„Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach – Mildernde Umstände?

Buch: „Der Fall Collini“ (2013)

Autor: Ferdinand von Schirach

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 195 Seiten

Der Autor: Ferdinand von Schirach, 1964 in München geboren, ist ein deutscher Schriftsteller und Strafverteidiger. Er gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autoren der letzten Jahre, dessen Bücher regelmäßig auf der “Spiegel”-Bestsellerliste stehen. Mehrere seiner Werke wurden bereits erfolgreich für das ZDF verfilmt.

Das Buch: Jean-Baptiste Meyer ist ein 85 Jahre alter Industrieller. Der Rentner Fabrizio Collini, italienischer Abstammung und seit 35 Jahren in Deutschland, gibt sich als Journalist aus und trifft sich mit Meyer in einem Hotel zum Interview. Bei dieser Gelegenheit erschießt Collini den alten Mann.

Caspar Leinen ist seit 42 Tagen Rechtsanwalt und hat eine eigene Kanzlei. Er wird Collini als Pflichtverteidiger zugeteilt. Sein Mandant macht ihm die Arbeit allerdings nicht gerade einfach, denn Collini schweigt beharrlich. Er gibt zwar die Tat als solche unumwunden zu, darüber hinaus will er sich aber nicht äußern.

Auch auf die polizeilichen Ermittlungen wirkt sich Collinis Schweigen negativ aus. Denn so unstrittig Täter, Opfer, Tatort und Mordwaffe auch sind – was fehlt, ist einzig Collinis Motiv. Die Polizei sucht nach einer Verbindung zwischen Täter und Opfer, nach einem Grund für den Mord, wird aber nicht fündig. Niemand kann sich so richtig erklären, warum ein vollkommen unbescholtener einen harmlosen alten Mann umbringen sollte.

Collini wird dennoch vor Gericht gestellt. Und erst in der Verhandlung bricht er sein Schweigen – und plötzlich steht seine Tat in einem völlig anderen Licht da.

Fazit: Ich gebe zu, nachdem mich „Tabu“ etwas ratlos zurück gelassen hat und mich bis heute die Vermutung beschleicht, dieses Buch einfach nicht komplett begriffen zu haben, war ich mir nicht ganz sicher, ob ich noch weitere Bücher von Herrn Schirach lesen sollte. Aber einem Schriftsteller eine zweite Chance zu geben, hat sich bei mir in der jüngeren Vergangenheit eigentlich immer als gute Idee erwiesen. So auch in diesem Fall.

Einerseits sind da die gewohnten Stärken im stilistischen Bereich. Der kurze, prägnante Stil Schirachs gefällt mir ausnehmend gut. Ich bekam beim Lesen den Eindruck, als habe sich der Autor wirklich über jeden einzelnen Satz lange Gedanken gemacht, es wird kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig verwendet. Hätte nicht Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geschrieben, sondern Ferdinand von Schirach – ich hätte es schon längst gelesen! 😉

Die Charaktere gefallen mir ebenfalls deutlich besser als noch in „Tabu“. Sie sind weniger weltfremd, ihr Handeln ist einfacher nachzuvollziehen. Lediglich auf die Person des Industriellen Meyer und seine charakterliche Entwicklung im Laufe seines Lebens hätte der Autor vielleicht ein wenig genauer eingehen können. Übrigens sind im Bereich der Charaktere merkwürdigerweise deutliche Parallelen zwischen beiden Büchern festzustellen. Der Rechtsanwalt Caspar Leinen verbringt einen Teil seiner Schulzeit im Internat. Sein Vater ist Jäger. Die Mutter seines besten Freundes begeistert sich für den Reitsport und hat selbst Pferde.

Alle diese Motive aus „Der Fall Collini“ finden sich fast identisch auch in „Tabu“ wieder! Ob Herr von Schirach da bei sich selbst geguttenbergt hat, kann ich nicht beurteilen, mir ist es halt nur aufgefallen.

Auch die Handlung selbst konnte mich diesmal deutlich mehr begeistern. Als Collini in der Gerichtsverhandlung sein Schweigen bricht und in Rückblenden erzählt wird, was ihn mit dem Mordopfer verbindet, spätestens da entfaltet das Buch eine gewisse Sogwirkung. Viel zu früh gerät man daher plötzlich an den Schluss den Buches und denkt sich: „Ach ja, da war ja was!“

Die Bücher von Schirachs haben leider alle einen mehr als überschaubaren Umfang. Ich weiß ja, dass man sich über die Zuordnung eines literarischen Werkes zu einer Literaturgattung anhand des Umfangs streiten kann. Aber wenn es sich bei Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ um eine Novelle handelt, dann finde ich die Bezeichnung Roman für dieses Buch mit 195 Seiten, die man größtenteils durch geringere Zeilenanzahl, größeren Zeilenabstand und einer Schriftgröße für leicht weitsichtige Menschen erreicht hat, schon überaus gewagt!

Aber das ändert nichts daran, dass „Der Fall Collini“ ein wirklich gutes Buch ist. Ein Buch über das man noch eine ganze Weile nachdenken kann.

Wertung:

Handlung: 8 von Punkten

Charaktere: 8 von Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Mirage“ von Matt Ruff, ein „Parallelwelt-Thriller“.

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