„Veronika beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho – Literarischer Sonnenstrahl

Buch: „Veronika beschließt zu sterben“ (2000)

Autor: Paulo Coelho

Verlag: Diogenes

Ausgabe: Taschenbuch, 224 Seiten

Das Buch: Veronika ist 24 Jahre alt und lebt in Slowenien in einem angemieteten Zimmer im Kloster. Und Veronika hat ein besonderes Ziel: Sie möchte sich das Leben nehmen. Nach einer Zeit des eher unsteten, ausschweifenden Lebenswandels kommt sie zum Schluss, nunmehr alles im Leben erlebt zu haben und erwartet von ihrer Zukunft, mit der ewigen Eintönigkeit immer gleich vergehender Tage, nichts Gutes mehr.

Daher organisiert sich die junge Frau eine ausreichende Menge Schlaftabletten und schluckt sie. Um die Zeit bis zur Wirkung der Tabletten zu verkürzen, verfasst sie einen Brief an eine Zeitschrift, in der ein Journalist einen Artikel mit der Frage „Wo liegt Slowenien?“ beginnt. Dann verliert sie das Bewusstsein.

Doch der Selbstmordversuch schlägt fehl, kurz danach erwacht sie wieder, in Villete, einer psychiatrischen Anstalt. Der leitende Arzt eröffnet ihr in einem Gespräch, dass Veronika mit der Einnahme der Tabletten ihr Herz irreparabel geschädigt habe, und sie innerhalb der nächsten sieben Tage daran sterben werde.

Nach anfänglicher Abschottung gegenüber allen und allem, gerät die junge Frau in den nächsten Tagen in Kontakt mit anderen Patienten in Villete. Und sie entdeckt auf diese Weise etwas zurück, das sie längst verloren glaubte: Ihren Lebenswillen. Aber die vom Arzt prognostizierten sieben Tage schreiten unaufhaltsam voran…

Der Autor: Paulo Coelho ist ein 1947 in Rio de Janeiro geborener brasilianischer Schriftsteller. In einem religiös geprägten Haushalt aufgewachsen, beschließt Coelho nach der Schule, Jura zu studieren. Dieses Studium unterbrach er zwischenzeitlich für eine zweijährige Weltreise. Durch seine anschließende Tätigkeit als Theater- und Drehbuchautor, seinen Drogenkonsum sowie seine Ablehnung gegenüber den Eltern zweifeln diese an seinem Geisteszustand und lassen ihn insgesamt dreimal in die psychiatrische Anstalt „Casa de Saúde Dr. Eiras“ einweisen.  Die Erlebnisse dort verarbeitet Coelho in seinem Roman „Veronika beschließt zu sterben“.

Die weitere Lebensgeschichte Coelhos ist zu umfang- und abwechslungsreich, als dass ich sie hier in ein paar Zeilen angemessen wiedergeben könnte. Daher beschränke ich mich auf sein literarisches Werk:

Coelhos erfolgreichster Roman ist bislang „Der Alchimist“, welcher in 80 Sprachen übersetzt und über 83 Millionen Mal verkauft wurde. Insgesamt verkauften sich seine Bücher über 210 Millionen Mal.

Zwischenzeitlich stellte der Autor seine Bücher online kostenlos zur Verfügung, ein vermeintliches Desaster für die Verlage, die ihr Aufbegehren dagegen erst einstellten, als sich herausstellte, dass dadurch mehr seiner Bücher verkauft wurden.

Als Information am Rande: 2014 wurde ein Asteroid nach Paulo Coelho benannt. 🙂

Fazit: Eine ganz zauberhafte Person gab mir die Anregung, im Rahmen der Wunschrezensionen anlässlich meines einjährigen Blogbestehens, „Veronika beschließt zu sterben“ zu rezensieren. An dieser Stelle vielen lieben Dank dafür!

Unangenehmerweise hat besagte Person bereits ca. 24 Stunden nachdem mein Blog das Licht dieser Welt erblickte, den Wunsch nach einer Rezension zu diesem Buch geäußert, vor über einem Jahr also… Tja, manche Dinge dauern bei mir eben etwas länger.  🙂 Jetzt aber schreiten wir endlich zur Tat:

Ich habe gewisse Grundsätze literarischer Natur: Zu diesen Grundsätzen gehört, dass ich keine Bücher von Iny Lorentz oder Diana Gabaldon ertrage, ich schaffe das einfach nicht. Wobei mir zu Letztgenannter kürzlich versichert wurde, ihre Bücher seien besser geworden. Keine besonders große Leistung, wie ich finde… Nun, wie dem auch sei, zu diesen Grundsätzen gehörte bis vor einiger Zeit auch: „Verschenke niemals „Veronika beschließt zu sterben“!“. Und eigentlich gehörte auch dazu: „Schreibe niemals eine Rezension über dieses Buch!“

Warum nun diese beiden letzten Grundsätze? Also, eigentlich ganz einfach: Von allen Büchern, die ich in meinem Leben bisher gelesen habe, gehört „Veronika beschließt zu sterben“ zu den vielleicht fünf oder sechs Büchern, die mir wirklich etwas bedeuten, wenn es gestattet ist, das einmal etwas pathetisch zu formulieren. Und wenn man ein solches Buch verschenkt, läuft man Gefahr, dass der oder die Beschenkte das Buch, nachdem er oder sie es gelesen hat, mit einem „Ja, doch, war ganz nett…“ quittiert. Und auf solche Kommentare reagiere ich schon bei Büchern allergisch, die ich einfach nur „gut“ finde. Bei Büchern wie „Veronika beschließt zu sterben“ würde mich fehlende Begeisterung wahrscheinlich schwer treffen… 😉 Bei Filmen lege ich übrigens eine ähnlich mangelnde Kritikfähigkeit an den Tag.

Die Tatsache, dass ich, aus welchen Gründen auch immer, vor geraumer Zeit gegen meinen eigenen Grundsatz mit dem Verschenken verstoßen habe, führt nun, einige Jahre später, dazu, dass ich auch gegen den mit der Rezension verstoßen muss. „Die ich rief, die Geister werd´ ich nun nicht los“! Aber ich tu´s ja gerne! 🙂

Was ist es nun, was dieses Buch von so vielen anderen unterscheidet, und was es zu einem meiner Lieblingsbücher macht? Jetzt könnte ich natürlich sagen, dass man das nicht erklären könne und das Buch einfach lesen müsse. Ersteres wäre auch gar nicht so falsch und Letzteres würde ich jedem anraten, aber ich fürchte, so billig komme ich nicht davon. Gehen wir also mal in medias res, wie Horaz gesagt hätte, und kümmern uns um Dinge wie Stil, Charaktere und Handlung.

Bevor sich mir Handlung und Charaktere erschlossen, gefiel mir schon mal der Stil des Buches, soweit man den bei einer Übersetzung aus dem Portugiesischen beurteilen kann. Coelho erfindet die Sprache nicht neu, aber es macht jederzeit Spaß ihn zu lesen.

Die Charaktere sind meiner Meinung nach eine Klasse für sich. Von jeder der Nebenpersonen erfährt der Leser die Lebensgeschichte und die Begründung für seinen Aufenthalt in Villete. Coelho erschafft mit ihnen eine Fülle von verschrobenen und oftmals einfach unverstandenen Persönlichkeiten, die man wirklich gern haben muss.

Die Handlung als solche sprüht nicht vor Wendungen, Dramatik und Überraschungen. Aber das tut Veronikas Aufenthalt in Villete überhaupt keinen Abbruch, man liest hier schließlich keinen Thriller, man liest einen Coelho.

Was das Buch letztlich so besonders macht, ist schlicht: Es tut einem gut! Praktisch auf jeder Seite stehen schöne Sätze, die dazu führen, dass viele Leute „Veronika beschließt zu sterben“ als eine „Liebeserklärung an das Leben“ bezeichen. Und ziemlich genau das ist es auch. Coelho verbreitet in seinem Buch keine revolutionären, neuen, allgemeingültigen Weisheiten, aber wenn man, so wie ich vor einigen Tagen, mit diesem Grau da draußen, und der Existenz des Winters im Allgemeinen, hadert und sich für nichts wirklich begeistern kann, DANN ist „Veronika beschließt zu sterben“ genau das Richtige.

Übrigens ist dieses Buch, von mir völlig unbemerkt, bereits 2010 verfilmt worden. Mit Sarah Michelle Gellar in der Hauptrolle. Wie konnte mir das entgehen? Ich meine, hey, Sarah Michelle Gellar!!! Gut lassen wir das! 😉

Fairerweise möchte ich an dieser Stelle auch die Kritiker zu Worte kommen lassen, deren es bezüglich des Herrn Coelho unzählige gibt. Der sonst von mir wegen seiner Sendung „Druckfrisch“ sehr geschätzte Denis Scheck bezeichnet Coelho unter anderem als „Schwachsinnsschwurbler“ und „unangefochtenen König des Esoterikschunds“. Das macht mich latent aggressiv, da sind wir wieder bei meiner Kritikfähigkeit. 😉 Andere Leser werfen dem Schriftsteller vor, Depressionen und Schizophrenie zu verharmlosen. Niemand, der sich das Leben nehmen wolle, ließe sich einfach nur vom Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und Gesprächen mit anderen Menschen wieder zu neuem Lebensmut verhelfen, heißt es da. Besagten Lesern sei gesagt: NA-TÜR-LICH-NICHT!!! Deswegen handelt es sich bei diesem Buch auch um einen Roman und nicht um ein Sachbuch. Kein Therapeut dieser Welt wird einem an einer Depression erkrankten Patienten raten: „Ach, lesen Sie einfach Coelho, dann wird alles wieder gut!“ Aber jemand, dem es einfach mal zwischenzeitlich nicht so gut geht, dem kann man nur zur Lektüre des Buches raten.

Als ich anfing, diese Rezension im Kopf erstmals durchzuarbeiten (ich tue das bei jeder, man glaubt es kaum), habe ich auch den Entschluss gefasst, meine Lieblingsstelle zu zitieren. Nun stellte sich aber heraus, dass dafür ziemlich viele Stellen in Frage kommen und ich unmöglich so viele Sätze zitieren kann, ohne Probleme mit dem Copyright zu kriegen! 😉 Daher habe ich für Folgendes entschlossen: „Ich bin sehr müde, doch ich will nicht schlafen, ich habe noch viel zu tun. Dinge, die ich immer aufgeschoben habe, weil ich dachte, das Leben würde ewig währen. Dinge, an denen ich das Interesse verlor, als ich zu glauben begann, es lohne sich nicht, zu leben.“ (S. 149)

In diesem Sinne: Geht mal wieder raus, werte Leser und Innen, und lasst Euch den Wind um die Nase wehen. Tut mal wieder Sachen, an denen Ihr das Interesse verloren habt. Und vor allem: Tut Dinge, die Ihr aufgeschoben habt, weil Ihr dachtet, das Leben würde ewig währen!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Mit „Veronika beschließt zu sterben“ endet die Reihe an Wunschrezensionen anlässlich meines Blog-Geburtstags. Ich bedanke mich nochmal herzlich bei allen daran beteiligten zauberhaften Personen.

Ich selbst werde mich mit der Rezension eines vor Ewigkeiten gelesenen Buches auch noch daran beteiligen.

Bis es aber soweit ist, und mir der große Online-Versandhandel mit A das entsprechende Buch zugeschickt hat, gibt es demnächst erstmal einen historischen Roman: „Das Geheimnis des unendlichen Raums“ von Christoph Andreas Marx.

 

 

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2 Kommentare zu „„Veronika beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho – Literarischer Sonnenstrahl

  1. Mit den letzten beiden Absätzen vor der Wertung sprechen mir Autor und Rezensent aus der Seele. Einen realisierbaren Wunsch auf dem Weg zu einem großen Traum habe ich mir vor wenigen Tagen erfüllt. Ein wahrhaft gutes Gefühl, lange Pläne, Vorsätze, Vorhaben der Realisierung näher zu bringen!

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