“ Die Sehnsucht des Vorlesers“ von Jean-Paul Didierlaurent – Irgendwie anders

Buch: „Die Sehnsucht des Vorlesers“

Autor: Jean-Paul Didierlaurent

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 223 Seiten (2015)

Der Autor: Jean-Paul Didierlaurent wurde 1962 in La Bresse im Elsass geboren. Nachdem er einige Jahre in Paris verbracht hat, lebt Didierlaurent mittlerweile wieder in seinem Heimatort und arbeitet dort im Kundencenter eines Telekommunikationsunternehmens. Seine ersten literarischen Gehversuche unternahm er, als er 1997 zwei Kurzgeschichten bei einem Schreibwettbewerb eingereicht hat – er gewann mit beiden. In der Folge veröffentlichte er zahlreiche preisgekrönte Kurzgeschichten. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ ist sein erster Roman.

Das Buch: Guylain Vignolles ist ein ganz und gar unscheinbarer Mann und fristet ein weitgehend von seinen Mitmenschen unbeachtetes Dasein. Sehr zu seinem Leidwesen arbeitet Guylain in einer Papierverwertungsfabrik in der täglich unzählige von Büchern in der großen „Zerstör 500“-Maschine vernichtet werden. Aber eigentlich liebt Guylain Bücher und möchte an diesem „Kulturmord in ganz großem Stil“, wie sein ehemaliger Arbeitskollege Giuseppe die Arbeit nennt, gar nicht weiter teilhaben. Als eine Art Ausgleich für seine zerstörerische Tätigkeit, rettet er jeden Tag ein Handvoll Seiten aus der Maschine und nimmt sie mit nach Hause. Am folgenden Morgen liest er diese Seiten dann im 6:27-Uhr-Zug den anderen Fahrgästen vor. Jeden Tag! Eines Morgens findet Guylain in diesem Zug genau zu seinen Füßen einen USB-Stick. Er nimmt ihn mit und findet darauf Tagebucheinträge einer gewissen Julie. Schon nach kurzer Zeit steht für ihn fest: Diese Frau muss er unbedingt kennenlernen.

Fazit: Guylain Vignolles, der Held des Buches, ist ein gesellschaftlicher Außenseiter, wie er,…, nun, wie er im Buche steht. Seine persönlichen Kontakte beschränken sich auf Besuche bei seinem ehemaligen Arbeitskollegen Giuseppe, ansonsten redet er allenfalls mit dem permanent in Reimen sprechenden Pförtner seiner Firma – und mit seinem Goldfisch. Ein wahrer Sonderling, dieser Guylain.

Aber Sonderlinge sind sie in diesem Buch irgendwie alle: Guiseppe verlor bei einem Unfall in der „Zerstör 500″ beide Beine. Sein Chef sieht gar keinen großen Grund, die Maschine daraufhin stillzulegen, also besteht die Papierproduktion dieses Tages aus dem Altpapier der zerstörten Bücher – und, na ja, aus Giuseppes Beinen. Kurz danach findet er heraus, dass daraus die Auflage eines Buches über Gartenbau hergestellt wurde, und fängt an, im ganzen Land nach Ausgaben dieses Buches zu suchen, um sozusagen seine Beine wieder zu bekommen.

Yvon Grimbert, der Pförtner, hat eine Affinität  zu französischen Tragödiendichtern und zum Theater allgemein. Außerdem spricht er gerne in Vierzeilern. Der ungeduldige Fahrer eines LKW muss dann schon mal drei Strophen über sich ergehen lassen, bevor Yvon abschließt mit:

„Gleich hebe ich flugs die umstrittene Schranke/

Doch möcht´ ich gern hören von Euch noch ein Danke/

Lasst hier Eure Bücher und tut´s mit Bravour/

Wir kümmern uns dann um die Makulatur!“

Ja, eine Riege sehr verschrobener Persönlichkeiten hat Didierlaurent da ersonnen. Das gefiel mir sehr gut und wirkte irgendwie „typisch französisch“, ohne jetzt genauer erklären zu können, wieso.

Das typisch Französische gilt auch für die Handlung als solche. Die Suche nach Julie – und nach Giuseppes Beinen –  hat ihren eigenen Charme. Und ein ausgesprochen gut gelungenes Ende. Allerdings verläuft sie auch weitgehend ohne große Wendungen und Überraschungen. Wie auch, auf gerade mal 223 Seiten, von denen auch noch eine große Anzahl halb oder komplett leer ist?! Ich bin mir sicher, hätte sich Didierlaurent ein wenig mehr Zeit genommen, wäre da definitiv mehr möglich gewesen.

Viel mehr kann man über „Die Sehnsucht des Vorlesers“ auch kaum erzählen, ohne das ganze Buch wiedergegeben zu haben. Also sei abschließend gesagt: Wer sich in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ wohl fühlte und allgemein Geschichten mag, die sich außerhalb der Norm bewegen, und wer sich außerdem nicht daran stört, 14,90 € in ein Buch mit 223 Seiten zu investieren, mit dem er oder sie allenfalls einen Abend lang beschäftigt ist, der wird mit „Die Sehnsucht des Vorlesers“ zufrieden sein.

Ich persönlich hatte zwar auch durchaus Vergnügen mit dem Buch, trotzdem finde ich: Wenn schon „Vorleser“, dann der von Bernhard Schlink!

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,33 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Um Leben und Tod“ von Michael Robotham. Ein Thriller.

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