„Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ von John Boyne – Von Patrioten und Pazifisten

Buch: „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ (2013)

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 333 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971, ist ein renommierter irischer Schriftsteller – von dem mir bislang jedoch nur „Haus der Geister“ bekannt war. Und das konnte mich zwar zu großen Teilen, aber eben nicht vollumfänglich begeistern – wobei „begeistern“ kein Wortwitz sein soll ;-). Er studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben in Dublin und Norwich. Mittlerweile hat Boyne 14 Romane veröffentlicht, sein bekanntester und erfolgreichster war “Der Junge im gestreiften Pyjama” (2006). Der Autor lebt in Dublin.

Das Buch: Im Jahr 1916 ist Tristan Sadler gerade mal 17 Jahre alt. Und dennoch liegt sein Leben bereits in Scherben. Vor einigen Jahren ist er von der Schule geflogen, weil er dort einen Jungen geküsst hat. Daraufhin wird er von seinem Vater aus dem Elternhaus geworfen. Er meldet sich frustriert zum Militär, wartet begierig darauf, auf die französischen Schlachtfelder zu gelangen.

Er kommt in das Ausbildungslager Aldershot, wo er mit 19 anderen jungen Leuten für den Dienst an der Front gedrillt werden soll. Dort lernt er auch den jungen Will Bancroft kennen – und fühlt sich sofort zu diesem hingezogen. Seine Zuneigung scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Am Vorabend des Transports nach Frankreich kommt es in einer Atmosphäre aus Angst, Verzweiflung und Hilfslosigkeit zum Sex zwischen den Beiden. Danach jedoch würdigt Will den desillusionierten Tristan keines Blickes mehr.

1919: Fast ein Jahr nach Kriegsende schreibt Tristan einen Brief an Marion Bancroft, Wills Schwester. Er ist im Besitz der Briefe, die Marion ihrem Bruder geschickt hat und möchte sie ihr übergeben. Und er möchte ihr erklären, warum Will nicht von den Schlachtfeldern Frankreichs zurückgekehrt ist.

Exkurs: Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle ja „Das Geisterspiel“ von Andrew Taylor rezensieren. Und obwohl es recht gut geschrieben ist, ist es, nun ja, überaus spannungsentladen, um das mal vorsichtig zu formulieren. Kurz gesagt, irgendwie hatte ich keine Lust auf diese angebliche „Schauergeschichte“, vielleicht später mal. Und außerdem ist die Lektüre dieses Buches auch schon wieder drei Wochen her, ich hätte mich erst wieder reinarbeiten müssen.

Was mich zur Frage führt, warum ich längere Zeit überhaupt nichts rezensiert habe. Nun, nennen mir es mal eine Aneinanderreihung von Unpässlichkeiten. So ist zum Beispiel mein Router in die Ewigen Jagdgründe der Unterhaltungseletronik eingegangen. Dort spielt er wahrscheinlich gerade „Mensch-ärgere-Dich-nicht“ mit alten 56 k-Modems, Minidiscplayern, Betamaxgeräten und Röhrenfernsehern von Loewe. Vielleicht sehen sie sich aber auch voller Belustigung alte 90er-Jahre-Werbespots von AOL mit Boris Becker und dem bescheuerten Satz „Bin ich da schon drin, oder was?“ an. Tja, wer weiß das schon so genau?

Jedenfalls war ich 6 Tage am Stück ohne Internet. 6, in Worten: SECHS, Tage! Ich rate jedem, das mal auszuprobieren. Also auch so ohne Handygedöns, und so. Man erreicht relativ schnell das Stress-Level von Männern beim Schuhekauf in Einkaufstempeln oder Jet-Piloten im Einsatz. Gut, soviel dazu, zurück zum Thema. Exkurs Ende

Fazit: Der angeblich schönste erste Satz eines deutschsprachigen Romans lautet ja bekanntlich: „Ilsebill salzte nach.“ Aus Günter Grass´ „Der Butt“. Da ich dieses Werk nicht gelesen habe, kann ich mir da kaum ein Urteil erlauben. Auch wenn es sich bei dem vorliegenden Buch nicht um einen deutschsprachigen Roman handelt, jedenfalls beginnt John Boyne mit: „Die ältere Dame mit dem Fuchs um den Hals , die mir im Zugabteil gegenübersaß, erinnert sich an einige Morde, die sie im Laufe der Jahre begangen hatte.“ (S.7) Finde ich auch nicht schlecht! 😉

Obwohl ich von John Boynes „Das Geisterhaus“ nicht gerade euphorisiert war, habe ich mir „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ im Rahmen eines im Nachhinein nicht mehr näher erklärbaren Kaufrausches zugelegt. Welch weise Entscheidung!!!

Boyne erzählt die Geschichte als Ich-Erzähler aus der Sicht Tristan Sadlers. Das hat zur Folge, dass man über die Gedankenwelt und Beweggründe anderer Figuren nur Tristans Sicht der Dinge erfährt und als Leser gezwungen ist, seine eigenen Schlüsse zu ziehen und, ja, auch mal nachzudenken. Das ist man ja gar nicht mehr gewöhnt heutzutage… Ich werde über einige Passagen noch eine ganze Weile grübeln, schätze ich. Der relativ überschaubare Umfang des Buches verbietet es mir aber leider, noch mehr über die Handlung preiszugeben. Aber was bei Boyne alles in 333 Seiten passt, das steht bei anderen nicht auf 885 Seiten. (Ja, Stephen King, ich sehe Dich und Dein „Needful Things“ an…)

Dass Boyne stilistisch über einiges Können verfügt, war mir bereits geläufig. Mit welcher Genauigkeit und Intensität er aber in der Lage ist, einzelne Szenen zu beschreiben, das hat mich überrascht. Da prägen sich dem Leser so unbedeutende Szenen wie die mit dem obigen Satz eingeläutete mit der Frau im Zug ebenso ein wie die schonungslose Darstellung der Verzweiflung, des Leidens und Sterbens in den Schützengräben des ersten Weltkriegs. Ich habe während der Lektüre immer wieder zum Stift gegriffen, um einzelne Sätze oder Formulierungen zu markieren. Sehr gut gefiel mir zum Beispiel auch: „(…) und sie schenkte mir so etwas wie den entfernten Verwandten eines Lächelns.“ (S.119) Den kannte ich noch nicht. 😉

„Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ ist ein eher leises Buch. Aber es ist wirklich keine Seite langweilig und gehört definitiv zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Wäre ich ihr, würde ich es lesen. 😉

Wertung: Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog (wenn der Router hält): „Intrige“ von Robert Harris. Ein von mir sehr geschätzter Autor befasst sich mit einem von mir sehr geschätzten Thema, der Dreyfus-Affäre. Dem wahrscheinlich größten Politik-Skandal im Frankreich des 19. Jahrhunderts. So wie ich Harris kenne, KANN das nur gut sein.

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3 Kommentare zu „„Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ von John Boyne – Von Patrioten und Pazifisten

  1. 9,625 Punkten! Wow. Dieses Buch scheint dich ja wirklich begeistert zu haben 🙂 Ich finde die Rezension wirklich gelungen. So gelungen, dass ich mir gerade überlege, ob ich mir dieses Buch nicht auch zulegen sollte. Ich weiß nicht, ob es an dem Thema liegt, welches mir natürlich zusagt 😉 oder an deiner eher leisen Art und Weise dieses Buch zu loben 🙂 Eine wirklich schöne Rezension 🙂

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