„Die Todesliste“ von Frederick Forsyth – Dialoge werden überbewertet…

Buch: „Die Todesliste“ (2015)

Autor: Frederick Forsyth

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 318 Seiten

Der Autor: Frederick Forsyth, geboren 1938 in Ashford, Kent, England) ist ein britischer Schriftsteller. Nach seinem Militärdienst bei der britischen Luftwaffe arbeitete Forsyth für die Nachrichtenagentur Reuters in verschiedenen europäischen Ländern. Für die BBC war er als Fernsehreporter in afrikanischen Kriegsgebieten unterwegs. Bereits Anfang der 70er begann er seine schriftstellerische Laufbahn und schon mit seinen ersten beiden Romanen (Der Schakal & Die Akte Odessa) feierte Forsyth große Erfolge. Bisher veröffentlichte der Autor insgesamt 18 Bücher, von denen einige auch verfilmt wurden.

Das Buch: In Washington gibt es eine streng geheime und daher nur einer Handvoll Menschen bekannte Liste. Auf dieser stehen die Namen von Terroristen, die man als so gefährlich für die USA einstuft, dass man erst gar nicht versucht, ihrer habhaft zu werden und sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Auf dieser Liste taucht nun seit kurzer Zeit „der Prediger“ auf. Ein fanatischer Islamist, dessen richtiger Name unbekannt ist und der im Internet Predigten verbreitet, in denen er Gleichgesinnte dazu aufruft, sich in deren Umfeld berühmte und/oder wichtige Personen auszusuchen und diese dann mittels eines Selbstmordattentats zu töten. Im Laufe kürzester Zeit werden daraufhin in den USA und Großbritannien mehrere solcher Attentate verübt.

Kit Carson ist Geheimdienstmitarbeiter. Er bekommt die schwierige Aufgabe, den „Prediger“ zu beseitigen.

Fazit: „Die Todesliste“ ist nach „Das vierte Protokoll“ erst der zweite Roman, den ich von Forsyth gelesen habe. Er wird auf absehbare Zeit auch der letzte sein, denn dieses Buch ließ mich mit diffusem Unwohlsein und Übelkeit zurück. Beim Versuch, Aspekte zu finden, die für die Qualität dieses „Thrillers“ sprechen, kam ich zu der ernüchternden Erkenntnis: Es gibt irgendwie keine.

Schon zu Beginn des Buches macht es der Autor seinen Lesern nicht gerade leicht: Ellenlang wird der berufliche Werdegang Kit Carsons, auch „der Spürhund“ genannt, beschrieben, der natürlich, wie sich das gehört, in die militärischen Fußstapfen seines Vaters und seines Großvaters treten soll und das auch tut. Welch gehorsames Kind…

Nur ist die Aufzählung diverser Tätigkeiten, Einsatzorte und Beförderungen vor allem eines: Vollkommen unnötig! Keine dieser Informationen bringen den Leser im Verlauf der Geschichte noch irgendwie weiter. Es verrät einem nicht das Geringste über die Person Kit Carson selbst. Ich könnte meiner Leserschaft auch detailliert meinen offiziellen Lebenslauf runterbeten, ohne das jemand der mich nicht kennt, dadurch auch nur den Hauch einer Ahnung bekommt, was für ein Mensch ich bin. So ist das hier eben auch. Was Forsyth dazu bewogen hat, das so auszuwälzen, erschließt sich mir nicht. Oder doch: Seiten füllen! Denn die äußerst dünne Geschichte füllt auch nur ein recht dünnes Buch, mit gut 300 Seiten. Ohne diesen Einleitungsquatsch hätte Forsyth vermutlich irgendwelche Verlagsvorgaben hinsichtlich des Umfangs nicht erfüllen können, das unterstelle ich einfach mal.

Auch im späteren Verlauf nimmt das Buch nicht wirklich Fahrt auf und erreicht an keiner Stelle die Spannung die das auf das Cover gedruckte Wort „Thriller“ eigentlich impliziert. „Die Todesliste“ ist definitiv kein Thriller! In äußerst nüchterner Art und Weise wird der Verlauf der Geschichte eher berichtet als erzählt. Auf Dialoge verzichtet der Autor dabei weitgehend. Nur an Stellen, an denen es sich überhaupt nicht mehr vermeiden lässt, kommt mal jemand zu Wort.

Vorsicht, leichter Spoiler! Die Geschichte selbst ist, wie schon erwähnt, weder besonders spannend noch bietet sie irgendeine Art von Überraschung. Von Anfang an ist klar, dass das Ganze vermutlich nicht mit einem verblutenden Kit Carson ausgeht, während im Hintergrund fröhlich feiernde Islamisten tanzend Blumen streuen. Nein, Carson hat den Auftrag, den „Prediger“ zu beseitigen, und in einem Buch, in dem die Rollen der Guten und der Bösen so eindeutig wie hier verteilt sind, da kann es nur ein logisches Ende geben. Spoiler Ende

Dabei hätte sich Forsyth eigentlich die Möglichkeit geboten, ein Buch über moralische Grundsätze zu schreiben. Er könnte zum Beispiel hinterfragen, ob es nicht moralisch verwerflich ist, Menschen ohne Gerichtsverhandlung zum Tode zu verurteilen. Lieber macht man sich gar nicht erst die Mühe eines solchen Verfahrens, sondern setzt eben einen Namen auf eine Liste und gibt diese Menschen dann sozusagen zum Abschuss frei. Problem gelöst? Bestimmt! Oder?

Ja, diese Frage über moralische Grundsätze hätte er stellen können. Hat er aber nicht…

Er hätte auch die Frage nach den Ursachen des radikalen Islamismus stellen können. Wie kann gewalttätiger, radikaler Islamismus zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen werden? Und wo liegen die Ursachen für den Einzelnen, sich für diese Art der Weltanschauung zu begeistern?

Ja, damit hätte er sich beschäftigen können. Hat er aber nicht…

Das hätte unter Umständen aber auch so etwas wie Recherche erfordert! Pfui, das kann ich von einem Thriller-Schriftsteller doch im Leben nicht verlangen. Forsyth erklärt dem Leser stattdessen ganz dolle teure, und ganz dolle coole Fallschirmspringerausrüstung inklusive der entsprechenden Bewaffnung, mit der die ganz dolle coolen Fallschirmspringer dann Jagd auf den fürchterlich hasserfüllten Internetprediger machen. Das ist auch ein Ansatz, zugegeben, nur meiner wäre es nicht gewesen.

Dass Forsyth eher den banalen „Wir gut – die böse“-Ansatz verfolgt, wird schon in der Figur des Kit Carson deutlich. Er ist ein amerikanischer Held! Der Autor erwähnt, dass es eine amerikanische „Pionierslegende“ gleichen Namens gab…

Ich hab mich mal in einem großen Internetlexikon mit „W“ schlau gemacht: Diese „Pionierslegende“, der historische Kit Carson, zeichnete sich in erster Linie nicht durch Brunnen- und Brückenbau aus, sondern dadurch, dass er im Jahre 1863 den Vernichtungsfeldzug gegen die Navajo anführte. Dabei wurden Viehherden, Wasserstellen und Lebensmittel der Navajo vernichtet. Und, naja, ein Teil der Navajo eben auch… Ja, nee, „Pionierslegende“, is klar! Da bekommt das Wort „Legende“ eine völlig neue Bedeutung!

Abschließend kann ich sagen, dass „Die Todesliste“ für mich ein literarischer Totalausfall ist. Die Geschichte schwach, der Stil verbreitet den Charme eines 300-seitigen deutschen Behördenschreibens und mit den Charakteren habe ich mich während dieser Rezension wahrscheinlich länger befasst als der Autor während der Entstehung dieses Nicht-Thrillers. Wer Romane von Tom Clancy mit Jack Ryan in der Hauptrolle mag, was ich nicht tue, bei dem besteht die realistische Chance, sich mit diesem Buch nicht zu Tode zu langweilen. Allen anderen sei gesagt: Hände weg! Ganz ehrlich, ich mein´s nur gut mit euch! 😉

Wertung:

Handlung: 2 vom 10 Punkten

Charaktere: 2 von 10 Punkten

Stil: 3 von 10 Punkten

Spannung: 2 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 2,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Ich würde ja unheimlich gerne „Die Seiten der Welt – Nachtland“ von Kai Meyer rezensieren. Weil es sich dabei aber um eine Fortsetzung handelt, könnte das schwierig werden, da ich noch nicht so ganz weiß, wie ich über dieses Buch schreiben soll, ohne zu viel vom ersten Teil zu verraten. Bis mir eine entsprechende Vorgehensweise eingefallen ist, beschäftige ich mich zeitnah erstmal mit „Girl on the train“ von Paula Hawkins.

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