„Subs“ von Thor Kunkel – Spätrömische Dekadenz

Buch: „Subs“ (2013)

Autor: Thor Kunkel

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 462 Seiten

Der Autor: Thor Kunkel ist ein 1963 in Frankfurt a. M. geborener deutscher Schriftsteller.

Nach seinem Abitur und einem Studium an einer Kunsthochschule ging Kunkel nach San Francisco, um einen Kurs in „Creative Script Writing“ zu belegen. Nach seiner Rückkehr war er einige Zeit in der Werbe-Branche tätig, auch während mehrjähriger Aufenthalte in London und Amsterdam war er in diesem Bereich tätig.

Seine literarische Karriere begann Kunkel 2000 mit der Veröffentlichung seines Debüt-Romans „Das Schwarzlicht-Terrarium“, ausgezeichnet mit dem Ernst-Willner-Preis.

Besonderes Aufsehen erregte der Autor 2004 mit seinem Roman „Endstufe“, der den Handel mit pornografischen Filmen während der NS-Zeit thematisiert. Mittlerweile veröffentlichte Kunkel neun Romane, sowie mehrere Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays und Hörspiele.

Der Autor lebt in der Schweiz.

Das Buch: Claus und Evelyn Müller-Dodt, er Schönheitschirurg, sie Anwältin, leben in finanzieller Sicherheit in einer großen Villa, fernab von Nachbarn und sonstigen Störungen. Das geruhsame Leben der beiden wird empfindlich gestört, als  ihre Putzfrau von heute auf morgen das Weite sucht. Die Wohnräume verkommen immer mehr und auch der Kühlschrank füllt sich nicht von alleine.

Deshalb schaltet Claus eine Zeitungsannonce, in der er augenzwinkernd Sklaven für die Müller-Dodt´sche Villa sucht. Er traut seinen Augen kaum, als auf diese Anzeige hin tatsächlich Bewerbungen eintreffen. Nachdem die Bewerber aus der BDSM-Szene aussortiert sind, bleiben zwei übrig: Lana und Bartos.

Das Ehepaar bittet beide zum Bewerbungsgespräch. In diesem kann Bartos fundiert erläutern, warum er sich eine Zukunft als Sklave durchaus vorstellen kann. „Wer jemals im Prekariat dieser Republik für einen Euro am Tag vor sich hin krampfen musste, wird sich nichts sehnlicher wünschen.“, sagt er. (S. 39)

Claus und Evelyn stellen beide ein, Lana kümmert sich um den Haushalt, Bartos ist für das Grundstück sowie den Papierkram zutändig. Fortan leben in der Einliegerwohnung der Villa also Sklaven. Und nachdem Bartos den Vorschlag für den Bau eines Swimmingpools macht, den Evelyn und Claus begeistert aufgreifen, kommen nach kurzer Zeit noch dutzendfach weitere Sklaven hinzu: Bartos holt sich osteuropäische Wanderarbeiter, die für die nähere Zukunft auf dem Grundstück der Villa wohnen – und die mit ihrem Status als Sklaven durchaus kein Problem haben.

Schließlich meldet sich jedoch Evelyns Gewissen. Ist es wirklich moralisch vertretbar, was sie und ihr Mann da tun? Geht es den Sklaven auf ihrem Grundstück tatsächlich besser als in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen mit dauernder Existenzangst? Claus dagegen ist weiterhin vollkommen begeistert von seinem Status als Sklavenhalter. Außerdem hat er ein Auge auf die junge und schöne Lana geworfen. Die Ehe der Müller-Dodts gerät in eine tiefe Krise.

Fazit: Auf die Frage nach mehr oder weniger Sozialstaat antwortete FDP-Politiker Westerwelle 2010 mit dem legendären Satz: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“ Dieser Satz ist eigentlich so weltfremd und an Widerlichkeit nicht zu überbieten, dass es nicht verwundern mag, dass ich seinerzeit mit Wut, Fassungslosigkeit, spontanem Bluthochdruck und Schnappatmung auf diese Äußerung reagiert habe. Gerne hätte ich damals Herrn Westerwelle eingeladen, um ihm mal zu demonstrieren, wie diese „spätrömische Dekadenz“ mit ALG II denn so aussieht. Ebenfalls gerne hätte ich die Gelassenheit von Heiner Geißler gehabt, der daraufhin sagte: „Die spätrömische Dekadenz bestand darin, dass die Reichen nach ihren Fressgelagen sich in Eselsmilch gebadet haben und der Kaiser Caligula einen Esel zum Konsul ernannt hat. Insofern stimmt Westerwelles Vergleich: Vor 100 Tagen ist ein Esel Bundesaußeminister geworden.“ 😉

Was diese spätrömische Dekadenz wirklich bedeutet, kann der Leser von „Subs“ gut am Beispiel der Müller-Dodts beobachten. Beide sind gut situiert, haben also keinerlei finanzielle Sorgen oder gar Existenzängste. Allerdings leben sie weitgehend aneinander vorbei, langweilen sich zu Tode und versuchen die empfundene Leere im Leben zu füllen indem sie viel Geld für unnützen oder exotischen Tand auszugeben. So hat Claus im Keller des Hauses eine große Sammlung an Schlangen sowie einen Alligator untergebracht.

Mit dem Reichtum geht aber auch ein eindeutiger Mangel an Sozialkompetenz einher. Die beiden reden sich ihr Experiment mit den Sklaven lange Zeit schön, auch Evelyn, die von Zeit zu Zeit Einwände dagegen vorbringt, genießt letzten Endes doch lieber die Vorteile ihrer Sklaven – sich den ganzen Tag bedienen und verwöhnen zu lassen.

Erst im Laufe der Geschichte machen beide eine Wandlung durch und sie beginnen, an ihrem Vorgehen zu zweifeln. Diese Zweifel lässt sie der Autor in Form von Monologen zur Lage in der Welt, in langen Gedankenpassagen oder in Briefen äußern. In diesen Momenten wird am deutlichsten, wie sehr „Subs“ doch eine satirische Gesellschaftskritik ist. Und diese Momente haben mir dann auch am besten gefallen, enthalten sie doch unzählige Sätze, die sich zu zitieren lohnte. Aber dazu später.

Abgesehen von der oben erwähnten „Vom-Saulus-zum-Paulus-Wandlung“ sind die Charaktere in „Subs“ meiner Meinung nach allerdings nicht sonderlich detailliert ausgearbeitet und bleiben eher blass.

Punkte macht Kunkel bei mir eher mit seinem Stil. Dabei war das Buch nicht einfach zu lesen, es ist also nicht gerade etwas, das ich empfehlen würde, wenn man sich mal zwei Stunden unter möglichst geringer Hirnnutzung entspannen möchte. Aber schreiben, das kann er, der Herr Kunkel.

Inhaltlich kann ich ihm ebenfalls wenig vorwerfen. Gut, „Subs“ besitzt zwar einen etwas flacheren Spannungsbogen als ein beliebiger Mord-und-Todschlag-Thriller, aber das Hauptaugenmerk liegt eben auch nicht zwingend in der Spannung, sondern in der geäußerten Gesellschaftskritik. Und diese äußert der Autor über seine Figuren so schonungslos, dass mir dabei manchmal etwas unwohl wurde. Wer z. B. glaubt, Sklaverei – auch und gerade in Europa – hätte sich vollumfänglich erledigt, der wird schon von den Kapitelanfängen eines Besseren belehrt. An einigen dieser Anfänge sind Auszüge aus Zeitungen der letzten Jahre abgedruckt, die sich mit Sklaverei befassen. Auf die Art efährt man unter anderem, dass die Anzahl versklavter Menschen in den Industrie-Nationen im Jahre 2009 weltweit auf 27 Millionen geschätzt wurde!

Wem der Sinn nach kurzweiliger seichter Unterhaltung steht – was nichts Schlechtes ist – dem sei von „Subs“ abgeraten. Wer aber Bücher verträgt, bei denen man Dinge erfährt, die man lieber nicht gewusst hätte und die etwas schwerer zugänglich sind, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen, es lohnt sich.

Am Ende so mancher Rezension neige ich dazu, ein oder zwei Sätze aus dem Buch zu zitieren, die mir besonders gut gefallen haben. Ein Buch wie dieses bietet sich dafür natürlich wieder mal an. Dabei habe ich mir soviel Sätze angestrichen, dass ich die unmöglich aller wiedergeben kann, sonst bekomme ich Schwierigkeiten mit Herrn Kunkel. Gut gefallen hat mir zum Beispiel: „Reich und anständig sein, das geht nicht zusammen.“ (S. 355) Besser gefallen hat mir: „Wir sind in einer Kultur eingeschlafen und auf einem Marktplatz erwacht.“ (S.376) Der Satz des Buches ist und bleibt für mich aber:“Betrachten wir einmal die heutige Kultur im mitteleuopäischen Raum: Die Wesenzüge beruhen auf Egoismus, Materialismus und Menschenverachtung.“ (S. 440)

Wer sich von der Richtigkeit der letztgenannten Behauptung überzeugen möchte, muss nur mal eine aktuelle Nachrichtensendung im Fernsehen verfolgen…

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 6 von 10 Punkten

Anspruch: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,875 von 10 Punkten

Demnächt in diesem Blog: „Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier.

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