„Die Schutzlosen“ von Kati Hiekkapelto – Ich kaufe ein ä!

Buch: „Die Schutzlosen“

Autorin: Kati Hiekkapelto

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 382 Seiten

Die Autorin: Kati Hiekkapelto ist eine finnische Krimi-Autorin. Sie lebte eine Weile unter der ungarischen Minderheit in Serbien bevor sie Lehrerin wurde. Da ihre drei Kinder mittlerweile aus dem Gröbsten heraus sind, entschloss sich Hiekappelto, ihre Zeit vermehrt ins Schreiben zu investieren. Ihr erster Kriminalroman „Kolibri“ erschien 2013 und wurde ein Publikumserfolg. Mit „Die Schutzlosen“ erzählt die Autorin die Geschichte ihrer Hauptfigur, der Polizistin Anna Fekete, weiter.

Das Buch: Spät abends wird ein alter Mann von Gabriella Farkas, einem ungarischen Au-pair-Mädchen, überfahren. Da die Kommissarin Anna Fekete aufgrund ihrer Herkunft in Serbien selbst ungarisch spicht, übernimmt sie die Vernehmung. Dabei schwört Gabriella, dass der Mann bereits auf der Straße gelegen habe, als sie ihn überfahren hat. Anna Fekete versucht den Unfallhergang zu rekonstruieren und die Identität des alten Mannes zu klären, sowie die Frage, warum er spät abends nur leicht bekleidet auf einer abgelegenen Landstraße unterwegs war.

In der Zwischenzeit wird Annas Kollege Esko Niemi mit Ermittlungen zu Motorrad-Gangs beauftragt. Im Rahmen dieser Ermittlungen wird eine Razzia bei einem möglichen Drogendealer durchgeführt. Der Dealer wird tot aufgefunden, außerdem befindet sich der pakistanische „illegale“ Einwanderer Sammy in der Wohnung. Sammy wird festgenommen, die Nachbarn sollen als mögliche Zeugen befragt werden. Dabei fällt auf, dass ein Bewohner des Hauses, ein älterer Herr, verschwunden ist. Könnte es sich bei ihm um den Toten von der Landstraße handeln? Und warum bleibt eine weitere Bewohnerin des Hauses unauffindbar? Passt das alles irgendwie zusammen? Und was weiß Sammy?

Fazit: Ich bin eigentlich generell kein Freund skandinavischer Krimis. Ich bin aber generell auch kein Freund von Verallgemeinerungen, daher lese ich trotzdem von Zeit zu Zeit mal wieder einen. Und stelle meistens fest: Ich bin generell kein Freund skandinavischer Krimis. Obwohl „Die Schutzlosen“ durchaus seine guten Seiten hat, sogar einige:

Die Handlung beginnt im Stile einer alten „Columbo“-Folge. Ein alter Mann betritt die Wohnung eines jungen Mannes, weil er sich über die laute Musik beschweren will, und kommt dabei zu Tode. Man weiß also vermeintlich zu Anfang schon, was passiert ist und wie der alte Mann zu Tode und auf die Landstraße kam. Dass sich letztlich alles doch ein wenig anders verhält, wird dem Leser erst nach so ungefähr 220 Seiten deutlich. Bis dahin durchweht den Roman eben der Wind von „Columbo“. Unnötig zu erwähnen, dass ich auch kein Fan von „Columbo“ bin. 😉 Dann jedoch, nach diesen 220 Seiten, läuft die Handlung zu großer Form auf, beinhaltet die eine oder andere Wendung und führt zu einem überraschenden finish. Ist ja auch ein finnischer Roman…Ich hab versucht, mir den Gag zu verkneifen, es ging einfach nicht, Entschuldigung an alle Finnen! 😉

Stilistisch kann Frau Hiekkapelto bei mir weder groß punkten, noch habe ich ihr irgendwie etwas vorzuwerfen. Man kann es eben ganz gut lesen. Wenn man jetzt mal von solchen Szenen wie im zweiten Kapitel absieht: Dort findet eine Konferenz von fünf Polizisten statt, unter anderem dabei: Sari Jokikokko-Pennanen und Nils Näkkäläjärvi… Da möchte man als Leser aufspringen und rufen: „Ich kaufe ein „ä“ und möchte lösen!“ Aber dafür kann Frau Hiekkapelto ja nichts, irgendwie müssen die ja heißen…

Im Bereich der Charaktere jedoch findet man viel Licht und unfassbar viel Schatten. Die drei Hauptpersonen dieses Romans sind der Flüchtling Sammy, der Polizist Esko Niemi und eben Kommissarin Anna Fekete. Die beiden ersten sind gut getroffen:

Sammy ist aus Pakistan geflohen und untergetaucht, nachdem er einen Abschiebebescheid bekommen hat. Die Angst des Jungen, als Bestandteil der christlichen Minderheit in seine von islamistischen Fanatikern regierte Heimatstadt zurück zu müssen, seine Geschichte, seine Träume, seine Illusionen, seine Drogensucht, all das beschreibt die Autorin wirklich gut. Allerdings befasst sie sich meiner Meinung nach etwas zu wenig mit diesem eigentlichen Kernthema dieses Romans: Der aktuellen Situation der Flüchtlinge weltweit. Dabei hätte sie die Chance gehabt, dieses topaktuelle Thema ausführlicher anzufassen. Aber wenigstens im Ansatz ist das schon gut gelungen.

Esko Niemi ist, ich möchte es mal deutlich sagen, ein Kotzbrocken wie er im Buche steht. Ein desillusionierter Alkoholiker, der seine Mitmenschen von oben herab behandelt und vor allem im Umgang mit Sammy immer wieder seine rassistische Grundeinstellung unverblümt zum Vorschein kommen lässt. Esko ist als Charakter schon fast ein wenig überzeichnet, driftet aber irgendwie nie ins Klischeehafte ab, man bemerkt immer wieder den Menschen hinter der Kotzbrockenfassade. Damit ist der Autorin ein richtig guter Charakter gelungen, ich war begeistert!

Da hätten wir aber noch Anna Fekete, unglücklicherweise Hauptperson dieses Romans. Als Kind kam Anna aus Serbien nach Finnland. Sie sorgt sich permanent um ihren alkoholkranken Bruder und vermisst ihre Familie schmerzlich. So sehr ich das auch verstehe, echt, aber sie nörgelt wirklich dauernd rum, dass sie mal wieder anrufen müsse, was ihre Freunde jetzt wohl so machen, dass sie mal wieder anrufen müsse, was ihre Freunde jetzt wohl so machen, etc… Da möchte ich ihr schon das eine oder andere mal sagen: „Schätzelein, Du bist als Kind nach Finnland gekommen und Du bist jetzt dreißig! Meinste nicht, das wäre genug Zeit, um sich wenigstens so weit an die Situation zu gewöhnen, dass Du das dauernde Nörgeln sein lassen könntest? Oder such Dir jemanden zum reden!“

Wenn sie nicht nörgelt, hat sie hochphilosophische Gedanken im Kopf. Da schwadroniert sie schon mal eine Seite lang über die schlafwandlerische Genauigkeit der Zugvögel auf dem Weg in den Süden. Oder Norden, je nachdem. Oder macht sich Gedanken darüber, dass es ihr ja egal sei, wann und auf welche Art sie zu Tode käme. Denn vor dem Hintergrund des Universums seien wir ja alle nur kleinste unbedeutende Teilchen, die sich selbst viel zu wichtig nähmen! Also, MIR wäre das wann und wie ja nicht so ganz egal, so wichtig bin ich mir dann doch!!! Kurz nach diesen tiefschürfenden Gedanken über ihr mögliches Ableben stirbt dann ihre Oma. Dass sie traurig ist, das versteht sich von selbst. Da verzeihe ich ihr dann auch eigentlich einen erneuten Rückfall in den Nörgel-Modus. Aber leider habe ich diese Person an dieser Stelle schon so verabscheut, dass ich ihr fast entgegengerufen hätte: „HA! Wie war das noch mit den „kleinsten unbedeutenden Teilchen, die sich selbst viel zu wichtig nehmen“, hä? HÄÄ???“ Da ich gut erzogen bin, lasse ich so etwas für gewöhnlich.

Außerdem hat Anna zu allem und jedem, was auf der Welt und mit der Menschheit schief läuft, etwas zu sagen. Auf einer Müllkippe schwafelt sie über die unbändige Müllproduktion der Menschen. „Müll. Der Fingerabdruck des modernen Menschen in der Geschichte.(…)“ An einer roten Ampel stehend denkt sie, wie gut es wäre, wenn möglichst bald die Ölquellen versiegen, damit die Menschheit endlich zu radikalem Umdenken gezwungen wäre. Tja, wer hat so etwas an einer roten Ampel nicht schon mal gedacht…? Das mag ja auch alles teilweise richtig sein, es wirkt nur leider merkwürdig deplaziert. Es entsteht der Eindruck, als wollte Hiekkapelto eigentlich ein Buch über die großen Fehlentwicklungen der Menschheit schreiben. Schätzing oder Dan Brown nehme ich sowas noch ab, aber… Zwischenzeitlich wirkt Anna Fekete weniger wie eine Kommissarin, sondern wie die weibliche Reinkarnation von Jean-Jaques Rousseau:

„Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis;(…) „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ Jean-Jaques Rousseau, 1755

Letztlich hat mir die Autorin mit dieser Figur viel vom eigentlich vorhandenen Lesespaß genommen. Falls sie in Zukunft mal Bücher ohne diese Person schreibt, vielleicht lese ich dann doch mal wieder einen skandinavischen Krimi. Obwohl: Ich bin eigentlich generell kein Freund skandinavischer Krimis!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 5,5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 7 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: John Boyne war zwar erst vor sechs Wochen dran, aber was soll´s!? Also, demnächst „Das Vermächtnis der Montignacs“ von John Boyne.

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