„Der Rätselmacher“ von Neal Baer und Jonathan Greene – K.O. in Runde 10

Buch: „Der Rätselmacher“ (2015)

Autoren: Neal Baer und Jonathan Greene

Verlag: blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 448 Seiten

Die Autoren: Neal Bear ist ein 1955 geborener Kinderarzt,  Schriftsteller und Drehbuchautor. Er wuchs in einer Medizinerfamilie auf. Sein Vater war Chirurg, seine beiden Brüder sind es ebenfalls. Bear studierte Soziologie in der Harvard Graduate School of Arts and Sciences, bevor er an die Harvard Medical School wechselte, um Medizin zu studieren.

Bereits während seines Medizinstudiums begann Bear, Drehbücher für die Serie „Emergency Room“ zu verfassen, ingesamt 20 zwischen 1994 und 2000. Anschließend war er viele Jahre als Drehbuchautor und Produktionsleiter der Serie „Law & Order: Special Victims Unit“ tätig. Dort lernte er auch Jonathan Greene kennen.

Informationen über Jonathan Greene zu beschaffen, gestaltete sich schon schwieriger. Benügen wir uns damit, dass er Politikwissenschaft studierte und als Fernsehjournalist und Drehbuchautor tätig ist.

Greene und Bear leben mit ihren jeweiligen Familien in Los Angeles.

Das Buch: Claire Waters ist forensische Psychiaterin und arbeitet im Rahmen eines Forschungsstipendiums im Manhattan State University Hospital. Zu ihren Patientinnen gehört auch Rosa Sanchez. Rosa saß unschuldig im Gefängnis, wurde dort vergewaltigt und wird nun aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung von Claire behandelt.

Als Claire nach einer dieser Therapiesitzungen vom Fenster ihrer Praxis aus sieht, wie Rosa auf der Straße von einem Polizisten in Handschellen abgeführt wird, macht sie sich große Sorgen um ihre Patientin. Ihre Anrufe bei der Polizei vergrößern diese Sorgen noch, denn dort weiß man nichts von einer Verhaftung von Rosa Sanchez.

Claire wendet sich in ihrer Verzweiflung an den Polizeibeamten Nick Lawler vom NYPD, den sie durch einen anderen Kriminalfall während des letzten Jahres kennengelernt hat. Lawler ist aufgrund einer Augenerkrankung eigentlich aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und mit einer Schreibtischtätigkeit versorgt worden, für Claire setzt er dennoch sämtliche Hebel und eine Ermittlung in Bewegung. Mit Erfolg, sofern man dabei von Erfolg sprechen kann. Denn kurz darauf wird Rosa Sanchez tot aufgefunden. Oder, vielmehr das, was von ihr übrig ist. Der Mörder hat sein Opfer gekocht(!), um nur die Knochen zurückzubehalten, die nun gefunden wurden.

Nick Lawler kennt diese Vorgehensweise. Sein Vater, früher ebenfalls als Polizist tätig, hat ihm von einem Fall erzählt, bei dem ein Serienmörder den gleichen „modus operandi“ verwendet hat. Dieser wurde nie gefasst, weil die Ermittlungen genau in die Zeit der Verhaftung von David „Son of Sam“ Berkowitz 1977 fielen, die Medien sich nur damit beschäftigten und die Polizei ohnehin überlastet war. (Jener Berkowitz ist übrigens zu putzigen 365 Jahren Haft verurteilt worden, er wird also etwa im Jahr 2342 entlassen…)

Mit vereinten Kräften versuchen Nick und Claire, den Serienmörder diesmal zu schnappen. Und viel Zeit haben sie dafür nicht, denn bald stellt sich heraus, dass der Täter es auch auf Claire abgesehen hat.

Fazit: Tja, liebe Leser und Innen, wie beschreibt man am besten dieses Buch? Vielleicht folgendermaßen: Kennt Ihr noch den guten, alten Wuschelkopf Bob Ross mit seiner Sendung „The joy of painting“? In dieser Sendung, mittlerweile tragischerweise irgendwo im Nachtprogramm von ARD-alpha verschwunden, zeigte Bob Ross seinen Zuschauern, wie sie auf einfache Art und Weise, ohne jahrelangen Besuch einer Kunsthochschule, in der Lage sein können, selbst schöne Bilder zu malen. Das tat er mit einer ruhigen, sonoren Stimme, die ausgesprochen beruhigend wirkte. Diese Sendung habe ich vor einigen Jahren mit einer ganz zauberhaften Person und wachsender Begeisterung häufig gesehen.

Eine Angewohnheit von Bob Ross war nämlich, dass er immer – IMMER – wenn man meinte, das Bild sei nun eigentlich fertig, irgendetwas in das Bild eingefügt hat, was den Gesamteindruck des entstandenen Werkes nachhaltig beschädigte. Meistens Bäume, mittig im Vordergrund! Sehr, sehr bald riefen besagte zauberhafte Person und ich in dieser Situation immer reflexartig und gleichzeitig: „Und JETZT versaut er´s wieder!“ Daraus ist so eine Art geflügeltes Wort geworden, das sich bis heute gehalten hat. 😉

So, – und da schließt sich der Kreis, liebe Leser und Innen – genau so könnte man „Der Rätselmacher“ beschreiben. Wie ein Fußballspiel, bei dem man sagt, dass man mit dem Unentschieden seines Lieblingsvereins gut leben kann, nur um anschließend Zeuge zu werden, wie der Gegner in der sechsten Minute der Nachspielzeit noch das Siegtor macht. Wie ein Klitschko-Kampf, bei dem man in Runde 10 sagt, dass er den jetzt nicht mehr verlieren kann, nur um unmittelbar darauf mitzuerleben, wie der stattliche Ukrainer mittels eines gigantischen Dampfhammers seines Kontrahten in die Welt der Träume geschickt wird. Genau so ist „Der Rätselmacher“.

Zu Beginn überzeugte mich erstmal die Aufmachung des Buches. Das Layout der Titelseite besteht aus einem QR-Code. Der funktioniert übrigens. Der Klappentext las sich auch spannend. Und Rätsel, Rätsel gehen in Büchern eigentlich immer.

Und über lange Zeit las sich „Der Rätselmacher“ auch recht gut. Da konnte man auch über die eine oder andere Schwäche hinwegsehen, z.B. die Hauptfiguren: Claire ist vom Schicksal arg gebeutelt. In ihrer Kindheit wurde ihre beste Freundin entführt und ist bis heute verschwunden. Darüber kam sie nie so ganz hinweg. Im letzten Jahr musste sie den Tod ihres Verlobten verkraften, der während einer anderen Ermittlung ermordet wurde. Dazu kommen nnoch so ein, zwei Dinge,  die ich nicht erwähnen kann, ohne zu spoilern.

Auch mit Nick meint es das Schicksal nicht gut. Seine Frau hat sich vor einiger Zeit mit Nicks Dienstwaffe das Leben genommen, er zieht seine beiden Töchter jetzt alleine groß. Darüber hinaus leidet er an einer unheilbaren Augenkrankheit, die im Laufe der Zeit zu seiner vollständigen Erblindung führen wird.

Irgendwie ist mir das alles ein bisschen dolle viel Schicksal. Warum kann man nicht mal ganz „normale“ Hauptfiguren kriegen? Das wirkt für mich dann doch klischeehaft. Dann fiel mir jedoch wieder die Vita der Autoren ein: „Emergency Room“ und „Law & Order“ – das erklärt einiges. Überhaupt, die Vita der Autoren: Die Tatsache, das Neil Baer Kinderarzt ist, gab mir zu denken. Würde ich die Gesundheit meiner Kinder, so ich denn welche hätte, in die Obhut eines Menschen geben, der sich Geschichten ausdenkt in denen Mordopfer gekocht werden? Ich weiß nicht so recht…

Und überhaupt, Mordopfer kochen! Was soll das? Können die Opfer in solchen Büchern nicht mal unspektakulärer in Jenseits befördert werden? Vielleicht mit´m Aufsitzrasenmäher überfahren? Oh, nee, das gäbe auch ´ne Sauerei. Na, dann vielleicht: Mit der Schneeschaufel erschlagen! Unspektakulär, und würde auch zur Jahreszeit passen. Na, sei´s drum!

Nun, die Schwächen bei den Charakteren werden über lange Zeit vom durchgehend guten Schreibstil und der spannenden Handlung überdeckt. Aber dann… Irgendwo so im letzten Drittel der Handlung, als man schon denkt, das Ganze könnte jetzt langsam mal in einem großen Showdown und in einer spektakulären Aufdeckung der Identität des Mörders enden, tja, irgendwo da versauen sie´s wieder!

Da wird eine vollkommen nutzlose Romanze zwischen Claire und Nick eingebaut. Und ja, ich weiß, für den Durchschnittsmann ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die vielschichtige weibliche Psyche auch nur im Ansatz zu erfassen und zu verstehen, aaaber: Hier hat es den Anschein, als würde Claire denken: „Ja gut, ein durchgeknallter Serienmörder hat es auf mich abgesehen. Und mich sogar schon angeschossen! Aber dieser Nick da, hach, was ist der süß…!“ NEI-EN! Sowas macht doch keiner! Das eigene Leben retten geht vor knutschen, jawohl!

Dann wird auf – ich möchte dieses vom Aussterben bedrohte Wort mal wieder nutzen – hanebüchene Art und Weise erklärt, warum Claire so tickt, wie sie tickt. Und es sooo schade, dass ich darauf nicht eingehen kann, weil es sooo skurril ist. Und unnötig!

Auch auf den großen Showdown wartet der Leser vergeblich. Dieser findet auf ganzen drei(!) Seiten statt. Der Hintergrund und die Beweggründe des Täters werden anschließend im Rahmen von Tagebuchnotizen näher beleuchtet. Das in die laufende Handlung einzufügen, hätte vermutlich zu viel Platz in Anspruch genommen, wahrscheinlich waren mehr als 448 Seiten nicht genehmigt. Oder der Abgabetermin stand vor der Tür. Oder – ach, ich weiß es nicht.

Dass die namensgebenden Rätsel des Rätselmachers für die Handlung eine eher untergeordnete Rolle spielen, und man Rätsel in diesem Zusammenhang eigentlich nicht mal im Plural verwenden kann, fällt dabei kaum noch ins Gewicht.

Was bleibt, ist ein gut geschriebener Roman, der über weite Strecken, trotz aller erkennbaren Schwächen,  gut unterhält, dem aber auf der Zielgeraden leider die Puste ausgeht. So wie mir jetzt auch.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 5,5 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Flut der Angst“ von Hannes Nygaard

Advertisements

6 Kommentare zu „„Der Rätselmacher“ von Neal Baer und Jonathan Greene – K.O. in Runde 10

  1. Ein kleiner Hinweis zu Bob Ross. Ich liebe seine Sendungen, die mir während meines Studiums angenehme Lernpausen verschafft haben, meistens um 1.30 Uhr auf ARD alpha. Ich habe ihn lange vermisst, aber glücklicherweise erscheinen seine kompletten Staffeln und Folgen in voller Länge bei Youtube 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Dann hoffe ich dass Dein Wochenende wirklich schön war. Mein Bruder war bei mir mit seiner Frau und insofern war auch mein Wochenende schön.
    Knuddler Kenia

    Gefällt mir

  3. Oh je, meine Tippfehler sind manchmal aber auch blöd. Und wieso habe ich mit Absicht „dem Schreiber viel ein“ geschrieben ? Da bekomme ich ja Angst vor mir.
    Schönes Wochenende Fraggle ♥

    Gefällt 1 Person

    1. Ach, Kenia, da mach´ Dir mal keine Gedanken. Ich lese täglich Schlimmeres in Online-Foren. 😉 Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende. Meines verspricht in der Tat, nicht ganz schlecht zu werden! 😉

      Bis bald!

      Gefällt mir

  4. Hihi, danke für Deine große Mühe und die vielen Zeilen. Ich werde immer von Dir sehr, sehr gut unterhalten.
    Ich habe bei manchen Büchern auch so den Verdacht dem Schreiber viel eine Story ein und beim Schreiben dann aber kein gutes oder vernünftiges Ende. Dann wird etwas so an den Haaren herbeigezogen, dass ich mir denke, wieso hat der Schreiber nicht noch zwei Wochen dachgedacht. Komisch dass es bei recht vielen Autoren vorkommt.
    LG Kenia

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Kenia,

      vielen lieben Dank! Es freut mich immer, wenn Dir meine Rezensionen gefallen.

      Und ja, die beiden Autoren hätten auch besser noch zwei Wochen nachgedacht, dann wäre ihnen sicher noch etwas Besseres eingefallen. Oder überhaupt irgendwas! 😉

      Bis bald!

      Fraggle

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s