„Der König von Berlin“ von Horst Evers – Alle gegen Ratmaster Big

Buch: „Der König von Berlin“ (2014)

Autor: Horst Evers

Verlag: rororo

Ausgabe: Taschenbuch, 381 Seiten

Der Autor: Horst Evers ist ein 1967 geborener Autor und Kabarettist. Er studierte Germanistik und Soziologie in Berlin, schloss dieses Studium jedoch nicht ab.

Schon während seiner Studienzeit war er Mitbegründer der Zeitschrift „Salbader“, für die er auch einige Texte schrieb. Für diese Texte verwendete er verschiedene Pseudonyme. So nannte sich der Kabarettist, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Gerd Winter heißt, unter anderem Horst Evers, nach dem nahe seines Geburtsortes Diepholz liegenden Örtchen Evershorst. Er war damit erfolgreich und blieb dabei.

Bekannt geworden ist Evers in den letzten Jahren vor allem durch seine Bücher, die üblicherweise komische, skurrile Kurzgeschichten aus dem Alltag enthalten und die durch kreative Titel wie „Für Eile fehlt mir die Zeit“ auffallen.

Das Buch: Der Seniorchef der größten Berliner Kammerjägerfirma, Erwin Machalik, ist gestorben. Oder gestorben worden. Denn auch wenn die Polizei den Tod Machaliks als Unfall deklariert – er hat unabsichtlich sein eigenes Rattengift getrunken – so gibt es doch einige Personen, die das nicht so recht glauben wollen. Darüber hinaus hat Machalik als eine Art Vermächtnis ein Video hinterlassen, auf dem er sturzbetrunken ankündigt, im Falle seines gewaltsamen Ablebens werde die Stadt zunehmend Probleme mit Ratten bekommen. Nach 55 Tagen solle Berlin förmlich von Ratten überschwemmt werden.

Die Stadt ist also in Aufruhr. Nicht nur, weil man dort gefühlt seit der Wende verzweifelt versucht, einen halbwegs funktionsfähigen Flughafen zu bauen –  was angesichts einer im Jahr 2013 veröffentlichten Liste von etwa 20.000 Mängeln noch ein paar Dienstage dauern dürfte – nein, die Stadt leidet außerdem seit Machaliks Tod tatsächlich an einer zunehmend größer werdenden Rattenplage. Und die 55 Tage, von denen der Verblichene in seinem Abschiedsvideo sprach,  sind in wenigen Tagen vorbei…

Die Söhne des Verstorbenen haben nicht die leiseste Ahnung, wie sie der Krise Herr werden sollen. Daher tun sie in dieser Situation das einzig Richtige: Sie geben die Verantwortung weiter und erklären den Kammerjäger Toni Karhan zum Experten und Hauptverantwortlichen zur Beseitigung der Plage…

Währenddessen ermittelt der junge Hauptkommissar Lanner, der aufgrund eines beachtlichen Ermittlungserfolgs gegen eine korrupten Geflügelzüchter aus dem beschaulichen Cloppenburg in die Hauptstadt versetzt wurde, im Falle des toten Erwin Machalik. War sein Tod wirklich ein Unfall?

Fazit: Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen, ganz zauberhaften Person sollte ich diese Rezension schon gestern schreiben. Mein Biorhythmus sah das aber anders, daher gibt es sie heute. 😉

Es ist schon einige Jahre her, dass mir eine andere ganz zauberhafte Person Evers´ Buch „Die Welt ist nicht immer Freitag“ zum Geburtstag geschenkt hat. Die urkomischen, kurzen Geschichten haben mich damals begeistert und sie tun es heute noch. Beispielsweise die Geschichte aus dem Buch „Mein Leben als Suchmaschine“, in der ein Kunde eine unschuldige Bäckereifachverkäuferin schwer durcheinanderbringt, mit dem Wunsch, heute für morgen ein Brot von gestern vozubestellen! Guckst Du hier!

Umso erstaunter war ich, dass Evers bereits vor einiger Zeit einen Ausflug ins Krimigenre unternommen hat. Und das Ganze von mir auch noch völlig unbemerkt! Diese Wissenslücke musste gefüllt werden.

Wer mit den Büchern von Evers vertraut ist, erwartet von Anfang an keinen bierernsten Krimi und wird mit dieser Erwartung auch nicht enttäuscht. Der Autor streut immer wieder kleine Passagen zum Schmunzeln ein. Beispielsweise als sich Machaliks Söhne Helmut und Max zum xten Mal das Video des Seniors ansehen, weil sie glauben, einen Hinweis übersehen zu haben, wie man die Rattenplage stoppen könne. Nachdem der alte Machalik auf dem Bildschirm sturzbetrunken etwas von einem Krieg der Ratten gegen Berlin schwafelt, fällt er am Ende hackedicht und gurgelnd aus dem Bild, woraufhin die Aufnahme endet. Helmut erklärt daraufhin, er könne keinen Hinweis erkennen, „nur eine subtile Warnung vor den Gefahren des Alkohols.“ (S. 44) 😉

Darüber hinaus kann sich Evers ein, zwei Sticheleien in Richtung des heute gängigen Krimis nicht verkneifen. So lässt er seinen Kommissar Lanner sarkastisch über Polizisten philosphieren, die ja tatsächlich, ohne jeden Zweifel, alle „kauzige Typen“ oder „alkoholkranke Einzelgänger“ seien, die nach Verlust von Freunden, Familie und Hoffnung quasi zwanghaft „immer neue, noch bizarrere, noch brutalere Serienmörder“ jagen. (S.93)

Auch der zunehmende Gewaltgrad in der heutigen Spannungsliteratur bekommt sein Fett weg. So schimpft Lanner über „diese schwachsinnigen, grausamen Gewaltphantasien aus albernen Perversenkrimis“, die „besonders hart und realistisch“ sein wollen, mit dem wahren Polizeialltag angesicht der Häufigkeit tatsächlich vorkommender Serienmörder allerdings nicht das Geringste zu tun hätten. (S. 342)

Evers spricht mir mit seiner Kritik da aus tiefster Seele. Es ist ja nicht so, dass ich stereotype Ermittler und überzogene Gewaltdarstellung nicht auch schon öfter kritisiert hätte. Aber vielleicht hört ihm wenigstens jemand zu. Kein Krimi wird besser, nur weil ein Mordopfer auf möglichst blutige, grausame Weise aus dem Leben scheidet!

Abseits des humorigen Einschlags hat es Evers überraschend gut geschafft, eine absolut stimmige Krimihandlung zu entwerfen, die – bei aller Skurrilität – Hand und Fuß hat. Und die sogar mit einem Finale im Stile von Agatha Christie aufwarten kann. Wenn das mal nichts ist!

Neben der stimmigen Handlung und dem humorvollen, angenehm zu lesenden Stil hat Evers Figuren entworfen, die zum Teil an seine Kurzgeschichten erinnern. Kommissar Lanner beispielsweise hat es nicht leicht in seinem neuen Job. Spätestens seit er sich selbst bei seinen neuen Kollegen als „Dorfsheriff“ vorgestellt hat. Seine Kollegen lassen keine Gelegenheit aus, ihn nach Strich und Faden zu verkaspern. Und die Berliner als solche tun ihr Übriges: Da Lanner sich in der großen Stadt noch nicht so wirklich auskennt und sein Dienstwagen kein Navi besitzt, ist er öfter gezwungen, nach dem Weg zu fragen. Die Berliner machen sich regelmäßig einen Spaß daraus, ihn nur aus Dönekens kilometerweite Umwege durch diverse Stadtteile fahren zu lassen…

Kurz und abschließend gesagt: An „Der König von Berlin“ gibt es eigentlich nicht wirklich etwas zu meckern. Wer die Bücher von Horst Evers und Krimis der etwas anderen Art mag, für den dürfte dieses Buch ein reines Lesevergnügen sein.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Humor: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Rätselmacher“ von Neal Baer und Janathan Greene

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Ein Kommentar zu „„Der König von Berlin“ von Horst Evers – Alle gegen Ratmaster Big

  1. Liest sich sehr gut, aber ehrlich die alleralleraller wenigsten Berliner schicken unsere Neuzugänge extra falsch in irgendwelche Bezirke.
    Wir sind eigentlich ganz lieb.
    Schönes Wochenende Fraggle

    Gefällt 1 Person

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