„Der beste Roman des Jahres“ von Edward St Aubyn – One becomes a critic when one cannot be an artist…

Buch: „Der beste Roman des Jahres“ (2016)

Autor: Edward St Aubyn

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 253 Seiten

Der Autor: Edward St Aubyn ist ein 1960 geborener britischer Journalist und Autor. Er wuchs in einer der bekanntesten Familien des britischen Adels auf. St Aubyn absolvierte die Westminster School und später das Keble College.

Seine Herkunft schützte den jungen Edward allerdings nicht vor einer mehr als schwierigen Kindheit. Er wurde von seinem Vater bis zu seinem achten Lebensjahr körperlich misshandelt und sexuell missbraucht. Schon zu seiner Schulzeit „rettete“ er sich vor diesen Erlebnissen in die Drogensucht.

Mit 28 Jahren schloss St Aubyn mit sich selbst einen Pakt: Sollte es ihm nicht gelingen, ein Buch zu veröffentlichen, würde er sich umbringen. Nun, glücklicherweise gelang es ihm. 1992 erschien sein autobiografischer Roman „Schöne Verhältnisse“ in dem er die Erlebnisse aus seiner Kindheit durch seine Romanfigur  Patrick Melrose verarbeitet. Es brauchte weitere vier dieser „Melrose-Bücher“,  bis der Autor zu der Erkenntnis gelangte, nunmehr vollends mit seiner Vergangenheit abgeschlossen zu haben.

Seitdem widmet er sich in seinen Büchern auch schon mal heiteren Themen, so wie in „Der beste Roman des Jahres“.

Das Buch: Alljährlich wird der begehrte Elysia-Preis vergeben, ein von der Elysia-Group, einem weltweit tätigen Agrar-Konzern, ausgelobter Literaturpreis. Den Vorsitz der diesjährigen Jury hat Malcolm Craig inne, ein britischer Politiker der Kategorie „Hinterbänkler“ mit einem Hang zu Schottlands Unabhängigkeit. An seine Seite rücken als weitere Jury-Mitglieder die bekannte Kolumnistin Jo Cross, die zweitklassige Autorin Penny Feathers, der Schauspieler Tobias Benedict, sowie Vanessa Shaw, Expertin für Literaturgeschichte.

Sie haben die Aufgabe, aus über 200 Buchvorschlägen erst eine Longlist, dann eine Shortlist und schließlich den Gewinner des Elysia-Preises herauszufiltern. Alle haben dabei ganz unterschiedliche Meinungen und Beweggründe, warum sie nun ganz besonders diesen oder jenen Roman siegen sehen wollen. Das macht die Arbeit der Jury nicht gerade einfach.

Aber auch auf Seiten der verzweifelt auf Ruhm hoffenden Autoren geht es drunter und drüber. Da werden Bündnisse ge- und wieder entknüpft, erotische Eskapaden eingegangen und da wird vor sich hin monologisiert.

Letztlich fällt die Jury eine überraschende Entscheidung.

Fazit: Das in der Überschrift verwendete Zitat wird Gustave Flaubert („Madame Bovary“) zugeschrieben und es erklärt sehr anschaulich, warum ich über Bücher schreibe, anstatt selbst welche zu verfassen. Es erklärt aber auch ganz anschaulich die Irrungen und Wirrungen, die die Jury des Elysia-Preises auf dem Weg zu einer Entscheidungsfindung durchmachen muss.

Diese Jury setzt sich zu großen Teilen aus Menschen zusammen, die keine sonderlich große literarische Fachkenntnis aufweisen. Das wiederum würden sie jedoch nie zugeben. Nur so konnte es im Laufe des Entscheidungsprozesses beispielsweise passieren, dass ein irrtümlich eingereichtes Kochbuch ernsthaft als qualitativ hochwertiger Roman eingestuft wird. Lediglich Vanessa Shaw stellt fest: „Das ist kein Roman, das ist ein Kochbuch.“, nachdem ihr vorgeworfen wurde: „Es überrascht mich, dass du die Qualitäten nicht erkennst. Du behauptest, du seist Expertin für Gegenwartsliteratur, und dann wirst du mit einerm spielerischen, postmodernen, multimedialen Meisterwerk konfrontiert und leugnest ganz naiv, dass es sich dabei um einen Roman handelt.“ (s. 139)

Auch auf Seiten der Autoren läuft nicht alles wie gewünscht. Sam Black zum Beispiel möchte eigentlich ganz andere Bücher schreiben, hat mit den entsprechenden Manuskripten aber keinen Erfolg, so dass er sich genötigt sieht, etwas Massenkompatibleres zu verfassen und durch einen möglichen Preisgewinn doch noch die Gelegenheit zu bekommen, seine eigentlichen Werke zu veröffentlichen.

Katherine Burns wiederum wirft sich von einer Liebschaft in die nächste, nur um den neuen Lover dann wieder zu verlassen, bevor sie selbst verlassen werden kann. Auch wenn sie eigentlich todunglücklich ist, so macht sie sich wenigstens Hoffnung auf den Elysia-Preis. Zumindest so lange, bis ihr Agent versehentlich ihren Roman nicht bei der Jury einreicht, stattdessen aber oben erwähntes Kochbuch…

Didier Leroux darf als Franzose gar nicht teilnehmen, seine Rolle beschränkt sich darauf, seitenweise zu schwafeln und Dinge zu sagen wie: „…genau wie die Matrix des Syntax hinter allem steht, was die Banalität des semantischen Korpus ausmacht – immer bereit, ihn in den Skandal von Exzess und Übertretung der Utilität zu transformieren, den wir Kunst nennen.“ (S. 247) Ja, oder so…

Vervollständigt wird die Reihe vom Inder Sonny, aufgewachsen als indischer Adliger im sprichwörtlichen Elfenbeinturm, der von sich und seinem Werk „Der Maulbeerelefant“ – mit etwa dem doppelten Umfang von „Krieg und Frieden“ – derart überzeugt ist, den Preis zu gewinnen, dass er sich mit möglichen Alternativen gar nicht erst befasst. Er erinnert in seiner ganzen Art ein wenig an Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“.

Diese ganzen handelnden Personen wirft der Autor in eine Handlung, die erschreckend ereignislos ist. Der Jury-Handlungsstrang konzentriert sich eben auf das Auswahlverfahren, der Autoren-Handlungsstrang konzentriert sich irgendwann primär nur noch auf die Frage, mit wem und warum Katherine Burns nun wieder ins Bett springt. Aufregend ist das alles nicht.

Aber schließlich hat St Aubyn auch keinen Thriller geschrieben, sondern eine Satire, eine Persiflage auf den Literaturbetrieb. Und als solche funktioniert das Buch durchaus. Auch wenn er selbst behauptet, bei „Der beste Roman des Jahres“ handele es sich um eine Komödie. Das sehe ich anders. Und ich würde auch dem Rezensenten der FAZ (ohoo!) widersprechen, wenn er behauptet, das Buch sei „glänzend geschrieben, sehr komisch und höchst unterhaltsam“. Glänzend geschrieben stimmt schon, der Stil sucht seinesgleichen, sehr komisch dagegen ist das Buch nun wahrlich nicht, mit Verlaub, Loriot ist komisch, davon ist dieses Buch aber meilenweit entfernt. Und „höchst unterhaltsam“ stimmt auch nur bedingt.

Wer wieder einmal etwas Anspruchsvolleres lesen möchte und sich zudem mit Sätzen wie: „Er lebte, umfangen von einem mentalen Nebel, der religiöser Inbrunst vergleichbar war, in einem spätkapitalistischen Utopia  obligatorischer Permissivität, einem Utopia, das geprägt war von einer deutlichen Neigung zu immer perverseren Bedürfnissen.“(S.33) nicht überfordert sieht, könnte mit „Der beste Roman des Jahres“ vielleicht seinen Spaß haben, andere würden sich damit allerdings möglicherweise langweilen.

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Anspruch: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Gerade einmal sieben aller meiner rezensierten Bücher entstammen dem Fantasy-Genre. Eine Zahl, die angesichts meiner Vorliebe für dieses Genre kaum bis gar nicht erklärbar ist und die unbedingt nach oben korrigiert werden muss. Daher gibt es hier demnächst „Der Hüter des Schwertes“ von Duncan Lay.

 

 

Advertisements

2 Kommentare zu „„Der beste Roman des Jahres“ von Edward St Aubyn – One becomes a critic when one cannot be an artist…

  1. Ja, mit dem Gedanken, mir die Melrose-Serie zuzulegen, habe ich auch gespielt. St Aubyns Stil gefällt mir schon sehr gut.
    Wenn Dir die Serie gefällt, würde ich mich über eine entsprechende Info freuen. Wenn nicht – auch! Dann bewahre ich meine Stapel ungelesener Bücher nämlich lieber davor, noch größer zu werden. 😉

    Und vielen lieben Dank fürs Folgen!

    Gefällt mir

  2. Super Tipp, wenn auch nicht gut für meine Finanzen, ich habe mir jetzt die komplette Melrose Serie gekauft. 😀 Wenn mir das gefällt, werde ich mal nach weiteren Büchern von ihm schauen, Z. B. nach dem, welches du hier vorstellst.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s