„Mirage“ von Matt Ruff – Unpolitisch sein heißt politisch zu sein, ohne es zu merken

Buch: „Mirage“ (2015)

Autor: Matt Ruff

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 492 Seiten

Der Autor: Matthew Theron Ruff, geboren 1965 in Queens, New York, ist ein amerikanischer Schriftsteller. Nach eigenen Angaben fasste Ruff bereits im Alter von 5 Jahren den Entschluss, Schriftsteller zu werden und verbrachte den Großteil seiner Kindheit und Jugend damit, zu erlernen, wie man gute Geschichten erzählt. Sein erster Roman „Fool on the hill“ (1988) war gleichzeitig seine Magisterarbeit und sein Durchbruch. Danach folgten die Romane „G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke“ (1997), „Ich und die Anderen“ (2003), „Bad Monkeys“ (2007) und eben „Mirage“.  Anfang 2016 erscheint sein in den 50ern angesiedelter Roman „Lovecraft County“.

Das Buch: 09.11. 2001, Bagdad: Amerikanische, christliche Fundamentalisten kapern Flugzeuge und steuern sie in die Euphrat-und-Tigris-Zwillingstürme. Der Aufschrei in den Vereinigten Arabischen Staaten ist groß. Umgehend wird eine Militär-Aktion gestartet und die arabischen Streitkräfte marschieren in Amerika ein.

Die Bundesagenten Mustafa, Samir und Amal sind schwer beschäftigt mit der Abwehr weiterer Anschläge. Bei einem ihrer Einsätze nehmen sie einen potenziellen Attentäter fest. Und in der Vernehmung behauptet dieser steif und fest, dass alles eigentlich ganz anders ist: Amerika ist die Supermacht, die Vereinigten Arabischen Staaten gibt es seiner Ansicht nach gar nicht.

Das Ermittler-Team tut seine Äußerungen erst als seltsamen Unfug ab. Dann mehren sich aber Hinweise, dass die Aussagen des Inhaftierten doch nicht ganz so aus der Luft gegriffen sind. Mustafa, Samir und Amal versuchen zu ergründen, was denn nun Realität und was Einbildung ist. Und was haben Osama bin Laden und Saddam Hussein mit der ganzen Sache zu tun?

Fazit: Falls ich mich nicht verzählt haben sollte, ist „Mirage“ mein fünfzigstes in diesem Blog rezensiertes Buch. Angesichts dieser Zahl feiere ich mich jetzt mal 10 Sekunden selbst! 😉 …Erledigt! Kommen wir zum Thema:

Ich habe seit geraumer Zeit „Fool on the hill“ von Matt Ruff auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen, konnte mich aber trotz der Ermunterung einer einzelnen ganz bezaubernden Person nicht dazu durchringen, es zu lesen. Ich kam zweimal bis ungefähr Seite 50 und dachte mir dann immer: „Aha…“ Dann habe ich es wieder weggelegt. Und als meine Buchhändlerin mir „Mirage“ enthusiastisch in die Hand drückte und sinngemäß sagte: „Das kann ich empfehlen, das ist … abgefahren!“, wollte ich eben auch auf meine nicht so enthusiastische Erfahrung mit „Fool on the hill“ hinweisen, aber, na ja, sie hat ja meistens Recht. Und im Zuge der zweiten Chancen, die ich in jüngerer Vergangenheit mehreren Autoren gegeben habe, dachte ich mir: „Ach, dann lies es halt!“ Erstens war das eine gute Idee und zweitens hatte meine Buchhändlerin wieder mal Recht!

„Publishers Weekly“ urteilt über das Buch: „“Mirage“ ist so unterhaltsam wie provokant, und damit genau das, was beste Unterhaltungsliteratur sein sollte“. Eigentlich könnte ich es dabei bewenden lassen, denn besser und kürzer könnte ich es auch nicht sagen. Ich versuche trotzdem, ein wenig ins Detail zu gehen.

Die Ausgangssituation des Buches gibt Matt Ruff die Möglichkeit, nach Herzenslust herumzuspinnen. Und das tut er auch. Und trotz der Tatsache, dass in einem solchen Buch die Geschichte im Vordergrund steht, schafft es der Autor, dass seine Charaktere nicht zweitrangig oder gar belanglos erscheinen. Die (Vor-)Geschichte von Amal, Samir und Mustafa wird spannend beleuchtet und jede dieser Lebensgeschichten wirkt sich im späteren Verlauf auf die Handlung aus – das gefällt.

Auch was den Stil angeht, kann ich Mr. Ruff wenig vorwerfen. „Mirage“ liest sich gut und flüssig, ohne dass ich dabei jetzt in Ekstase verfalle.

Kommen wir wieder auf den Punkt „nach Herzenslust herumspinnen“: Da hat Ruff aber mal alles gegeben! Beispiele?

Nach dem 2. Weltkrieg und der Intervention der Vereinigten Arabischen Staaten entsteht der Staat Israel mit der Hauptstadt Berlin!

Tariq Aziz ist Inhaber und Herausgeber einer großen Zeitung.

Saddam Hussein ist Gewerkschaftsanführer und der oft erfolglos verklagte Chef der Unterwelt.

Osama bin Laden ist Senator und Chef einer Antiterroreinheit(!!!) des Geheimdienstes.

Während man das alles noch realtiv gut verkraften kann, steigt Ruff zwischendurch aber auch knietief in den Tümpel des schwarzen Humors ein:

Timothy McVeigh und David Koresh sind als amerikanische Geheimdienstler tätig…

Bei der Frage nach der Nationalität möglicher Verdächtiger (vielleicht deutsch), wird die Vermutung geäußert, es könne sich auch um Skandinavier handeln. Darauf Samir: „Skandinavische Terroristen? Mustafa, bitte!!“ Die Anspielung auf das Attentat des Herrn Breivik ist da sicherlich gewollt…

Nein, Matt Ruff kümmert sich in „Mirage“ keinen Deut um „political correctness“, und das ist auch gut so. Eigentlich hätte die Story die Möglichkeit geboten, noch ein bisschen böser zu sein! Aber hey, immer noch ein gutes Buch!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Kreativität: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Schutzlosen“ von Kati Hiekkapelto. Ein Thriller. Aus Finnland. Diese Namen…

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