„Ein paar Tage Licht“ von Oliver Bottini – Dunkle Machenschaften

Buch: „Ein paar Tage Licht“ (2015)

Autor: Oliver Bottini

Verlag: Dumont

Ausgabe: Taschenbuch, 502 Seiten

Der Autor: Oliver Bottini ist ein 1965 in Nürnberg geborener deutscher Krimiautor. Darüber hinaus verfasst er Sachbücher über Meditation, Buddhismus und andere Themen. Nach seinem Abitur in München studierte er dort Germanistik, Italianistik sowie Markt- und Werbepsychologie. Seit 1995 ist er als freiberuflicher Autor und Lektor tätig. In den letzten Jahren wurden seine Krimialromane mehrfach ausgezeichnet, so standen sie regelmäßig in den Bestenlisten des Deutschen Krimipreises. Bottini lebt mit seiner Frau in München.

Das Buch: Peter Richter ist Manager eines deutschen Rüstungskonzerns. Richter reist nach Algerien um einen Deal über eine Lieferung Panzer abzuschließen. Dort wird er prompt entführt. Die algerischen Ermittlungsbehörden, der Geheimdienst sowie das Militär sind sofort überzeugt: Al-Qaida hat wieder einmal zugeschlagen.

Ralf Eley ist Verbindungsbeamter des BKA in Algerien. Und er kann an die Geschichte mit Al-Qaida nicht so recht glauben. Verbotenerweise stellt er eigene Ermittlungen an. Und relativ schnell ist für ihn klar: Die islamische Terrororganisation hat mit der Entführung des deutschen Managers nicht das Geringste zu tun.

Stattdessen scheinen junge Algerier dafür verantwortlich zu sein, die das bislang vom „Arabischen Frühling“ völlig unberührt gelassene Algerien von Grund auf ändern wollen. Von seinen Mutmaßungen will aber niemand etwas hören. Schließlich würde das den Panzer-Deal sowie alle weiteren Waffenlieferungen nach Algerien gefährden. Eley legt sich dennoch mit den Entführern und der mächtigen deutschen Rüstungsindustrie an.

Fazit: Möglicherweise hat die Buchindustrie meinen wiederholt geäußerten Ärger über unnötige Aufkleber auf Büchern tatsächlich vernommen. (Nun, wahrscheinlich hat sie es nicht, aber ich möchte das so gerne glauben) Statt nun aber auf diese Aufkleber einfach zu verzichten, haben die Herrschaften einen perfiden Plan ersonnen: Sie drucken die Dinger jetzt einfach drauf!!! So prangt auf diesem Buch kein Aufkleber, den man abziehen könnte, sondern der Blick des geneigten Lesers fällt auf einen orangefarbenen Kreis mit der Aufschrift: „Deutscher Krimipreis 2015“! Tja, die Buchindustrie ist mir immer einen Schritt voraus… Dass „Platz 2 beim Deutschen Krimipreis 2015“ ehrlicher, weil korrekt, gewesen wäre, fällt da gar nicht mehr ins Gewicht. Kommen wir zum Thema:

Gerade heute wurde in den Nachrichten über einen massiven Anstieg deutscher Rüstungsexporte in diesem Jahr berichtet. In erster Linie ist dieser Anstieg auf vermehrte Lieferungen nach Nordafrika zurückzuführen. Insofern widmet sich Oliver Bottini in „Ein paar Tage Licht“ einem topaktuellen Thema.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde in Deutschland Kritik an einer Panzerlieferung nach Saudi-Arabien laut. „Dort demonstrieren Menschen“, hieß es, „wie kann ausgeschlossen werden, dass die saudi-arabische Regierung diese Panzer gegen die eigene Bevölkerung einsetzt?“ Nicht zuletzt aufgrund dieser Kritik wurde von diesem Geschäft mittlerweile Abstand genommen.

Dass Waffenlieferungen häufig trotz solcher Bedenken durchgeführt werden, zeigt Bottinis Buch eindrucksvoll. Schließlich kann man mit Waffengeschäften vor allem eines: Geld verdienen! Und das ist ja so wichtig für den oft erwähnten Wirtschaftsstandort Deutschland und die dortigen Arbeitsplätze. Daher kann man sich auch schon mal großzügig über Lieferverbote und sonstige Beschränkungen hinwegsetzten, seitens der Industrie ebenso wie seitens der Politik. Angenommen, Waffen dürften nicht an Staat Y geliefert werden. Dann liefert man die Waffen eben an Staat X. Der unterschreibt dann zwar eine „Endverbleibserklärung“ (welch schönes Wort), falls die Waffen aber nicht in Staat X „endverbleiben“, sondern von dort nach Staat Y geliefert werden, tja, dann kann der deutsche Rüstungskonzern auch nichts dafür.

Oder aber, man verkauft einfach Herstellungslizenzen für Waffen. Wenn man also kein G36 an einen Staat liefern darf, dann aber wenigstens die Herstellungslizenz dazu, die Wumme darf dann vor Ort gebaut werden. Win-Win-Situation.

All solche Informationen bekommt man durch „Ein paar Tage Licht“. Und vieles davon hätte ich lieber nie gewusst, ich rege mich dann nur wieder auf. Aber gerade an den Stellen, an denen der Autor hinter die Fassade der Rüstungsindustrie und der deutschen Politik blickt, konnte er bei mir punkten.

So gut die Geschichte auch ist, so gut wird sie auch erzählt. Bottini hat einen knappen, schnörkellosen Stil, der mit gut gefällt.

Letztlich hat das Buch für mich nur ein großes Manko: Es wirkt auf mich seltsam emotionslos, die Figuren Bottinis haben mich in keinster Weise mitgerissen. Ansätze dafür waren durchaus vorhanden, ein Rüstungslobbyist, dessen Privatleben aus den Fugen gerät, eine verbotene Liaison zwischen BKA-Mann Eyle und einer tunesischen Ermittlungsrichterin, all das hätte sich angeboten, um ein bisschen mehr Zwischenmenschliches einfließen zu lassen. Seltsamerweise fühlte ich mich von den Charakteren aber nicht angesprochen, stattdessen fühlte ich mich mehr wie in einem Tom-Cruise-Film der 90er, in dem das Hauptaugenmerk der Handlung schlicht darauf gelegt wurde, dass Tom jetzt aber bitteschön erstmal umgehend und actionreich die Welt rettet.

Ein weiterer, wenn auch nur kleiner Kritikpunkt, ist für mich das Glossar. Nicht jeder ist Fachmann für Algerien, die französische Sprache oder deutsche Rüstungskonzerne, ich auch nicht. Insofern finde ich es super, wenn der Autor wie hier den Leser mittels eines Glossars etwas unterstützt. Aber 41 Seiten Glossar(!!!) für 460 restliche Seiten Text, das ist dann einfach zuviel des Guten. Ich möchte meinen Lesefluss nicht alle 60 Sekunden unterbrechen und ans Ende des Buches blättern müssen.

Aber die Tatsache, dass „Ein paar Tage Licht“ auf Platz zwei beim diesjährigen Deutschen Krimipreis gelandet ist, legt möglicherweise auch schlicht die Vermutung dar, dass ich keine Ahnung habe, wer weiß!?

Wer actionsgeladene Unterhaltung und Vermittlung von Hintergrundwissen zu Dingen, die in unserer Welt falsch laufen, mag, der wird mit diesem Buch zufrieden sein.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,75 Punkte

Demnächst in diesem Blog:

„Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach.

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