„Der Kinderpapst“ von Peter Prange – Teeniestar in leitender Funktion gesucht

Buch: „Der Kinderpapst“ (2013)

Autor: Peter Prange

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 600 Seiten

Der Autor: Peter Prange ist ein 1955 in Altona geborener Schriftsteller. Nach seinem Studium der Romanistik, Germanistik und Philosophie und einer Promotion über das Zeitalter der Aufklärung war Prange lange Zeit in Wirtschaft und Wissenschaft tätig. Seit vielen Jahren ist er hierzulande einer breiten Leserschaft als Autor historischer Romane ein Begriff. Neben einigen Sachbüchern hat Prange bereits 11 historische Romane veröffentlicht, die in insgesamt 19 Sprachen übersetzt wurden.

Das Buch: Teofilo von Tusculum kommt 1021 als vierter Sohn des Grafen Alberico von Tusculum und dessen Frau Ermilina zur Welt. Die Tuskulaner gehören zu den einflussreichsten Familien Roms. Albericos Bruder Romanus sitzt als Papst Johannes XIX. auf dem Heiligen Stuhl. Sein Amtsvorgänger war bis zu seinem Tod Benedikt der VIII., ein weiterer Bruder.

Um diese Machtposition der Tuskulaner gegen die Crescentier und Sabiner zu verteidigen, ist auch das Schicksal des jungen Teofilo früh vorherbestimmt. Er soll einmal Chiara di Sasso heiraten. Die beiden jungen Menschen lernen sich kennen, verstehen sich ausgesprochen gut, und können es kaum erwarten, bis sie alt genug für die Hochzeit sind.

Dann jedoch kommt alles anders: Papst Johannes XIX. verstirbt unerwartet. Weitere Brüder hat Alberico nicht. Daher muss er sich entweder selbst für das Amt ins Spiel bringen oder aber einen seiner Söhne, um die Macht der Familie zu erhalten. Persönlich verspürt er nicht die geringsten Ambitionen, Papst zu werden, auch seine drei ältesten Söhne scheinen ihm nicht geeignet zu sein. Aber da gibt es ja noch Teofilo! Allerdings ist der gerade erst 12 Jahre alt…

Als es um die Papstwahlt geht, schlägt Alberico dennoch seinen jüngsten Sohn vor. Eine Welle der Entrüstung schlägt ihm entgegen: Ein Kind auf dem Papstthron? Das geht doch nicht!!! Oder doch? Mit dem Argument, dass ein schwacher Papst den Vorteil hätte, dass alle im Vatikan ihm auf der Nase herumtanzen und ansonsten tun könnten, was sie wollten einerseits, und mit gigantischen Bestechungszahlungen andererseits, geschieht das Unerwartete: Teofilo von Tusculum wird im Jahre 1033, als Zwölfjähriger, Papst Benedikt IX. !

Der wird bei dieser Angelegenheit auch gar nicht groß gefragt. Und sein innigster Wunsch, bald seine Chiara heiraten zu können, verschwindet in weiter Ferne…

Fazit: Wenn man junge Menschen bereits in ihrer Kindheit einem übergroßen Erfolgsdruck aussetzt, statt sie einfach Kind sein zu lassen, dann kann es schon mal vorkommen, dass sie im Laufe der Zeit, nun, sagen wir mal, etwas wunderlich werden. Als Beispiele fallen mir da Michael Jackson, Justin Bieber, Miley Cyrus oder 4.000 andere mehr oder bekannte Disney-Kinderstars ein.

Auch Teofilo von Tusculum, nunmehr Papst Benedikt IX., ergeht es nicht anders: Er erweist sich als veritable Fehlbesetzung. Anfangs versucht Benedikt noch, den Sündenpfuhl Rom in etwas zu verwandeln, das eher den Vorstellungen seines als Einsiedler lebenden Lehrers Giovanni Graziano entspricht. Er predigt Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die drei Tugenden fordert er auch von seinen Bischöfen ein: Er fordert sie auf, ihrem Reichtum zu entsagen, ihre Mätressen zu verstoßen und seinen Anordnungen zu gehorchen. Das finden die älteren Herren Bischöfe aber mal außerordentlich amüsant und machen sich während des Konsistoriums lustig über den Jungen, der meint, Papst spielen zu können.

Bendedikt muss einsehen, dass er weder das Amt des Papstes so ausführen kann, wie er es sich vorstellt, noch seine Chiara di Sasso heiraten darf. Die Erkenntnis dieser Lage und die Verzweiflung die daraus entsteht, führen zu einer für die Christenheit im Allgemeinen und für die Bevölkerung Roms im Speziellen extrem nachteiligen Wesenveränderung des jungen Mannes.

„Der Kinderpapst“ ist nach „Die Philosophin“ das zweite Buch, das ich bis jetzt von Peter Prange gelesen habe. Und es bestärkt mich in meiner Meinung, dass Prange wirklich gute historische Romane schreibt. Ich möchte mal ein paar Vergleiche anstellen. Nachdem ich in „Die Philosophin“ noch ein wenig die fehlende historische Korrektheit bemängelt habe, die mir immer wichtig ist, wenn man über reale Perönlichkeiten der Geschichte schreibt, hat Prange in „Der Kinderpapst“ einen entscheidenden Vorteil, was diesen Kritikpunkt angeht: Über Benedikt IX. sind schlicht nicht so viele gesicherte Informationen bekannt, viele Quellen weichen voneinander ab, auch hinsichtlich seines Geburtsjahres.

Was aber die historischen Ereignisse angeht, die gesichert sind, hält sich Prange weitgehend an die Geschichtsschreibung. Wer zum Beispiel mal gerne gewusst hätte, warum im 11. Jahrhundert zeitweise gleich drei Päpste gleichzeitig im Amt waren, wird in diesem Buch umfassend aufgeklärt.

Pranges Art zu schreiben scheint wie für historische Romane gemacht. Er erzeugt Atmosphäre. Auch seine Charaktere haben mir diesmal besser gefallen. Lediglich einen Kritikpunkt muss ich unbedingt anbringen. Der Autor stattet einige seiner Charaktere wohl öfter mit seltsamen Angewohnheiten oder Spleens aus. Wahrscheinlich damit sich der Leser die Charaktere besser merken kann, oder so. „Ach ja, das war der und der!“, soll der Leser dabei vielleicht denken.

In „Die Philosphin“ hatte seine Hauptfigur Sophie in jeder romantischen Szene „Mücken im Nacken“, was ca. 24.281-mal erwähnt wurde. Und in „Der Kinderpapst“ kratzt sich Chiara di Sasso immer an beiden Schultern, wenn es an einer davon juckt. Und sie kratzt sich oft!!! Und von Teofilos Brüdern neigt der älteste dazu, dauernd an den mittlerweile blutigen Fingernägeln zu nagen. Ein anderer Bruder pult permanent an seinen Pickeln herum!!!

Diese zu häufig wiederholten Eigenheiten tragen nicht gerade dazu bei, den Figuren Tiefe zu verleihen, sondern sind im besten Fall unnötig, im schlechtesten Fall nervtötend bis ekelhaft! Und besser merken kann man sich die Figuren dadurch auch nicht. Denn die beiden Erstgenannten gehören zu den Hauptpersonen, die hat der Leser sowieso auf dem Schirm. Und der permanente Pickelpuler ist für die Geschichte vollkommen unerheblich, den muss ich mir also nicht merken!

Nun, von diesem zu vernachlässigenden Kritikpunkt abgesehen, gefiel mir „Der Kinderpapst wirklich gut. Freunde historischer Romane (und damit meine ich NICHT „Die Wanderhure“!) können damit eigentlich nichts verkehrt machen

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ein paar Tage Licht“ von Oliver Bottini, 2. Platz beim Deutschen Krimipreis 2015!

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