„Todesengel“ von Andreas Eschbach – Alles muss man selber machen…

Buch: „Todesengel“ (2015)

Autor: Andreas Eschbach

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 541 Seiten

Der Autor: Andreas Eschbach, 1959 in Ulm geboren, ist ein deutscher Bestseller-Autor. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte aber noch vor seinem Abschluss in die EDV-Branche und war von 1993 bis 1996 geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma.

Bereits während dieser Tätigkeit widmete sich Eschbach der Schriftstellerei. Eine wirklich gute Entscheidung! 1995 erschien sein erster Roman „Die Haarteppichknüpfer“, der mit dem Literaturpreis des Science Fiction-Clubs Deutschland ausgezeichnet wurde. Spätestens mit dem 1998 erschienenen Bestseller „Das Jesus Video“ konnte sich der Autor ausschließlich auf das Schreiben konzentrieren und veröffentlicht seitdem in schöner Regelmäßigkeit weitere Bestseller.

Seit 2003 lebt Eschbach mit seiner Frau in der Bretagne.

Bis 2007 war er über viele Jahre leitender Referent bei Schreibseminaren. Einen Überblick über die ihm während dieser Tätigkeit am häufigsten gestellten Fragen – natürlich inklusive der Antworten – sowie weitere generelle Tipps zum Schreiben finden sich übrigens auf seiner Homepage, was ich persönlich sehr spannend finde. Wer sich also mit dem Gedanken trägt, mal ein Buch zu schreiben, sollte dort nachschauen. Die Tipps eines Bestsellerautors können nicht die schlechtesten sein. 😉

Das Buch: Der Rentner Erich Sassbeck ist auf dem Weg zur U-Bahn. An der Haltestelle angekommen, sind dort gerade zwei Jugendliche damit beschäftigt, eine Sitzbank mittels Fußtritten auseinanderzunehmen. Sassbeck weist die beiden Halbwüchsigen auf ihr Fehlverhalten hin – woraufhin die Jugendlichen nun ihn anstelle der Sitzbank malträtieren. Am Boden liegend und schwer verletzt hat Sassbeck mit seinem Leben bereits abgeschlossen, als plötzlich eine grellweiß gekleidete, leuchtende Gestalt um die Ecke kommt, die beiden Jugendlichen erschießt und wieder verschwindet.

Als Sassbeck wenig später seine Geschichte der Polizei erzählt, sind die Beamten davon natürlich wenig angetan. Denn auf den Bildern der Überwachungskameras der U-Bahn-Haltestelle ist keine weiß leuchtende Gestalt zu erkennen. Daher gerät der Rentner schließlich selbst in das Visier der Ermittler.

Der Journalist Ingo Praise finder jedoch Beweise, die die Geschichte von Erich Sassbeck stützen und veröffentlicht sie. Tatsächlich geht ein weiß gekleideter Rächer in der Stadt um, der Unschuldigen in Gefahr beisteht und die Gewalttäter bestraft. Indem er sie erschießt.

Praise bekommt als Lohn für seine journalistische Tätigkeit den Moderatorenjob bei einer Talkshow. Endlich hat er die Gelegenheit, die Missstände anzuprangern, die ihn schon lange stören: Wieso ist die Polizei nicht in der Lage, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen? Weshalb werden Steuerhinterzieher schlimmer bestraft als Gewalttäter, die ihr Opfer krankhausreif geprügelt haben? Und warum werden Menschen, die sich gegen Attacken zu Wehr setzen, von der Justiz eher verfolgt als die Angreifer? Und letztlich: Ist es in so einer Situation nicht legitim, wenn Menschen Selbstjustiz üben, wenn der Staat doch so offensichtlich mit der Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen, überfordert ist?

Praise singt in seiner Sendung regelrechte Loblieder auf den „Todesengel“, wie der unbekannte Rächer mittlerweile genannt wird. Er ahnt nicht, was für Konsequenzen er damit heraufbeschwört!

Fazit: „Der Nobelpreis“ heißt ein 2005 erschienener Roman von Andreas Eschbach. Noch gar nicht so lange ist es her, als die EU den Friedensnobelpreis bekam, 2012 war das. Weil sie, die EU, mehr als sechs Jahrzehnte entscheidend zum Frieden und der Verbreitung der Demokratie in Europa beigetragen habe, so hieß es sinngemäß in der Begründung des Komitees.

Tja, offensichtlich ist die Demokratie vielerorts in Europa wieder auf dem Rückzug und was den Frieden angeht…

Nun gut, das Komitee hat bei seiner Begründung den Krieg in Jugoslawien in den 90ern entweder großzügig ausgeblendet, Jugoslawien geografisch anders verortet oder das Ganze höchstens als „kriegsähnliche Zustände“ deklariert, die ja kein Krieg sind, wie wir seit Afghanistan wissen.

Und dass seit 2014 in der Ukraine praktisch durchgehend Menschen aufeinander schießen, das konnten die Herren in Stockholm auch noch nicht wissen.

Spätestens aber, als sich abzeichnete, dass sich die EU-Staaten im Hinblick auf eine gesamteuropäische Flüchtlingspolitik nur darin einig sind, dass sie sich uneinig sind, hätte EU-Ratspräsident Barroso eigentlich sämtliche Staats- und Regierungschefs der EU zusammentrommeln müssen, um sie in härene Büßergewänder zu kleiden, in einen vergitterten Ochsenkarren zu sperren – gezogen von Frauke Petry und den Herren Seehofer und de Maizière – und im Rahmen einer riesigen Prozession – 100 Jahre später unter Historikern als „Gang nach Stockholm“ bekannt – nach Stockholm zu pilgern und den 2012 erhaltenen Preis reumütig zurück zu geben.

Alternativ hätte das Komitee auch bei Barroso anrufen können und sagen: „Gib wieder her, das Ding, wir haben uns geirrt!“. Aber o.g. Lösung gefällt mir besser! 😉

Seit diese Einigkeit der Uneinigkeit herrscht, droht auch hierzulande tragischerweise die Stimmung zu kippen. Spätestens seit den Vorkommnissen an diversen Bahnhöfen in der Silvesternacht macht sich in Teilen der Bevölkerung ein – meiner Meinung nach – recht irrationales Gefühl von „Ich fühle mich schon unwohl, wenn ich auf die Straße gehe“ und von „Man kann wirklich nirgendwo mehr hingehen!“ breit, das sich in – meiner Meinung nach – noch viel irrationaleren Hamsterkäufen von Pfefferspray und Elektroschockern äußert, die – wieder nur meiner Meinung nach – viel häufiger zu Unfällen führen werden, als dass sie helfen.

Um dieses Gefühl der Angst in der Bevölkerung – und damit komme ich, nach einer längeren Einleitung, die mir hoffentlich gestattet ist, weil sie einfach mal sein musste, zum vorliegenden Buch – geht es auch in Andreas Eschbachs „Todesengel“. Und um viel mehr als das.

Auch wenn die Bücher von Eschbach zu den wenigen gehören, die ich kaufe,  ohne auch nur durchzulesen, worum es darin geht, muss ich zugeben, diesmal nach dem Kauf etwas skeptisch gewesen zu sein. Der martialische Titel sowie die Buchgestaltung und Klappentext legten die Befürchtung nah, es handele sich um einen Gewaltexzess im Tarantino-Stil, bei dem eine Mischung aus Chuck Norris und Batman durch die Straßen wandert, um böse Buben zu bestrafen. Aber glücklicherweise ist Andreas Eschbach nicht Tom Clancy oder Frederick Forsyth, bei denen wäre es auf ein solches Machwerk hinausgelaufen.

„Todesengel“ ist jedoch glücklicherweise kein Actionthriller. Und auch die Frage nach der Identität des Todesengels rückte für mich immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen konfrontiert der Autor den Leser durch seinen Protagonisten Ingo Praise immer wieder mit spannenden Fragen auf die es keine so wirklich einfachen Antworten geben kann. Praise lädt in seine Sendung Gesprächspartner ein, die Opfer von Gewalttaten wurden und schließlich teilweise selber noch von der Justiz belangt worden. Eschbach bezieht sich an diesen Stellen auf teilweise real existierende Fälle, z. B. den des Studenten, der sich mit einem Messer gegen fünf Angreifer zur Wehr setzt und deshalb zu einer Haftstrafe wegen „unangemessener Notwehr“ verurteilt wird. „Unangemessene Notwehr“… Ja, man darf sich verteidigen, aber man muss dabei sanft sein…

Auch der Umgang der Justiz mit den eigentlichen Gewalttätern wird in Praises Sendung thematisiert. Oft klagen diese über ihre schwere Kindheit – und seien wir mal ehrlich, wir hatten doch alle eine – und werden nur leicht bestraft. Praise vertritt die Meinung, dass man deshalb, also wegen einer schweren Kindheit, noch lange kein Gewalttäter werden müsse, Beweise dafür gibt es unzählige. Und er sieht den Grund für harmlose Bestrafungen auch bei den Richtern: Leichte Strafen erfordern kürzere Begründungen, machen also weniger Arbeit. Außerdem werden seltener Rechtsmittel dagegen eingelegt, es muss also nicht nochmal verhandelt werden – wieder weniger Arbeit. Ziemlich widerlich!

Letztlich spricht sich der Journalist für die durch den Todesengel durchgeführte Selbstjustiz aus, wenn doch die staatliche Gewalt eben nur gegen die Opfer vorgeht und die Täter immer wieder davonkommen lässt. Und irgendwann hatte mich der Autor soweit, dass ich mir die Frage stellte: „Hat er damit nicht irgendwo Recht?“ Nein, hat er natürlich nicht, mit allem nicht. Aber den Leser in seiner Gedankenwelt soweit zu treiben, das schafft auch nicht jeder.

„Todesengel“ gehört zu den Büchern, die den Leser auch nach der Lektüre noch eine Weile beschäftigen. Ein ziemlich fieses Buch. 😉 Jedenfalls, wer schon mal Bücher von Eschbach gelesen und gemocht hat, der kann mehr als bedenkenlos zugreifen. Und wer das bisher nicht getan hat, dem sei gesagt, dass ich das als schwere Wissenslücke werte! 😉

Fazit:

Handlung: 10 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Saubere Verhältnisse“ von Marie Hermanson.

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