„Teufelsloch“ von Antonia Hodgson – Gehen Sie nicht über „Los“…

Buch: „Teufelsloch“ (2015)

Autorin: Antonia Hodgson

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 475 Seiten

Die Autorin: Antonia Hodgson ist eine 1971 geborene britische Schriftstellerin. Von 1991 bis 1994 studierte sie an der University of Leeds Englische Literatur und befasste sich nach eigenen Worten in dieser Zeit mit mittelalterlicher Literatur, road movies, isländischen Sagas und billigem Rotwein – eine dieser Sachen sei ihr in ihrer beruflichen Laufbahn sehr behilflich gewesen…

Nach ihrem Abschluss war sie für mehrere Buchverlage tätig. Ihr eigenes Manuskript von „Teufelsloch“ schickte sie jedoch an einen Konkurrenzverlag, um sich nicht mit dem Vorwurf der Vetternwirtschaft auseinander setzen zu müssen.

Mit ihrem Debütroman gewann Hodgson 2014 einen “ Endeavour Historical Dagger Award“. Grund genug, die Erlebnisse ihres Protagonisten Tom Hawkins in einem zweiten Roman fortzusetzen: „The last Confession of Tom Hawkins“ erschien 2015 im englischen Original – und wird hoffentlich schnellstmöglich übersetzt.

Das Buch: London, 1727: Der junge Tom Hawkins sollte ursprünglich in die Fußstapfen seines Vaters treten und eine Laufbahn als Geistlicher einschlagen. Tom entschließt sich jedoch dagegen, verlässt im Unfrieden die Familie und setzt fortan andere Prioritäten: Er zieht nach London, genießt das Leben und beschäftigt sich überwiegend mit Wein, Weib und Gesang. Und mit Glücksspiel.

Unerwünschter Nebeneffekt dieses Lebenswandels ist ein stetig ansteigender Schuldenberg, dem sich Tom gegenübersieht. Irgendwann platzt seinen Gläubigern der Kragen: Tom bekommt 24 Stunden Zeit, um mindestens die Hälfte der Schulden zurückzuzahlen, andernfalls droht ihm die Haft im Schuldgefängnis „The Marshalsea“. Der junge Lebemann leiht sich von seinem besten Freund aus Studienzeiten, Charles Buckley, ein wenig Geld und versucht, es auf die einzig ihm bekannte Art zu vermehren: Am Spieltisch. Und diesmal hat er Glück!

Voller Freude und mit gefülltem Geldbeutel feiert er mit Buckley seinen Erfolg. Von diesem Moment an geht jedoch alles reichlich schief: Auf dem Heimweg wird Tom überfallen und ausgeraubt. Als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, wird er, noch bevor er überhaupt zu Hause angekommen ist, von seinen Gläubigern aufgegriffen. Da er die geforderte Summe nun nicht mehr bezahlen kann, führt ihn sein Weg auf direktem Weg ins Marshalsea.

Aber damit haben die Schwierigkeiten für Tom noch kein Ende. Denn der Aufenthalt im Marshalsea ist mitnichten kostenlos. Die Gefangenen haben für ihr Zimmer sowie für Verpflegung  zu zahlen. Wer nicht dazu in der Lage ist, die wöchentliche Miete zu bezahlen, wird ohne viele Worte in die andere Hälfte des Gefängnisses verfrachtet, die „common side“. Dort herrschen unhaltbare Zustände. Die Gefangenen dort leiden Hunger und werden in großer Zahl in winzigen Zellen zusammengepfercht, jede Nacht sterben an Seuchen und Krankheiten etwa ein Dutzend Menschen.

Angesichts seiner fehlenden finanziellen Mittel droht Tom sehr bald die „common side“. Da jedoch bietet sich ihm ein unerwarteter Ausweg: Im Marshalsea wurde vor Kurzem ein Mann umgebracht, der Tom Hawkins zum Verwechseln ähnlich sah. Sir Philip Meadows, als „Knight Marshal“ der Hauptverantwortliche für das Marshalsea, beauftragt ihn, auf Bitten von Toms Freund Charles, mit den Ermittlungen in der Mordsache. Sollte er erfolgreich sein, so winkt ihm die Entlassung. Sollte er scheitern – die „common side“.

Fazit: Der Einstieg in den Roman gestaltet sich als nicht ganz einfach. Sobald Tom das Marshalsea betritt, werden in rasantem Tempo weitere Charaktere eingeführt: Gefangene, Wärter und so weiter. Es bedarf schon einiger Mühen, sich diese alle zu merken und zuordnen zu können. Hat man sich aber erst einmal damit zurechtgefunden, wird „Teufelsloch“ zu einem reinen Vergnügen.

Das beginnt bereits mit den Charakteren, als Beispiel seien hier zwei genannt: Der Protagonist Tom Hawkins ist gut getroffen und wandelt sich im Laufe der Geschichte vom sorglosen Lebemann zu einem – wenigstens vorübergehend – angstgetriebenen Nervenbündel. Sein Mitbewohner, Samuel Fleet, wird von allen im Gefängis als das personifizierte Böse angesehen. Und so gibt er sich auch: Düster, geheimnisvoll, sarkastisch und gefährlich. Und vielschichtig. Ein toller Charakter.

Auch sprachlich ist „Teufelsloch“ ein großer Wurf. Die Autorin versteht es, dem Buch etwas zu verleihen, was wahrlich nicht jedem Roman gegeben ist: Atmosphäre! Durch den bildhaften Stil hat man als Leser das Gefühl, man könne das Marshalsea förmlich sehen, als wäre man selbst dort. Die plastischen Beschreibungen der hygienischen Verhältnisse im Gefängnis führten mich zu der Annahme, ich könne es sogar riechen. Nun, entweder das, oder in irgendeiner Zwischenwand meines Domizils ist kürzlich ein glückloser Iltis verendet. 😉 Jedenfalls, dieses Gefühl, derart intensiv in die Welt eines historischen Romans abtauchen zu können, das habe ich sonst ausgesprochen selten, allenfalls bei Büchen wie „Die Säulen der Erde“ oder „Das Parfüm“. Wirklich großes Kino.

Leider fällt die Handlung selbst neben den anderen großen Stärken des Buches ein wenig ab. Allerdings ist das Meckern auf hohem Niveau, denn „Teufelsloch“ bleibt über die gesamte Länge stets unterhaltsam. Das außergewöhnliche Erzähltalent der Autorin führt bei mir dazu, dass die leichten Mängel in der Handlung außerdem gar nicht mehr groß ins Gewicht fallen. Tom Hawkins und seine Mitgefangenen hätten von mir aus auch auf 350 Seiten des Buches ausschließlich Backgammon spielen können –  ich hätte es mit Begeisterung gelesen.

Einziger Kritikpunkt bleibt eine Szene, in der Tom Hawkins – ohne zu viel zu verraten –  eine, sagen wir, traumatische Nacht verbringt. Die meisten Normalsterblichen würden sich nach dieser Nacht noch drei Tage lang in Fötushaltung in der Zimmerecke zusammenrollen und unter schwerstem Hospitalismus leiden. Tom jedoch ist am nächsten Tag schon nach kurzer Zeit wieder in bemerkenswert guter Form. Das habe ich der Autorin mal so gar nicht abgenommen. Abgesehen von dieser Szene und leichter Kritik an der Handlung bleibt „Teufelsloch“ ein klare Leseempfehlung für alle, die mal wieder einen atmosphärischen historischen Roman lesen wollen.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der König von Berlin“ von Horst Evers. Ein Krimi.

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3 Kommentare zu „„Teufelsloch“ von Antonia Hodgson – Gehen Sie nicht über „Los“…

  1. Deine Rezension liest sich super lieber Fraggle. Wieder ein Buch das ich mir merken muss und zu Hause liegen immer noch so einige Bücher die gelesen werden wollen. Ich hoffe Dir geht es gut. Bei mir setzt körperlicher Verfall ein, dabei dachte ich immer so etwas kommt später. Aber offenbar habe ich da Pech, dabei rauche ich ja nicht mehr seit April.
    Sei Liebe gegrüßt mit ♥
    Kenia

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Kenia,

      vielen Dank!

      Tja, das mit dem Bücherüberschuss kenne ich selbst auch gut genug. Ich habe mir gerade erst ein befristetes Bücherkauf-Verbot auferlegt, um meine Stapel ungelesener Bücher mal zu verkleinern. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.

      Mir geht es sonst soweit gut, danke der Nachfrage. Und ich hoffe, dass es auch Dir bald wieder gesundheitlich besser geht. Der Verzicht aufs Rauchen ist ja wenigstens schon mal ein Anfang. 😉

      Ich wünsche Dir alles Gute und melde mich zeitnah mal wieder.

      Liebe Grüße,

      Fraggle

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