermonaten auf, beißt sich ohne Vorwarnung fest und verweilt ein bisschen –  sich dabei im Normalfall eher um ein „schwarzes Hündchen“ handelt. Das äußert sich allenfalls im Stimmungstief und Schlafschwierigkeiten, eine existenzielle Krise bekomme ich glücklicherweise nicht.

Aber dieses zweifelhafte Glück haben ja nun auch nicht alle. Wer also massiver unter dem oben genannten Drecksbiest zu leiden hat, dem sei der Besuch beim Hausarzt empfohlen, die wissen im Allgemeinen ganz gut weiter. Alternativ kann man sich auch hier ein bisschen schlau machen:

www.deutsche-depressionshilfe.de

Der Tipp, sich schlau zu machen, gilt im Übrigen ausdrücklich auch für die, die nicht unmittelbar davon betroffen sind, sondern die an Depression erkrankte Menschen in ihrem Umfeld haben. Nur damit bald niemand mehr sagen kann:“Näää, davon will ich nix wissen! Näää, damit kenne ich mich nicht aus!“

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,67 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Es gibt gleich zwei gute Gründe, sich demnächst mit dem Buch „Rapunzelgrab“ von Judith Merchant zu beschäftigen. Welche das sind, erfährt die geneigte Leserschaft in der bald folgenden Rezension dazu.

 

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7 Kommentare zu „„Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier – Der schwarze Hund

  1. Du hast eine tolle Art Bücher zu besprechen „begeistert guck“

    Ich lese immer noch Abendland vom Köhlmeier, das ist noch faszinierender als sein neues!

    Aber das kommt auch noch dran, je besser ein Buch, desto langsamer genieße ich es 🙂

    Liebe Junigrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, vielen Dank! Nun ja, ich habe bessere und schlechtere Rezensionen, gebe aber ganz unbescheiden zu, dass ich diese auch zu den besseren zähle! 😉 Von Köhlmeier habe ich noch „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ hier liegen – aber das ist schon sehr, sehr lang, dieses Buch. 😉

      Ganz liebe Junigrüße zurück!

      F.

      Gefällt 1 Person

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