„Der Circle“ von Dave Eggers – Zuckerbergs feuchter Traum

Buch: „Der Circle“ (2015)

Autor: Dave Eggers

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Taschenbuch, 558 Seiten

Der Autor: Dave Eggers ist ein amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Herausgeber mehrerer Literaturzeitschriften. Er kam 1970 als Sohn einer Lehrerin und eines Rechtsanwalts in Boston zur Welt und wuchs in Lake Forest, Illinois, auf. Er studierte an der University of Illinois und gründete das Literaturmagazin „Might“ sowie das Verlagshaus „McSweeneys“.

Bereits sein erster Roman, “ A Heartbreaking Work of Staggering Genius“ (dt.: Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität) wurde ein großer Erfolg und für den Pulitzer Preis nominiert. Eggers Romandebüt enthält autobiografische Züge und behandelt unter anderem die Situation des Schriftstellers nach dem Krebstod seiner Eltern, als der damals 22-jährige Eggers plötzlich für seinen kleinen Bruder sorgen musste.

Mittlerweile hat Eggers mehrere Drehbücher sowie zwölf Romane und Erzählungen verfasst.

Der Schriftsteller lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kinder in der San Francisco Bay Area.

Das Buch: Mae Holland hat das große Los gezogen. Nachdem sie 18 Monate lang einen stupiden Job bei den Strom- und Gaswerken durchlitten hat, bekommt sie durch die Vermittlung ihrer ehemaligen Studienfreundin Annie die Chance, beim „Circle“ zu arbeiten, einem Internetkonzern aus Kalifornien. Der „Circle“ hat die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt, indem er Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, mit der man im Netz einfach alles erledigen kann, wodurch niemand mehr gezwungen ist, sich unzählige Nicknames oder Passwörter zu merken. Als Bedingung gilt allerdings, dass man sich mit seinen echten Daten registrieren muss. Der „Circle“ möchte durch den Wegfall der Anonymität völlige Transparenz im Internet erreichen und erhofft sich einen spürbaren Rückgang von Schmutz und Kriminalität im Netz.

Mae ist Feuer und Flamme für ihre neue Tätigkeit in der „Customer Experience“. Obwohl an ihrem Arbeitsplatz die unpersönliche, hektische Atmosphäre eines modernen Callcenters herrscht und ihre Arbeitsbelastung permant ansteigt, ist sie mit Begeisterung bei der Sache.

Der „Circle“ arbeitet derweil am großen Ziel des Unternehmens, der totalen Überwachung der Menschheit. Das alles natürlich nur zum Wohl der Menschen… So sollen Kinder Sender eingesetzt bekommen, mit denen man jederzeit ihren Aufenthaltsort feststellen kann – natürlich nur, um sie vor Entführungen zu schützen. Kleine Minikameras werden zu Zehntausenden überall auf der Welt installiert – natürlich nur, um die Kriminalitätsrate zu senken, usw.

Mae macht das alles unwidersprochen mit. Erst als sie den attraktiven Kalden kennenlernt, scheint ihr Weltbild ins Wanken zu geraten.

Fazit: Aufgrund seiner Thematik wird dieses Buch häufig mit „1984“ von George Orwell oder mit „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley verglichen. Die Meinungen, ob der „Circle“ mit den beiden großen Vorbildern mithalten kann, gehen weit auseinander. Da ich zu meiner Schande eingestehen muss, weder das eine noch das andere Buch gelesen zu haben, kann ich mir darüber kein Urteil erlauben. Aber vielleicht ist das auch wieder ganz gut so, ermöglicht es mir doch, weitgehend unvoreingenommen an das Buch heranzugehen.

Zu Beginn von „Der Circle“ wird Maes Arbeitsplatz und ihre Tätigkeit detailliert beschrieben. Immer und immer wieder. Dieser zähe Einstieg hat mich ernsthaft daran zweifeln lassen, ob ich dieses Buch in einem annehmbaren Zeitraum zu Ende lesen würde. Dann wurde aber glücklicherweise alles besser, sodass ich mich am Ende des Buches eher fragte, ob ich überhaupt negative Gesichtspunkte anführen könnte, vom Einstieg mal abgesehen.

Aber natürlich hat auch „Der Circle“ seine Schwächen. So sind z. B. die Charaktere sind nicht besonders tiefgründig und hinterlassen keinen wirklich guten Eindruck:

Mae unterstützt die Machenschaften des „Circle“ vollkommen unreflektiert. Als Leser habe ich mich darüber mehrfach aufgeregt. Aber ein junger Mensch, der mehr oder weniger orientierungslos im Leben ist und dann in einem an Scientology erinnernden Konzern landet, in dem er das Gefühl hat, dass man ihn nur dort versteht und nur dort alles gut ist, der handelt eben vielleicht auch nicht immer rational. Dennoch wird Mae ziemlich einseitig als eine dem Herdentrieb folgende, völlig willenlose Person dargestellt. Etwas differenzierter wäre da schön gewesen.

Sämtliche weiteren Nebenfiguren kann man, tja, eigentlich getrost ignorieren. Lediglich Maes Ex-Freund Mercer, der sich vehement gegen ihre Tätigkeit ausspricht, darauf hinweist, dass sie nur noch an ihrem Handy tippt und generell das System des „Circle“ verurteilt, ist noch eine Erwähnung wert. Mercer kann man wenigstens ernst nehmen.

Der Schreibstil gefällt da schon etwas besser als die Charaktere, ohne allerdings die Sprache neu zu erfinden.

Sämtliche möglichen Schwachpunkte in diesen Bereichen sind aber in diesem Fall vor allem eines: Sie sind mir vollkommen egal! Denn die durchaus vorhandenen Unzulänglichkeiten von „Der Circle“ verblassen deutlich gegen den größten Pluspunkt des Buches, gegen die Story. Die immer neuen, immer skurriler werdenden Ideen des „Circle“ regen durchaus zum Nachdenken an. Angefangen bei Trackern die in Kinder implantiert werden sollen, bis hin zum Wahlrecht, das vom Bestehen eines „Circle“-Accounts abhängig gemacht werden soll. Sind solche Dinge tatsächlich denkbar? Und wenn ja, wann? Und wie weit sind wir auf dem Weg dahin schon vorangeschritten?

Auch wenn ich nicht unbedingt ein Fan der Zeitschrift „Brigitte“ bin, möchte ich sie heute doch einmal abschließend zu Wort kommen lassen. Dort wird über „Der Circle“ geschrieben: „So unterhaltsam, spannend und hochrelevant, dass man sein Smartphone leicht angewidert in die Ecke pfeffert und stattdessen mal wieder mit Buch ins Bett geht.“

Dem ist nichts hinzuzufügen! Also: Lesen!

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog:

„Der kretische Gast“ von Klaus Modick oooder „Blindwütig“ von Dean Koontz

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